Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Interview, Jüdisches Leben
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  • ausgabe:  Gal Gadot | Nr. 69 (03/2017) - Elul 5777/Tischri 5778
  • Die jüdischen Gene

    Professor Markus Hengstschläger ist nicht nur ein international renommierter Wissenschaftler auf dem Gebiet der Genetik, dessen Institut humangenetische Diagnostik betreibt. Er ist auch ein hervorragender Redner und Gesprächspartner, der es schafft, komplexe Inhalte so zu erklären, dass man sie auch als Laie versteht.
    VON MARTIN ENGELBERG

     

    Das Thema unseres Gespräches: Genetik und Juden. In der jüdischen Community der USA gibt es bereits ein viel größeres Bewusstsein für spezifische Gendefekte jüdischer Menschen als hierzulande. Diese betrifft vor allem die aschkenasischen, also mittel- und osteuropäischen Juden. Die erste Frage also ist:

    NU: Gibt es unter Jüdinnen und Juden eine Häufung von genetischen Defekten?

    Hengstschläger: Ja, es gibt eine Häufung von bestimmten genetische Erkrankungen. Aber wenn Sie jetzt alles zusammenfassen, dann haben zwar wohl die aschkenasischen Juden für bestimmte Erkrankungen eine höhere Auftretungswahrscheinlichkeit, dafür aber für andere vielleicht eine niedrigere. Also, in Summe eher nein. Denn dafür könnte es – und das hört sich jetzt überraschend an, aber das ist wirklich so – im Burgenland Regionen rund um den Neusiedler See geben, wo es für bestimmte andere Erkrankungen ein erhöhtes Risiko gibt.

    Aber es gibt Erkrankungen, die bei aschkenasischen Juden gehäufter auftreten. Warum ist das so? Was kann man dagegen tun?

    Tatsächlich gibt es Erkrankungen, die infolge von Gendefekten gehäufter auftreten. Grundsätzlich ist zu fragen – wie entstehen solche Häufungen? Da wären z.B. der Founder-Effekt oder auch ein – wie ich es nenne – „eingeschränktes Fortpflanzungsspektrum“ zu nennen. Der Founder-Effekt bedeutet: Zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Geschichte entscheidet sich z.B. eine Gruppe, woanders hinzugehen und startet dort eine Population. Und was sie genetisch mitnehmen, ist und bleibt dann in der Linie. Das ist natürlich Zufall. Denn wäre eine andere Gruppe dorthin gegangen und hätte begonnen, sich fortzupflanzen, dann wäre eine andere genetische Konstellation daraus entstanden.

    Wenn das Fortpflanzungsspektrum jedoch groß ist, es zu einer Vermischung mit anderen Menschen in der Region kommt, dann erhöht sich die genetische Variation. Oft war aber dieses Fortpflanzungsspektrum sehr eingeschränkt, z.B. aufgrund von religiösen oder auch anderen Hintergründen.

    Das klingt jetzt so, als ob das eine recht häufig vorkommende Entwicklung ist. Dass also aschkenasische Juden kein Sonderfall sind.

    Das stimmt gewissermaßen. Das häufige Auftreten der Bluterkrankheit im britischen Königshaus hat sich ja auch dadurch manifestiert und immer weitervererbt. Es gilt: Umso geringer das besagte Fortpflanzungsspektrum ist, umso höher ist das Risiko, dass sich bestimmte genetische Anlagen dann dort auch manifestieren. Interessant ist noch, dass neueste Studien zeigen, dass Menschen jüdischer Herkunft, aus ganz verschiedenen Regionen und Ländern, also dem Iran, Irak, den USA oder Russland, doch offensichtlich noch immer klare genetische Ähnlichkeiten aufweisen. Das könnte bedeuten, dass es nicht viele verschiedene Ausgangspunkte gab, sondern häufig gemeinsame Abstammungen.

    Wieso gibt es dann aber nur unter aschkenasischen Juden diese Häufung an Gendefekten und nicht auch bei den sephardischen, also orientalischen, Juden?

