Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Zeitgeschichte
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  • ausgabe:  Christian Rainer | Nr. 66 (04/2016) - Kislev 5777
  • Der “Thomas Alva Edison” aus Wien

    So manche schier unglaubliche Lebensgeschichte des 20. Jahrhunderts bleibt ungeschrieben. Die Geschichte des gebürtigen Österreichers Heinz Joseph Gerber war lange Zeit eine solche. Erst nachdem sein Sohn David J. Gerber ein Buch über das außergewöhnliche Leben seines Vaters herausbrachte, wurde die Geschichte des „Thomas Alva Edison der Produktionstechnik“ weiteren Kreisen bekannt – bisher jedoch nur in den USA, noch nicht in Österreich.
    VON MARTIN ENGELBERG

     

    Die Geschichte ist ebenso faszinierend wie nahezu unfassbar: Dem 15-jährigen Heinz Joseph Gerber gelingt die Flucht vor den Nazis und er kann in die USA einreisen. Dort verdingt er sich als Landarbeiter, um mit schwerer Arbeit auf Tabakfeldern seine Existenz zu sichern. Dann überredet er den Direktor der örtlichen High School, ihm die Chance zu geben, die Matura in zwei Jahren nachzuholen und absolviert danach erfolgreich ein Technikstudium – alles neben der Arbeit. Nur wenige Jahre später, keine 13 Jahre nach seiner Ankunft in den USA, wird er für seine ersten Erfindungen bereits als eine der zehn herausragenden Persönlichkeiten Amerikas geehrt.

    „Mein Vater hat durch seinen Großvater in Wien eine sehr wertebezogene Erziehung erhalten. Er wuchs bei Dr. Philipp Spielmann, dem Vater seiner Mutter auf, der in der besten Tradition der jüdischen Ärzte dieser Zeit sozial höchst engagiert war. Er arbeitete viel und schwer und war immer darauf bedacht, der Gesellschaft zu dienen, ihr etwas zurückzugeben. Das hat meinen Vater sehr geprägt“, erzählt David Gerber in einem gemütlichen New Yorker Kaffeehaus im Greenwich Village. „Das kommt einem Wiener Café am nächsten“, wie David gleich am Anfang sagt. Die Verbundenheit zur Wiener Kultur hat sich also auf die nächste Generation übertragen.

    Aber ohne die Emigration in die USA wäre aus Heinz Joseph Gerber womöglich nichts Besonderes geworden. Davon war er zeitlebens überzeugt. „Mein Vater sagte über Amerika immer, dass es das Land sei, von dem er in seiner Jugend in Wien immer geträumt hatte, ohne es zu kennen“, erzählt Gerber junior. Die Dankbarkeit von Heinz Gerber gegenüber den USA war überschwänglich. In seiner Dankesrede anlässlich der Ehrung als einer der „Ten Outstanding Men of America“ sagte er dann auch: „Das ist der größte Tag meines Lebens. Vor weniger als 13 Jahren, im Alter von 15 Jahren, kam ich an diesen Ufern als ein verspäteter Pilger an. Sie haben mich aufgenommen, Sie haben mir das Privileg gegeben, arbeiten zu dürfen, und die Möglichkeit zu lernen. Nur in unserem amerikanischen ökonomischen, moralischen und sozialen System war es möglich zu wachsen, sich zu messen und sich als freier Mensch und als freier Bürger zu entwickeln. Mein Leben hat nur ein ultimatives Ziel. Zu dienen – dir, Amerika zu dienen.“ Es sind bemerkenswerte Worte eines Immigranten mit fast erschrekkender Aktualität.

    Gerbers „Variable Scale“

    Während des Studiums erfindet Gerber einen variablen Maßstab, um auf einfache Weise Interpolationen, Verhältnismäßigkeiten und Maßstäbe berechnen zu können. Das einfachste Beispiel: Anstatt auf einer Karte eine Distanz zu messen und dann mittels des angegebenen Maßstabes die tatsächliche Entfernung zu errechnen – was oft eine sehr komplizierte Arbeit sein kann – war dies nunmehr mit Gerbers „Variable Scale“ auf denkbar einfache Weise möglich geworden. „Das Unglaubliche ist: Mein Vater saß total erschöpft vor einer Hausaufgabe mit endlosen Berechnungen und fürchtete, es nicht mehr rechtzeitig zu schaffen. Da kam ihm die geniale Idee und er verwendete dafür das Gummiband seines Pyjamas: das einzige Kleidungsstück, das er sich noch aus Wien bewahrt hatte“, erzählt Sohn Gerber. Heute befindet sich ebendieses Gummiband in der Ausstellung des Smithsonian National Museum of American History in Washington, D.C.

