Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Zeitgeschichte
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  • ausgabe:  Christian Rainer | Nr. 66 (04/2016) - Kislev 5777
  • Die Herren am Spielfeldrand

    Ein Forschungsprojekt hat sich auf die Suche nach den Spuren jüdischer Sportfunktionäre im Wien der Zwischenkriegszeit gemacht. Dabei konnten etwa 550 Personen identifiziert werden. Ziel ist es, das soziale Feld des Sports als Ort von Identitätspolitik zu beleuchten.
    VON BERNHARD HACHLEITNER

    Das brasilianische Visum von Leopold Klagsbrunn

     

    Willy Kurtz war Schwergewichtsboxer und Boxsportfunktionär, im Zivilberuf Kunsthändler, konvertierte Mitte der 1920er Jahre zum Christentum und wurde Mitglied der Heimwehr.

    Siegfried Samuel Deutsch betrieb das Kleidungsgeschäft „Wiener Salon“ am Floridsdorfer Spitz. Er praktizierte zumindest die grundlegenden jüdischen Rituale. Er war Präsident des Floridsdorfer AC, des Wiener Fußballverbands und der sozialdemokratischen „Vereinigung der Amateur-Fußball- Vereine Österreichs“ (VAFÖ).

    Der spätere Journalist Emanuel Fiscus arbeitete bereits als Student während des Ersten Weltkriegs bei einem zionistischen Hilfsverein. Fiscus war Obmann der Hasmonea, Funktionär von Ahawat Zion und Verbandskapitän des Jüdischen Sportverbands Österreich.

    Schon ein kurzer Blick auf diese drei Personen zeigt, wie breit das Spektrum jüdischer Sportfunktionäre im Wien der Zwischenkriegszeit ist: beruflich, politisch und im Verhältnis zum Judentum. Im Forschungsprojekt „Jüdische Sportfunktionäre im Wien der Zwischenkriegszeit“ geht es nicht um klassische Biografien, sondern darum, das soziale Feld des Sports als Ort von Identitätspolitik im Wien der Zwischenkriegszeit zu rekonstruieren. Im Mittelpunkt steht dabei der Fußball, aber auch der Schwimmsport, Eiskunstlauf und Boxen, das Skifahren und der Arbeitersport bilden wichtige Bestandteile der Untersuchung.

    Funktionäre sind aus mehreren Gründen interessant: Anders aber als die Fußballspieler, die im Profifußball Objekte auf dem Transfermarkt waren und die Vereine oft mehrmals wechselten, war die Zugehörigkeit der Funktionäre zu ihren jeweiligen Vereinen stabiler: Sie wählten einen Verein, dem sie sich nahe fühlten – geografisch, sozial oder auch politisch. Außerdem agierten fast alle Funktionäre ehrenamtlich, sie hatten also auch einen Beruf. So lassen sich mögliche Unterschiede und Parallelen in den Zuschreibungen an eine Person feststellen – je nachdem, ob diese als Sportfunktionär beziehungswiese als Schneidermeister, Anwalt oder Arzt apostrophiert wird. Sportfunktionäre (zumindest jene bei den größeren Fußballvereinen, mit Abstrichen auch in anderen Sportarten) waren öffentliche Figuren.

    Etwa 550 jüdische Funktionäre

    Mit den bei der Vereinspolizei aufbewahrten historischen Vorstandslisten konnte – bei den noch existierenden Vereinen – eine erste Liste von mehr als 3.000 Namen, meist auch Adressen, manchmal auch Geburtsdaten von Sportfunktionären, die bei etwa 40 Vereinen und in elf Verbänden tätig waren, erstellt werden. Nun stellte sich die Frage: Wer von diesen 3.000 waren Juden? Selbstdefinition und Fremdzuschreibungen müssen dabei nicht unbedingt übereinstimmen. Deshalb sind für dieses Projekt auch Personen interessant, von denen nicht bekannt ist, ob sie sich selbst als Juden betrachtet haben – wenn es Belege dafür gibt, dass sie von anderen als Juden gesehen wurden. Es geht nicht darum, jemanden „als Juden zu definieren“, sondern um die Rekonstruktionen historischer Diskurse, und dazu gehören auch Fremdzuschreibungen. Neben den Daten der Vereinsbehörde und der IKG haben sich die historischen Meldeunterlagen im Wiener Stadt- und Landesarchiv als unverzichtbare Quelle erwiesen. Auf einem Meldezettel sind nämlich nicht nur Namen und Adresse angeführt, sondern auch Geburtsdatum, Ehepartner, Kinder, allfällige Beteiligungen an Firmen, akademische Titel – und das Religionsbekenntnis. Diese gesammelten Daten bilden die Basis für unsere Datenbank, die grundlegende Informationen zu diesen etwa 550 jüdischen Sportfunktionären enthält. Davon waren knapp über 100 bei der Hakoah, knapp über 200 bei anderen jüdischen Vereinen und etwa 250 bei nicht-jüdischen Vereinen tätig.