    Da kann man nur vermuten, dass es wohl zwischen den Sepharden und der sonstigen Bevölkerung einen stärkeren Austausch gab als bei den Aschkenasen.

    Heute kommt zu dieser genetischen Frage noch die Tatsache hinzu, dass zum Beispiel zehn Prozent der amerikanischen Juden orthodox sind und kaum nicht-jüdische Partner heiraten. Dagegen haben die restlichen 90 Prozent der Juden zu zirka 60 Prozent Kinder mit nicht-jüdischen Partnern.

    Das heißt, das wird sich jetzt sowieso ändern, in zwei, drei Generationen sind die spezifisch jüdischen Gendefekte vielleicht kaum mehr ein Thema. Heutzutage ist die Weitergabe von Gendefekten ohnedies gar kein großes jüdisches Problem mehr. Die Fortpflanzung innerhalb naher Verwandtschaft – also natürlich nicht ersten Grades, wie Eltern, Kinder und Geschwister, aber schon zwischen Cousins und Cousinen – ist in anderen Ethnien oft ein viel größeres Thema.

    Die schwersten Erkrankungen

    Was sind die schwersten Erkrankungen aufgrund von Gendefekten unter jüdischen Menschen?

    Es sind durchwegs sehr, sehr schwere Erkrankungen dabei. Das Tay-Sachs-Syndrom ist beispielsweise eine angeborene schwere Entwicklungsretardierung, die oft innerhalb weniger Jahre zum Tod führt. Es gibt aber auch Häufungen von Hämophilie (Bluterkrankheit) oder z.B. von zystischer Fibrose. Dann gibt es beispielsweise auch ein gehäuftes Auftreten von Mutationen im BRCA1- oder BRCA2-Gen, den sogenannten Brustkrebsgenen. Dadurch erhöht sich die Wahrscheinlichkeit einer Tumorbildung, insbesondere für Brust- und Eierstockkrebs. Brustkrebs können übrigens auch Männer bekommen. Auch wenn [die amerikanische Schauspielerin] Angelina Jolie sich das Brustgewebe entfernen hat lassen, ist ja die aktuelle Empfehlung eher, primär ganz engmaschig und vielleicht früher als normal mit Vorsorgeuntersuchungen zu beginnen.

    Obwohl im Falle von Mutationen im BRCA1-Gen die Wahrscheinlichkeit doch hoch ist, dass diese Frau irgendwann einmal in ihrem Leben einen Brustkrebs entwickelt.

    Ja, die Wahrscheinlichkeit ist in der Tat gegenüber dem Bevölkerungsdurchschnitt sehr stark erhöht – das Risiko, dass Brustkrebs auftreten kann, also größer. Engmaschige Vorsorgeuntersuchungen sind aber ein gutes und anerkanntes Instrument, hier entgegenzuwirken. Und trotzdem muss gesagt werden, dass gar nicht wenige Frauen mit Brustkrebsgenmutationen sich prophylaktisch das Brustgewebe entfernen lassen. Man hört oft das Argument, ich will nicht jeden Tag in der Früh aufstehen und das im Kopf haben, ich will es erledigt haben.

    Wenn zwei aschkenasische jüdische Menschen heiraten – macht es da Sinn, vorsorglich einen Gen-Test zu machen?

    Hier trennen sich ein bisschen die Ansichten. Ich kann auf diese Fragen präzise wissenschaftlich nur antworten, wenn ich das jeweilige Verwandtschaftsverhältnis kenne. Nur aufgrund der Tatsache, dass sie der aschkenasischen jüdischen Bevölkerung angehören, würde ich das nicht automatisch tun. Ich würde aber auf jeden Fall eine genetische Beratung empfehlen – da kann man in Ruhe alles detailliert abklären. Wir bieten solche Beratungen an der Medizinischen Universität Wien an.

