Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Jüdisches Leben
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  • ausgabe:  Pamela Rendi-Wagner | Nr. 68 (02/2017) - Tamus 5777
  • Die junge jüdische Stimme Deutschlands

    Am Rande der Bundestagswahlen in Deutschland wird eine neue, junge, jüdische Stimme laut. Kurz nach ihrer Gründung wählte die Jüdische Studierendenunion Deutschland (JSUD) in Berlin eine Frau an ihre Spitze. Präsidentin Dalia Grinfeld erzählt dem NU von den Zielen ihrer Organisation, von Kofferjuden und gekrümmten Bananen.
    VON SAMUEL MAGO

    © JSUD
    JSUD-Präsidentin Dalia Grinfeld: „Ich lebe, ich atme, ich lese, ich esse JSUD durch und durch.“

     

    „Sagt man Jeh-Sud oder Jott-esu- deh?“, frage ich die Präsidentin. „Wir sind doch keine Suppe…“, lacht sie und verweist mich auf Zweiteres. Ihre Stimme rauscht durch die Skype-Verbindung von Berlin nach Wien. „Die JSUD möchte die junge jüdische Stimme in Deutschland sein. Aber nicht nur irgendeine Stimme, sondern eine politische Stimme. Ich sage immer, wir sind nicht die nächste Schabbes-Organisation oder die neuen Chanukka-Party-Planer. Wir sind auch nicht der Zentralrat, aber wir wollen in der Politik aktiv werden und eine politische Stellung in Deutschland einnehmen“, erklärt Dalia.

    Es ist früh am Morgen und die Berlinerin beneidet mich um den Wiener Mokka auf meinem Schreibtisch. Die 22-Jährige ist in Stuttgart geboren. Ihre Mutter stammt aus Riga und wuchs in Deutschland, Israel und New York auf. Ihr Vater kommt aus Argentinien. Kennengelernt haben sich ihre Eltern in Israel, von wo aus sie gemeinsam nach Deutschland auswanderten. „Wir sind sehr traditionell, aber nicht unbedingt religiös. Weil es in Stuttgart so wenig jüdisches Leben gab, hat meine Mutter entschieden, dass wir nach Berlin umziehen, damit ich die Möglichkeit habe, jüdisches Leben zu erleben. In Berlin hat dann meine jüdische Institutionenkarriere angefangen“, lacht sie. Aus dem jüdischen Kindergarten in die jüdische Grundschule, aus der jüdischen Oberschule ins jüdische Gymnasium. Später zog sie nach Heidelberg und studiert dort im Bachelor Politikwissenschaften und Jüdische Studien.

    Ihr bewusstes jüdisches Leben hat mit ihrem ersten Ferienlager begonnen, erzählt Dalia. Damals war sie acht Jahre alt und sei nicht nur singend und schreiend von den jüdischen Liedern zurückgekommen, sondern auch mit einem Gefühl von Zusammengehörigkeit mit Leuten, die sie davor noch nie gesehen hätte. „Juden aus ganz Deutschland. Und dann jeden Sommer, jeden Winter auf Ferienlager gefahren. Dann wollte ich unbedingt selber aktiv werden als Jugendleiterin. Ich war in sehr vielen jüdischen Initiativen. Und das waren die zwei bedeutsamen Sachen, die mein Leben geprägt haben: einmal Politik und einmal jüdischer Aktivismus. Seit der Wahl zur Präsidentin der JSUD ist nicht viel Zeit vergangen, aber ich merke jetzt schon, ich lebe, ich atme, ich lese, ich esse JSUD durch und durch. Es ist überall. Es ist auch anstrengend, aber es ist supercool“, schwärmt die Präsidentin.

    Der Grundstein ihrer Identität sei zunächst einmal jüdisch. Sie definiert sich als eine in Deutschland geborene Jüdin mit russisch-argentinisch-israelischem Hintergrund. „Ich fühle mich in einem Flugzeug sehr wohl. Dann bin ich nämlich nicht nur in einem Staat. Die junge jüdische Generation in Deutschland will aber keine neue Generation von ‚Kofferjuden‘ sein. Wir wollen uns hier in Deutschland ein Leben aufbauen. Damit hier etwas weitergeht. Wir haben unsere jüdischen Werte und wir sind auch Teil der deutschen Gesellschaft. Und wir wollen Teil des politischen Diskurses in Deutschland sein.“

