Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Rezension
  • SCHLAGWöRTer: 
  • ausgabe:  Nancy Spielberg | Nr. 58 (4/2014) - Kislev 5775
  • Die Apfelstrudelbäckerin von Shanghai

    Mit Shanghai fern von wo hat Ursula Krechel ein beeindruckendes Buch über die jüdische Emigrantenszene in Shanghai vorgelegt, die „Shanghailander“, wie sie sich ironisch nannten. Mit dokumentarischer Sorgfalt und großem erzählerischen Können schildert sie die Schicksale von Menschen, die sich durchschlugen, und solchen, die scheiterten.
    VON HERBERT VOGLMAYR

    „Entschuldigung, gnädige Frau, sind Sie vielleicht meine Mama?“ Der junge Mann, der 1949 auf dem Bahnsteig eines Wiener Bahnhofs auf Franziska Tausig zukam, war ihr Sohn, den sie 1938 als Sechzehnjährigen mit einem Kindertransport nach England geschickt hatte, um ihn aus der Gefahrenzone zu bringen. Sie selbst und ihr Mann ergatterten im letzten Moment eine Schiffspassage nach Shanghai, und das nur, weil sich ein anderes Paar am Tag zuvor ertränkt hatte. Als sie in Shanghai ankamen, hatten sie Glück im Unglück. Nach der Registrierung bei der Einwanderungsbehörde rief ein Herr ihren Namen, betrachtete sie von oben bis unten und fragte, ob sie Apfelstrudel backen könne, er habe gehört, sie sei Wienerin. Nachdem sie beide Fragen bejaht hatte, sagte er, sie solle morgen in sein Restaurant kommen, und wenn sie Apfelstrudel backen könne, einen anständigen Wiener Apfelstrudel, dann stelle er sie als Köchin ein. Der Test verlief positiv, und sie bekam die Stelle. Einmal hatte sie Teig übrig, den sie von den Rändern abgeschnitten hatte, und füllte ihn nicht mit Äpfeln, Nüssen und Rosinen, sondern mit den geschnetzelten Gemüseresten, die ein anderer Koch übrig ließ. Die chinesischen Köche fanden den warmen Gemüsestrudel köstlich, der herbeigerufene Restaurantbesitzer war ebenfalls begeistert und strahlte: „Once more, once more and forever.“ Brauchte man nur noch einen Namen für die Restlverwertung. Da es für Strudel keine passende Übersetzung gab und gerade die Frühlingssonne durchs Küchenfenster schien, ergab das kücheninterne Brainstorming den Namen „Frühlingsrolle“. Ein paar Tage später stand die delikate und äußerst kostensparende Vorspeise auf der Karte: „New dish: spring roll“ – heute von chinesischen Speisekarten nicht mehr wegzudenken.

    „Exil der kleinen Leute“
    Wie die Tausigs konnten insgesamt 18.000 österreichische und deutsche Juden 1938 eines der letzten Schlupflöcher nutzen und im fremden Shanghai Zuflucht finden, einem Ort, den die Exilforschung lange vernachlässigte, um ihn dann als „Exil der kleinen Leute“, als „Exil am Rande“ abzutun. Krechels Buch basiert auf jahrelangen Recherchen, sie erzählt darin die Schicksale einiger historisch realer Personen in romanhafter, fiktiv angereicherter Form und schafft damit überzeugende Charaktere, die unter ihren je individuellen Voraussetzungen in einer fremden Stadt ums Überleben kämpfen. Dabei offenbart sich ihr Können als Lyrikerin, die immer wieder in sprachlichen Miniaturen Bilder für das Unaussprechliche findet, den Zusammenhang zwischen Flucht und Verflüchtigung, zwischen Entwurzelung und drohendem Persönlichkeitsverlust spürbar werden lässt, ohne je geschwätzig oder pathetisch zu werden. In der Beschreibung kleiner, eindrücklicher Szenen entfalten sich die Tiefe des Elends, die berührenden und oft todtraurigen Geschichten von Flüchtlingen, die sich unter widrigsten Bedingungen eine kleine Existenz aufbauen und nach späterer Ghettoisierung (1943) wieder vor dem Nichts stehen.

