Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Zeitgeschichte
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  • ausgabe:  Gal Gadot | Nr. 69 (03/2017) - Elul 5777/Tischri 5778
  • Der unterschlagene Autopionier

    In den späten 1920er- und frühen 1930er-Jahren wurde das Thema eines sogenannten Volkswagens in ganz Europa populär. Viele Autokonstrukteure beschäftigten sich mit der Konzeption eines solchen Fahrzeugs für die kleinen Leute, wie etwa Ferdinand Porsche, Hans Ledwinka bei Tatra oder die Ingenieure bei Fiat. Einer von ihnen war der deutsche Ingenieur und Journalist Josef Ganz.
    VON RENÉ WACHTEL

     

    Schon im Jahr 1926 definierte der damals 28-jährige Josef Ganz als Chefredakteur der deutschen Automobilzeitschrift Motor-Kritik den „Volkswagen“, der seiner Meinung nach folgende Eigenschaften haben sollte: „Aerodynamisches Chassis mit tiefem Schwerpunkt, Heckmotor, Einzelradaufhängungen mit Schwingachsen und einen Preis, der 1.000 Reichsmark nicht übersteigt“. Er beließ es aber nicht nur bei theoretischen Überlegungen, sondern begann damit, ein solches Fahrzeug zu konstruieren. So entstand 1929 der Prototyp „Maikäfer“ – das erste Fahrzeug, das diesen Kriterien für einen Wagen für die breite Masse, einen Volkswagen eben, entsprach. Damit inspirierte Ganz die arrivierte Autoindustrie in Deutschland und forderte sie gleichzeitig heraus. Auch andere Konstrukteure arbeiteten an der Entwicklung radikal neuer Volkswagen-Prototypen: der Tatra V570 von Hans Ledwinka, Mercedes Benz 120, Zündapp Typ 12 oder der NSU Typ 32 von Ferdinand Porsche.

    Flucht in die Schweiz

    1932 fand der Einzelgänger Josef Ganz in der Ludwigsburger Standard- Fahrzeugfabrik sogar einen Hersteller für seine Konstruktionen, sodass 1933 der „Standard-Superior“ als „neuer Volkswagen“ vorgestellt werden konnte. Bei der internationalen Automobil- und Motorradausstellung in Berlin im Frühjahr 1933 präsentierte Josef Ganz persönlich dem neuen Reichskanzler Adolf Hitler seinen Volkswagen. Und das wurde ihm zum Verhängnis. Denn kurze Zeit danach wurde Josef Ganz von der Gestapo verhaftet. Er war, ohne sich je damit auseinandergesetzt zu haben, in der Definition der Nationalsozialsten ein „Volljude“. Wie viele andere hatte er bis dahin überhaupt keinen direkten Bezug zum Judentum gehabt. Sein Büro in Frankfurt/Main wurde durchsucht und viele seiner Dokumente, Pläne und Unterlagen wurden beschlagnahmt.

    Als Josef Ganz nach einem Monat aus dem Gefängnis entlassen wurde, verlor er seine Position als Chefredakteur der Zeitschrift Motor-Kritik, die er bis dahin zur umsatzstärksten Automobilzeitschrift mit einer Auflage von bis zu 30.000 Stück gemacht hatte. Er versuchte noch weiter an seinen Konstruktionen zu arbeiten und schrieb einige Artikel als freier Journalist. Aber im März 1934 wurde über ihn ein Berufsverbot verhängt und dann sogar ein Mordanschlag auf ihn verübt. Da erkannte Josef Ganz, dass er aus seiner Heimat Deutschland flüchten musste. Mit wenigen privaten Dingen im Gepäck gelangte er nach Liechtenstein und ging von dort später in die Schweiz. Da er sich einen guten Namen als Konstrukteur gemacht hatte, bekam er bald beim Fahrzeugunternehmen Rapid in Dietikon eine Anstellung und entwickelte dort einen „Schweizer Volkswagen“. Einer dieser Kleinwagen steht heute noch im „Verkehrshaus“ in Luzern.

    Auswanderung nach Australien

    Nach dem Zweiten Weltkrieg bekam der Einzelgänger jedoch zunehmend Probleme mit den Schweizer Behörden. Er führte zahlreiche Prozesse, wurde als notorischer Querulant qualifiziert und schließlich aus der Schweiz ausgewiesen. 1951 wanderte er nach Australien aus und bekam einen Job bei Holden in Melbourne, einem australischen Automobilhersteller, der zu General Motors gehört. In den frühen 1960er-Jahren erlitt Ganz eine Reihe von Herzinfarkten und verstarb schließlich im Jahr 1967. Seine Leistungen als Konstrukteur des ersten „Volkswagens“ wurden von den Nationalsozialisten einfach gelöscht.

    Vor etwa zehn Jahren wurde der holländische Journalist Paul Schilperood auf die Geschichte von Josef Ganz aufmerksam und recherchierte sein Leben und Werk. Im Zuge seiner Nachforschungen lernte er in der Schweiz Lorenz Schmid, einen Nachkommen eines Onkels von Josef Ganz kennen. In ihm fand er einen Partner, der seine Leidenschaft für das Leben und Werk von Josef Ganz teilte.

    Die beiden haben jetzt das letzte noch vorhandene Fahrgestell eines „Standard Superior“ gefunden und wollen es in einer Crowdfunding- Kampagne (www.josefganz.org) originalgetreu restaurieren und sogar fahrbereit machen. Damit soll auch erreicht werden, dass Josef Ganz den ihm zustehenden Platz in der Automobilgeschichte bekommt. Sobald das Fahrzeug fertig restauriert ist, soll es im Louwman-Museum in Den Haag, einem der größten und interessantesten Oldtimermuseen Europas, der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

    René Wachtel

    René Wachtel

    lebt in Wien und ist Kultusrat für CHAJ-Jüdisches Leben in der IKG.
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