    Anders wäre die Sache nämlich zu bewerten, wenn beispielsweise schon ein bestimmter Fall einer solchen genetischen Erkrankung in der Familie aufgetreten ist. Also wenn jetzt ein Paar mit aschkenasischem Hintergrund kommt und sagt: „Mein Cousin hat ein Kind mit Tay-Sachs-Syndrom gehabt“, oder der Onkel hat ein Kind mit zystischer Fibrose. Dann gibt es eine Stammbaum-Analyse, und wir berechnen genau die Wahrscheinlichkeiten. Das hat dann vielleicht sogar weniger damit zu tun, dass es sich um aschkenasische Juden handelt, sondern eigentlich mehr mit der einschlägigen Familiengeschichte.

    Option: Künstliche Befruchtung

    Und was machen Sie dann, wenn Sie einen solchen Gendefekt finden?

    Da gibt es drei Optionen. Option Nummer eins ist: Nun, das ist eben so. Die Eltern würden in diesem Fall akzeptieren, dass je nach Erbgang der genetischen Erkrankung mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit weitere Kinder auch von dieser Krankheit betroffen sein können. Option Nummer zwei ist Pränataldiagnostik: Man macht entweder in der zehnten Schwangerschaftswoche eine Chorionzotten- Biopsie (Plazentapunktion) oder vielleicht in der 16. eine Fruchtwasserpunktion. Heute wird öfter die Plazentapunktion in der zehnten Woche durchgeführt. Warum sage ich das so ein kleines bisschen wertend? Weil ein Befundergebnis, das man in der zehnten Schwangerschaftswoche erhält, präsentiert sich unter anderen rechtlichen, ethischen und auch medizinischen Gesichtspunkten als in der 16. Woche. Es gibt aber auch eine dritte, mittlerweile in Österreich auch routinemäßig angewendete Option. Man macht eine künstliche Befruchtung. Nach einer Hormonstimulation bei der Frau werden Eizellen gewonnen und mit Spermien des Mannes befruchtet. Dann untersucht man jeden so entwikkelten Embryo mittels Genanalyse mit dem Ziel, nur solch einen Embryo in die Gebärmutter einzusetzen, der die familiäre genetische Erkrankung nicht trägt. Diese sogenannte Präimplantationsdiagnostik wird von vielen Paaren gegenüber der Pränataldiagnostik mit einem eventuellen Schwangerschaftsabbruch vorgezogen.

    Das ist aber unter normalen Umständen nicht erlaubt?

    Das ist mit einer entsprechenden Indikation in Österreich erlaubt, und die gemeinsame Trägerschaft für bestimmte Erkrankungen kann so eine Indikation sein. Unter den Pionieren der Präimplantationsdiagnostik waren und sind übrigens viele jüdische KollegInnen. Auch weil die ethischen Bewertungen etwas andere sind. Auch viele meiner Lehrer in USA waren jüdische Genetiker.

    Die Präimplantationsdiagnostik wird seit vielen Jahren weltweit angewendet und auch viel genutzt. Sie ist eine sehr gut etablierte Methode, die aber auch mit den Nachteilen der künstlichen Befruchtung verbunden ist, wie etwa die Hormonbehandlung oder auch keinesfalls hundertprozentigen Erfolgsraten. Trotzdem bietet sie gerade auch jüdischen Paaren mit entsprechenden genetischen Familienanamnesen eine alternative Option.

    Das ist also ein Plädoyer für einen viel bewussteren Umgang mit der Genetik und den heutigen Möglichkeiten.

    Wenn heute junge Menschen entsprechende Sorgen haben, dann spricht nichts dagegen, dass sie von sich aus eine genetische Beratungsstelle aufsuchen und eventuell auch entsprechende Untersuchungen machen. Es gibt andererseits aber auch das Recht auf Nichtwissen. Das ist im österreichischen Gentechnikgesetz sehr klar verankert. Wir sollen und wollen keinem Menschen irgendwas vorschreiben.

    Genetische Intelligenz unter Juden

    Kommen wir zum Schluss auch noch zum Thema der Intelligenz als Teil der Genetik.