    Zuschreibungen über den Raum

    Sieht man von den explizit jüdischen Vereinen ab, zeigt sich, dass Zuschreibungen von „jüdisch“ beziehungsweise „nicht-jüdisch“ nicht unbedingt mit dem Judentum der handelnden Personen übereinstimmen müssen. Sie sind aber auch nicht willkürlich, sondern folgen anderen Logiken. Die Wiener Austria gilt als prototypischer Kaffeehausverein – oder „Cityclub“ – mit starker jüdischer Konnotierung. Tatsächlich stand mit Emanuel „Michl“ Schwarz lange Zeit ein jüdischer Präsident an der Spitze, in den 1930er Jahren war die überwiegende Anzahl der Funktionäre jüdisch. Soweit ist das keine Überraschung. Das populäre Gegenbild zu den Cityclubs bildeten die Vorstadtvereine. Einer davon war der FAC. Mit Siegfried Samuel Deutsch, Viktor Berger, Fritz Grünwald und Leo Klagsbrunn hatte er in der Zwischenkriegszeit insgesamt vier jüdische Präsidenten. Trotzdem wird der FAC in den zeitgenössischen Diskursen nirgends als jüdischer Verein bezeichnet. Im Gegenteil: Der FAC galt – im strikten Gegensatz zu den weit verbreiteten antisemitischen Stereotypen – als Vorzeigebeispiel eines solide wirtschaftenden, bodenständigen Bezirksvereins. Die dominante Zuschreibung wird durch den Raum (Vorstadt) bestimmt. Der FAC war übrigens nicht der einzige Vorstadtklub mit jüdischen Präsidenten: Beim Lokalrivalen Admira stand Rudolf Mütz an der Spitze, Rapid hatte mit Hans Fischer und Leo Deutsch zwei jüdische Präsidenten.

    Bei allen angesprochenen Unterschieden gab es zwischen den untersuchten Personen große Gemeinsamkeiten: Die meisten gehörten einer „Mittelschicht“ (mit allen Problemen der Abgrenzung) an: Viele waren Gewerbetreibende, Angestellte, Beamte, Ärzte oder Rechtsanwälte – und Männer. Eine der wenigen Sportfunktionärinnen ist Ella Zirner-Zwieback, Besitzerin des Kaufhauses Zwieback und Präsidentin der Damenfußball-Union. Eine weitere Gemeinsamkeit ist das Alter: Der überwiegende Teil der Funktionäre wurde zwischen 1890 und 1900 geboren; die meisten waren 1938 noch am Leben und in Wien – und damit der nationalsozialistischen Verfolgung ausgesetzt.

    Verfolgung nach der Annexion

    Den ersten Hinweis auf eine Verfolgungs- beziehungsweise Fluchtgeschichte geben oft wieder die Meldezettel. Bei einigen steht „abgemeldet nach Amerika“, bei anderen „England“ oder „Australien“. Diesen Personen ist vermutlich die Flucht gelungen; mittels weiterer Quellen ließ sich das meist belegen – etwa durch Passagierlisten von Schiffen. Ein weiteres Emigrationsziel war Brasilien, etwa für Hans Fischer und Leo Schidrowitz. Ein dritter Brasilien-Emigrant war Leopold Klagsbrunn, dessen Geschichte Erich Hackl in Drei tränenlose Geschichten (Diogenes) famos erzählt.

    Manchen Funktionären halfen die durch den Sport aufgebauten Netzwerke: Ein Fluchthelfer des Austria- Präsidenten Emanuel „Michl“ Schwarz war Jules Rimet, Präsident der FIFA. Vor allem (aber nicht nur) Hakoahner profitierten von den Verbindungen nach Palästina oder von der Hilfe des Haokahners Valentin Rosenfeld. Selbst nach England geflohen, konnte er auch andere Sportler und Funktionäre retten. Nach England schaffte es auch Siegfried Samuel Deutsch.

    Doch nicht alle sind der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie entkommen. War auf dem Meldezettel eine Abmeldung nach Osten, etwa Litzmannstadt, Riga oder Izbica vermerkt, bedeutete das in letzter Konsequenz meist die Ermordung. Willy Kurtz etwa wurde mit dem „Prominententransport“ nach Dachau gebracht, später nach Buchenwald verlegt und im Dezember 1942 in Auschwitz ermordet. Doch auch hier gibt es glücklicherweise Ausnahmen: Emanuel Fiscus war laut einer Auskunft des Meldeamtes an das Ausländeramt „am 12. 3. 1941 nach Polen abgemeldet“, aber „nach Mitteilung der Zentralstelle für Auswanderer ist derselbe mit einen [sic] Transport nach Polen nicht abgegangen. Es wird vermutet, daß er sich unangemeldet und versteckt in Wien aufhält.“ Tatsächlich hat Fiscus den Nationalsozialismus in Budapest überlebt und ist 1945 nach Wien zurückgekehrt.

    Bernhard Hachleitner

    Bernhard Hachleitner

    ist Historiker, Kurator, Journalist und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Universität für angewandte Kunst Wien. www.hachleitner.at
    Bernhard Hachleitner

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