    Das deutsche Generalkonsulat vor Ort arbeitet daran, über Hilfskomitees und Zuträger die Juden zu registrieren und aus Shanghai eine Stadt ohne Juden zu machen, der lange Arm des deutschen Willkürgesetzes reicht bis ins ostasiatische Exil. Ab 1941 dringt die NS-Propaganda übers Radio in die Flüchtlingsunterkünfte. Ein junger, ehrgeiziger Rundfunk-Attaché – „ein kaltes Herz, ein Fingerschnippen, Wetterfestigkeit, Unschlagbarkeit in ideologischen Fragen“ – baut einen nationalsozialistischen Propagandasender auf, der sich dem internationalen Geschmack anpasst und Jazz statt Märschen spielt. „Später wird der Attaché so tun, als sei er nur nach Shanghai gekommen, um Jazzplatten aufzulegen.“ Von den Plänen, die Juden auf Schiffe zu verfrachten und im Meer zu versenken, weiß er dann nichts mehr, ebenso wenig von den Gaskammern, die auch im Fernen Osten gebaut werden sollten. Die Japaner, die das Territorium besetzt halten und mit den Nazis verbündet sind, müssten für diese Pläne als Erfüllungsgehilfen gewonnen werden, leisten aber dagegen Widerstand. Allerdings kommt es 1943 zu einer Ghettoisierung der jüdischen Flüchtlinge in Hongkew, dem schlimmsten Slumbezirk. Hunger und Mangelkrankheiten werden zum Alltag, nur wenige Privilegierte dürfen die bewachte Zone verlassen.

    Ortlosigkeit: eine neue Form der Lebensbedrohung
    Auch nach der Befreiung durch die Amerikaner im August 1945 ist ein Ende der Leidenszeit nicht in Sicht. Weil die Hilfsorganisationen überfordert sind, wird Ausreisen oft zur bürokratischen Odyssee, wird Ortlosigkeit zu einer neuen Form der Lebensbedrohung. Die meisten „Shanghailander“ emigrieren weiter in die USA oder nach Australien, die wenigen Rückkehrer nach Deutschland stoßen auf die tauben Ohren der Justiz, auf die Kumpanei von Behörden und Tätern und den noch lange latent aktiven Antisemitismus. „Das Lebenwollen war verseucht, es gab keine Haltepunkte, es gab Schutt und ein wohltätiges Vergessen.“

    Der Mann von Franziska Tausig, ein Rechtsanwalt, dessen Kenntnisse des österreichischen Rechts nutzlos geworden waren, fand sich im rechtlosen Gewimmel Shanghais nicht mehr zurecht. „Überwältigt vom Nichtsehenwollen, nahm er auch nachts die Sonnenbrille nicht mehr ab“, schließlich starb er vor Gram, Resignation und Erschöpfung. Nach den Bestimmungen der japanischen Behörden musste seine Frau ihm ganz allein das Geleit zum Massengrab geben. „Man hätte den Leichenwagen leicht mit einem Milchhandwagen verwechseln können, wäre darauf nicht ein Davidstern gemalt gewesen.“

    Was für eine Freude, als Frau Tausig dann erfuhr, dass ihr Sohn in England überlebt hatte. Er war drei Jahre nach Kriegsende ein verheirateter Mann und schrieb, er sei entschlossen, nach Wien zurückzukehren. Daraufhin trat auch sie die Rückreise nach Wien an, wenn auch mit sehr gemischten Gefühlen. Beim Abschiedsessen auf dem Schiff aß sie nur Reis und Salat und packte ihr Viertel Hendl ein, sie wollte nicht mit leeren Händen vor ihrem Sohn stehen, den sie dann kaum wieder erkannte, als er sie am Südbahnhof abholte. Er hatte in Sussex auf einer Hühnerfarm gearbeitet, bevor ihn eine Lady aus reiner Mildtätigkeit in ihrem Haus in Oxford aufnahm, wo er sich auf sein Studium vorbereiten konnte. Wenn er von der harten Arbeit und dem Dreck auf der Hühnerfarm erzählte, davon, dass er sich den stumpfsinnigen Job erleichterte, indem er beim Füttern die Körner im Schriftzug der Geliebten, Majorie, auslegte, dann gab er in grotesken Verrenkungen den Hühnerdarsteller. Frau Tausig konnte nicht genug bekommen von diesen Erzählungen ihres Sohnes Otto, der in der Ausgesetztheit ein Komödiant geworden war. „Und seine Mutter lachte dann, lachte unbändig, lachte die Traurigkeit weg.“

    Herbert Voglmayr

    Herbert Voglmayr

    Nach dem Studium der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften berufliche Tätigkeit an der Universität und in der Erwachsenenbildung. Seit 2004 freiberuflicher Publizist. Neben seiner Tätigkeit für NU verfasst er Kultur- und Weinreiseführer durch italienische Weinregionen.
    Herbert Voglmayr

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