    Deutsche Juden und Juden in Deutschland

    Die JSUD sei die erste politische Stimme jüdischer Studenten in Deutschland. Andere Studierendenverbände habe es schon gegeben, einen Einfluss auf die Innenpolitik Deutschlands hätten sie heute jedoch nicht mehr. „Es gab den Bund jüdischer Studierender in Deutschland (BJSD). Auf Papier existiert er noch, aber er ist faktisch seit zehn Jahren nicht mehr aktiv. Er war auch anders als wir. Er hat in den 80er-Jahren unglaublich gute Arbeit geleistet, aber er war nie eine politische Stimme, sondern eine Dachorganisation. Wir sind eine bundesweite, politische Vertretung jüdischer Studierender. Es gibt Leute, die fühlen sich als deutsche Juden oder als Juden in Deutschland oder auch als etwas ganz anderes. Es hat Zeit gebraucht, bis man diese neuen Identitäten gefunden hat. Aber Fakt ist, wir haben ein neues Selbstverständnis, anders als die Generation unserer Eltern und Großeltern. Das ist eine Entwicklungsphase, die wir durchgemacht haben. Es muss auch weiterhin vielfältige und inklusive kulturelle und soziale Angebote für Studenten geben, wir fördern das auch. Aber das ist eben die nächste Stufe: die Politik.“

    In den letzten drei Jahren seien immer mehr Stimmen laut geworden, die eine nationale Vertretung jüdischer Studierenden-Organisationen in Deutschland forderten. Nach ihrer Gründung möchte die JSUD einerseits mit den regionalen Studierendenverbänden arbeiten und sie mit innovativen Inputs und Konzepten unterstützen und vernetzen. Außerdem wolle sich die Studierendenunion auch innerhalb der jüdischen Gemeinde einbringen: „Die JSUD vertritt rund 25.000 junge jüdische Erwachsene im Alter von 18-35 Jahren in Deutschland. Das sind eine Menge Stimmen und Ideen. Und deswegen wollen wir, dass die junge Stimme innerhalb der Gemeinde, in die verschiedenen Organisationen, mit am Tisch sitzt. Dass wir eben nicht einfach stumme Studenten sind – auch wenn diese Organisationen tolle Arbeit leisten. Wir sind die Stimme, die mitreden und mitgestalten möchte.“

    Die Politik der JSUD wird von allen Wahlberechtigten in der jährlichen Vollversammlung vorgegeben. „Dort wird über die Policies abgestimmt und da kann man auch seine Anliegen einreichen. Wenn zum Beispiel jemand möchte, dass sich die JSUD für gekrümmtere Bananen einsetzt. In der EU Politik gibt es ein Gesetz für den Krümmungsgrad von Bananen. Dann wird darüber diskutiert und abgestimmt, und der Vorstand muss sich um die Umsetzung der abgestimmten Policies kümmern. Die Politik kommt nicht von uns. Die Politik wird von der Vollversammlung vorgegeben.“

    Frau Präsidentin

    Dass eine junge Frau an die Spitze einer jüdischen Organisation gewählt wird, ist nicht selbstverständlich. Umso mehr will sich Dalia Grinfeld für die Gleichstellung der Frauen in der Gesellschaft einsetzen: „Wir sind noch nicht an einem Punkt in der Welt, wo alles gleichgestellt ist. Weder für Minderheiten noch für Frauen. Und meiner Meinung nach ist auch die jüdische Gesellschaft mit verantwortlich, junge Jüdinnen zu fördern. Dass man da einen Schritt vorangeht und sagt, wir haben noch keine hundertprozentige Gleichheit und wir müssen das angehen“, erklärt die Studentin. Auch Koalitionen zwischen verschiedenen Minderheiten seien der JSUD wichtig. „Wir haben uns schon in Verbindung gesetzt mit dem Rat muslimischer Studierender und Akademiker. Auch mit den Bahai, den Roma und den Armeniern wollen wir schauen, wo sind unsere Gemeinsamkeiten, wo ist es sinnvoll, zusammenzuarbeiten. Vor allem auch im Bundestagswahlkampf. Im AfD-Programm steht zum Beispiel: ‚ … den Multikulturalismus betrachtet die AfD als ernste Bedrohung für den sozialen Frieden und für den Fortbestand der Nation …‘ Ich bin mir sehr sicher, dass wir als jüdische Studierende nicht die einzigen sind, die das stört. Die das absolut und vollkommen verkehrt finden. Die JSUD arbeitet gerade an Kampagnen zum Thema Bundestagswahlkampf und gegen die AfD. Wir wollen grundsätzlich nach innen sagen: Leute, geht wählen! Dann aber auch, warum man nicht AfD wählen sollte, warum wir als Juden speziell nicht AfD wählen sollten und warum wir als JSUD aktiv gegen die AfD arbeiten werden.“

    Samuel Mago

    Samuel Mago

    Der Linguistik-Stundent ist in Budapest geboren und hat jüdische und Roma Wurzeln. Er ist freier Journalist und engagiert sich als Roma-Aktivist im Verein Romano Centro.
    Samuel Mago

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