Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Zeitgeschichte
  • SCHLAGWöRTer: 
  • ausgabe:  Erika Freeman | Nr.61 (03/2015) - Elul 5775 / Tischri 5776
  • Die Juden der Ringstraße

    Vor 150 Jahren wurde die Wiener Ringstraße feierlich eröffnet. Das jüdische Wien hat einen weiteren Grund zu feiern: 150 Jahre jüdischen Grundbesitz. Für die Juden der Armenviertel bedeutete die Öffnung der Innenstadtgrenzen allerdings kein Ende ihres Elends.
    VON DAVID BOROCHOV

    Kaiser Franz Joseph benötigte für den Bau seines Stadterweiterungsprojekts finanzielle Unterstützung. Und zwar nicht gerade wenig. Da der ohnehin bankrotte Hochadel bereits seine Palais in der Innenstadt besaß, sah er keinen Grund, auf der „ewigen Baustelle“, wie die Straße genannt wurde, für viel Geld weitere zu errichten. Somit lag es auf der Hand, diejenigen bauen zu lassen, die bisher noch keinen Zugang zu Grundbesitz gehabt hatten: die wohlhabenden Juden. Sie nahmen dieses Angebot sogar so gerne an, dass die öffentliche Hand sich um keinen Groschen verschulden musste. Bankiers und Geschäftsleute wie Todesco, Ephrussi, Schey, Epstein und einige mehr, die bis dato in Mietwohnungen gelebt hatten, bauten ihre Repräsentationsräume just neben die neuen Kulturund Politzentren des Landes. Ritter von Epstein ließ es sich mit der teuersten aller Parzellen, neben dem Parlament, besonders viel kosten.

    Wettbauen an der Ringstraße

    Die Barone und Grafen scheuten weder Mühe noch Kosten, was dazu führte, dass dieselben Stararchitekten staatliche und private Bauten gestalteten. So ist es wenig überraschend, dass Theophil von Hansen, der unter anderem das Parlament sowie den (durch jüdische Geldgeber finanzierten) Musikverein plante, auch für die Palais Todesco und Epstein zuständig war. Er und viele weitere Künstler an seiner Seite, unter anderem Carl Rahl und Gustav Gaul, schufen die prachtvollsten Innenräume ihrer Zeit.

    Dort kamen Politiker, Schriftsteller, Musiker und Geschäftsleute als Gäste der meist vielseitig interessierten, weltgewandten Bankiersgattinnen zusammen. Nur die alte Hocharistokratie hielt sich zurück. Jüdische Freiherrn und Barone waren nämlich nicht „hoffähig“, wurden also vom alten Adel als unwürdig befunden. Der erste hoffähige Jude war Freiherr von Rothschild – 70 Jahre nach seiner Erhebung in den Adelsstand. Diese Neuigkeit prangte sogar auf der Titelseite der Londoner Times und zog, zusammen mit dem Repräsentationskult, viel Aufmerksamkeit auf das jüdische Großbürgertum. Das führte letztendlich zu einer erneuten Verstärkung des Antisemitismus in der Wiener Bevölkerung, was an manchen zeitgenössischen Karikaturen deutlich ablesbar ist. So wurde die Ringstraße in einigen Medien beispielsweise „Zionstraße“ genannt.

    Aufenthaltserlaubnis für jüdische Financiers

    Das Klischee des „reichen Juden“ hat aber eine längere Geschichte. Bis zum sogenannten Toleranzedikt Kaiser Leopolds II., das er aufgrund eines Mangels an Arbeitskräften erließ, waren Juden in Städten unerwünscht. Sie durften in Wien nicht wohnhaft sein und sich nur gegen Entrichtung einer Leibmaut für eine begrenzte Zeit innerhalb der Stadtgrenzen aufhalten. Diese Steuer war deshalb besonders diskriminierend, weil sie ansonsten nur für Gegenstände bezahlt werden musste. Seit Samuel Oppenheimer konnte man dieses Verbot allerdings umgehen. Der Geschäftsmann finanzierte nämlich den Kampf gegen die Türkenbelagerung, was ihm Respekt in der städtischen Gesellschaft einbrachte. Hatte man also genug Geld und stellte man dem Staat gewisse Beträge zur Verfügung, war man ein freier Mensch.

    Wiens Juden waren um 1700 fast ausschließlich wohlhabend, weil eben nur die finanzkräftigen in der Stadt leben durften. Dieser Umstand hatte zur Folge, dass sich das ohnehin vorhandene, traditionelle Misstrauen gegenüber dem Judentum verstärkte. Das altbekannte Klischee setzte sich in den Köpfen noch stärker fest und traf später dann auch die ärmeren Juden. Das Unbehagen führte schließlich dazu, dass die aus dem Osten nach Wien drängenden, bettelarmen Juden sich lieber dort ansiedelten, wo damals alle Gruppen lebten, die nirgends so richtig hineinpassten: in der Wiener Leopoldstadt. Die „Mazzesinsel“, wie der Bezirk im jüdischen Volksmund auch genannt wird, beheimatete Aussteiger sowie Teile der Unterwelt.

    Angst vor dem Proletariat

    Die seit 1848 durch die bürgerliche Revolution gespaltene Gesellschaft erholte sich niemals gänzlich von diesem Ereignis, und ebenso wenig schrumpfte die Angst der Oberschicht vor den Fakkeln des neu entstandenen Proletariats. Diese Angst wird nirgends so gut ersichtlich wie im Palais Epstein: Um eine Stürmung des Palais zu verhindern, ließ der Baron einen Mechanismus einbauen, der es erlaubte, durch das Drehen einer einzigen Kurbel die Fenster und Türen des gesamten Anwesens mit dicken Stahlbetonplatten zu verschließen. Einsatz fand diese Vorrichtung allerdings nie.

    Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das „Dritte Reich“ wurden die jüdischen Palais-Besitzer enteignet, deportiert und ermordet. Die wenigen, die fliehen konnten, mussten lange und zum Teil vergeblich um ihr früheres Eigentum kämpfen. Die Restitution nach dem Weltkrieg gelang kaum bis gar nicht, manche Prozesse wurden gar erst in den letzten Jahren geführt. Die Paläste stehen zwar noch in ihrer ganzen Pracht an Wiens wichtigstem Boulevard, können heute jedoch nur mehr einen marginalen Einblick in das blühende jüdische Wien des Fin de Siècle bieten.

    David Borochov

    David Borochov

    ist Student in Wien und schreibt neben verschiedensten anderen Tätigkeiten gelegentlich Texte für NU.
    David Borochov

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