Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Erwin Steinhauer | Nr. 67 (01/2017) – Adar/Nissan 5777
  • Die bucharische Community – das neue jüdische Zentrum Wiens

    VON MARTIN ENGELBERG

    Vom aschkenasisch (europäisch)- jüdischen Teil der Wiener jüdischen Gemeinde weitgehend unbemerkt, hat sich in Wien ein blühendes Leben des sephardischen (orientalischen) Judentums entwickelt. Diese Community hat eine beachtliche Infrastruktur entwickelt. Damit haben sich die Sepharden auch zahlenmäßig zum wesentlichen Faktor der Gemeinde entwickelt. Dies wird auch das Bild der Kultusgemeinde ändern.

    Die ersten Auswanderer aus der damaligen Sowjetunion ließen sich in den 1970er-Jahren in Wien nieder. Sie wurden von den hier ansässigen Juden sehr kritisch beäugt. Waren doch einige dieser Emigranten deshalb von Israel wieder nach Wien gekommen, um hier eine Rückreiseerlaubnis in die Sowjetunion zu erlangen. Einzelne demonstrierten sogar vor der sowjetischen Botschaft dafür. Die Bilder gingen um die Welt. Große Freude hatte damit niemand. Doch nach und nach kamen immer mehr dieser Menschen nach Wien, um sich hier niederzulassen und sich eine Existenz aufzubauen. Der größere Teil von ihnen waren die sogenannten bucharischen Juden. Sie stammen hauptsächlich aus den heute unabhängigen Republiken Usbekistan und Tadschikistan. Dazu kamen noch die Juden aus Georgien und als kleinster Teil die sogenannten Bergjuden – sie hatten in den kaukasischen Republiken gelebt.

    Ausgestattet mit reichen, jahrtausendealten jüdischen Traditionen, auch einer eigenen Sprache, fanden sie in den bestehenden Einrichtungen der jüdischen Gemeinde in Wien keine Heimat. Erst als die Lubawitscher (chassidische Gruppe, welche Juden in der ganzen Welt zu einem traditionellen jüdischen Leben verhilft) sich der Bucharen in Wien annahm, entstanden die ersten Bethäuser und Gemeindezentren und begann auch die Kultusgemeinde diese zu unterstützen.

    Heute bildet die sephardische Community an Bucharen, Georgiern und Kaukasiern zahlenmäßig bereits ein Drittel bis 40 Prozent der jüdischen Gemeinde Wiens. Unter den bis zu 18-Jährigen stellen sie bereits die Mehrheit. Anders als die russischen Juden in Deutschland, die vornehmlich aus dem europäischen Teil der Sowjetunion stammen und weitgehend assimiliert waren, sind die Sepharden immer sehr traditionell-jüdisch geblieben. Und dieses Leben haben sie auch in Wien wieder aufgebaut: Es gibt ein halbes Dutzend Synagogen und Bethäuser, die auch Gemeindezentren sind, in denen nicht nur gebetet wird, sondern auch Schiurim (religiöse Lehrstunden) gegeben werden und die auch ein soziales Umfeld insgesamt anbieten. Dementsprechend lebendig und gut besucht sind diese Zentren. Auch die bestehenden jüdischen Schulen Wiens werden heute überwiegend von Kindern der sephardischen Gemeinde besucht, die darüber hinaus auch in eigenen Jugendorganisationen betreut werden. Dazu gibt es noch eine Vielzahl an unterschiedlichsten koscheren Restaurants, Geschäften und sonstiger Infrastruktur, die aber inzwischen nicht nur von den Sepharden, sondern auch von aschkenasischen Juden genutzt werden.

    Der Schwerpunkt der jüdischen Gemeinde Wiens hat sich heute also wieder deutlich auf die „Mazzesinsel“ (2. und 20. Gemeindebezirk) verschoben, wo die meisten Bucharen, Georgier und Kaukasier leben. Dieser Trend bleibt auch nicht ohne Auswirkung auf die Kultusgemeinde. War die bucharische Liste bereits bei den letzten Wahlen die zweitstärkste Partei, so ist sie nun drauf und dran, bei der nächsten Wahl im November 2017 zur stimmenstärksten Gruppe zu werden. In diesem Licht ist auch der gegenwärtige Streit um die Senkung des Wahlalters von 18 auf 16 Jahre zu verstehen: Dieser Schritt würde die Repräsentanz der bucharischen Community in der Kultusgemeinde wohl noch weiter stärken. Ein Gedanke, welcher der derzeitigen Gemeindeführung gar nicht behagt.

    Die Antwort muss jedoch eine andere sein: Auch wenn die unterschiedlichen Communities innerhalb der jüdischen Gemeinde unterschiedliche Traditionen und auch Interessen haben, gälte es zugleich, das gemeinsame jüdische Gemeindewohl zu bewahren. Vor allem auch die gemeinschaftliche politische Vertretung der Juden durch die Kultusgemeinde muss gewahrt bleiben. Andererseits wird es – nicht ganz zu Unrecht – auch um eine gerechtere Verteilung der finanziellen Mittel der Gemeinde gehen – hin zu jenem Teil der Gemeinde, wo die größeren Aktivitäten stattfinden. Jedenfalls: Die jüdische Gemeinde Wiens geht neuen Zeiten entgegen.

    Martin Engelberg

    Martin Engelberg

    Der NU-Herausgeber ist Betriebswirtschafter, Psychoanalytiker, Coach und Consultant. Er ist Autor einer ständigen Kolumne in der Tageszeitung Die Presse.