    Zuerst einmal: Warum fragt man überhaupt einen Genetiker zur Intelligenz. Ist Intelligenz überhaupt etwas Genetisches? Und da würde ich heute sagen, es steht vielleicht 50:50. Wir sagen in der Genetik, es gibt in Wirklichkeit zwei Arten zu vererben: Gene und Meme. Die Gene sind das Biologische, während Meme das sind, was von Kopf zu Kopf in die nächste Generation wandert – durch Erziehung, durch Bildung, durch Vorbild, durch Ansprüche, die man an die nächste Generation stellt. Es gibt so manche Thesen, warum der IQ, inklusive der genetischen Komponente, im Judentum höher sein könnte – dass z.B. bei Juden im Mittelalter vielleicht eine Art verbale und mathematische Intelligenz selektiert wurde. Man müsste die Frage also eigentlich anders stellen.

    Und zwar?

    Da wäre die Frage nach der Intellektualität. Das heißt: Memetisch kann ich mir natürlich gut vorstellen, dass es aufgrund der Geschichte des Judentums zu einer besonderen Entwicklung kam. Das Ausüben der jüdischen Religion bedeutet, dass man schon sehr jung ganz aktiv mit permanenter hoher geistiger Aktivität verbunden bleiben muss, mit aufwendigen Lernprozessen – und man verbringt ja sein ganzes Leben mit den Schriften und deren Interpretation.

    Intelligenz bleibt also harte Arbeit?

    Gene sind nur Bleistift und Papier, die Geschichte muss man selber schreiben. Und das trifft vor allem beim Thema IQ, Intelligenz und so weiter, massiv zu. Es ist schon so, dass manche sehr viel fleißiger sein müssen, sehr viel mehr investieren müssen, um zum selben Ergebnis zu kommen, und manchmal nur ganz wenig notwendig ist, um was Geniales zu machen.

    Nehmen wir Mozart: Der war sicher ein besessener Arbeiter. Das waren und sind alle, die solche genialen Leistungen erbrachten. Aber: Wenn ich 24 Stunden am Tag nur über Musik nachgedacht hätte, wäre mir dann auch so etwas Geniales wie die Zauberflöte eingefallen? Hier kommt sicher auch eine genetische Komponente zum Tragen. Aber umgekehrt möchte ich unbedingt noch einmal betonen: Wenn Mozart nicht so fleißig gewesen wäre und so fanatisch und so besessen, dann wäre es ihm auch nicht eingefallen.

     

    Markus Hengstschläger promovierte mit 24 Jahren mit Studienverkürzung und Auszeichnung zum Doktor der Genetik. Danach arbeitete er an der Yale University in den USA, wurde mit 29 Jahren außerordentlicher Universitätsprofessor und mit 35 Jahren zum Universitätsprofessor berufen. Heute leitet er das Institut für Medizinische Genetik an der Medizinischen Universität Wien und ist auch als Unternehmer in den Bereichen genetische Diagnostik, Forschung und Entwicklung sowie Innovationsberatung tätig. Der vielfach ausgezeichnete und international anerkannte Wissenschaftler unterrichtet seit über zwei Jahrzehnten Studierende, betreut Patienten und berät Regierungen und Firmen. Er ist u.a. stellvertretender Vorsitzender der österreichischen Bioethikkommission, stellvertretender Vorsitzender des österreichischen Rats für Forschung und Technologieentwicklung, Mitglied des Universitätsrats der Universität Linz und Leiter des Thinktanks Academia Superior. Hengstschläger ist außerdem Wissenschaftsmoderator auf ORF Radio Ö1 und Autor von drei Bestsellern (Die Macht der Gene, Endlich unendlich und Die Durchschnittsfalle).

    Martin Engelberg

    Martin Engelberg

    Der NU-Herausgeber ist Betriebswirtschafter, Psychoanalytiker, Coach und Consultant. Er ist Autor einer ständigen Kolumne in der Tageszeitung Die Presse.
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