    Heinz Joseph Gerber patentierte diese Erfindung, erhielt ein Investment von 3.000 US-Dollar und gründete seine erste Firma. Bald darauf heiratete er Sonia Kanciper. David Gerber: „Aber so wie mein Vater eben gestrickt war, nützte er die Hochzeitsreise, die quer durch Amerika ging, gleich einmal, um bei den unterschiedlichsten Unternehmen anzuklopfen und anzufragen, ob er nicht deren Produktionen modernisieren könne. Sein Lebensmotto war: ‚Steter Tropfen höhlt den Stein.‘ Er hat einfach so lang an Türen geklopft, bis jemand geöffnet hat.“

    So wurde Heinz Joseph Gerber bald ein Pionier auf dem Gebiet des Scannens und der Digitalisierung und revolutionierte damit die noch weitgehend arbeitsintensiven, nicht-automatisierten Produktionsmethoden der amerikanischen Industrie der 1950er und 1960er Jahre. Seine brillanteste Erfindung: Der GERBERcutter. Dieser konnte in weniger als drei Minuten 3.500 Einzelteile für 50 Männeranzüge in höchster Präzision zuschneiden. Erfunden im Jahr 1969, wurde die Maschine als einer der bedeutendsten technologischen Fortschritte dieser Zeit angesehen. Die Schnelligkeit und das Wegfallen der enormen Materialverluste gegenüber dem Zuschneiden durch Menschenhand revolutionierten die gesamte Bekleidungsindustrie. „Basierend auf dieser Erfindung wurden daraufhin Maschinen im Wert von vielen Milliarden Dollar produziert, exorbitante Materialeinsparungen und Qualitätssteigerungen verwirklicht“, erzählt David Gerber.

    Ein Konglomerat an Technologie-Firmen

    Ähnliches vollbrachte Heinz Joseph Gerber auf so unterschiedlichen Gebieten wie der Produktion von Flugzeugen, Autos, Schiffen und bei Platinen für elektronische Produkte für den Haushalt, die Industrie und das Militär. Im Lauf der Jahrzehnte schuf Gerber ein ganzes Konglomerat an Technologie- Firmen, die er 1979 in einer Holding zusammenfasste und 1980 an die New Yorker Börse brachte. Er blieb bis zu seinem Tod im Jahr 1996 Vorstandschef und der wichtigste Erfinder im Unternehmen.

    Sein Lebenslauf inspirierte viele Menschen, und all das von ihm Verwirklichte revolutionierte eine Vielzahl von Industriesparten bis in die Gegenwart. Seine Geschichte fand sich sogar im Broadway-Stück „Young Man in a Hurry“ wieder. Gerber wurde auch in zahlreichen US-Medien porträtiert. Dadurch erlangten einige seiner Aussprüche Berühmtheit. So zum Beispiel: „Die Essenz von gutem Management ist die Fähigkeit, ohne das volle Wissen über alle Fakten kluge Entscheidungen zu treffen.“ Oder: „Geld ist nicht die treibende Kraft in meinem Leben. Ich werde überlegen, in Pension zu gehen, sobald es in Moskau eine Börse gibt.“ Dazu sein Sohn David schmunzelnd: „Das sagte mein Vater im Jahr 1985, um dann natürlich nach dem Fall der Sowjetunion und der tatsächlich erfolgenden Einrichtung einer Börse doch noch bis zu seinem Lebensende im Unternehmen weiterzuarbeiten.“

    Präsident Bill Clinton ehrte Heinz Joseph Gerber und sagte über ihn: „Joe hatte im Laufe seines reichhaltigen Lebens einen profunden Einfluss auf unsere Nation. Seine brillanten und innovativen Ideen halfen unserer Nation, sich auf die technologischen Fortschritte des nächsten Jahrhunderts vorzubereiten.“ Das renommierte MITCenter für technologische Weiterentwicklungen schreibt über Gerber: „Jene, die seine Errungenschaften kennen, sehen in ihm einen der größten amerikanischen Erfinder und Geschäftsleute des 20. Jahrhunderts.“

    Im Jahr 1965 kehrte Heinz Joseph Gerber zum ersten Mal wieder nach Wien zurück. Er besuchte die Wohnung, in der er seine Kindheit verbracht hatte und genoss den Spaziergang am Ring. In den späten 1980er Jahren fragte der damalige Präsident Kurt Waldheim bei Gerber an, ob er bereit wäre, Mitglied einer kleinen Gruppe von wirtschaftlichen Beratern für die österreichische Regierung zu werden, berichtet sein Sohn David Gerber in seinem Buch über den Vater. Gerber beriet sich mit einem Rabbiner, der ihm empfahl, die Position anzunehmen, um guten Willen für die jüdische Gemeinde in Österreich zu schaffen. Seine Mutter Bertha hatte einen anderen Zugang. Sie wollte ihm keinen Rat geben und fragte ihn nur: „Wie würdest du dich fühlen, wenn du es tätest?“ Am nächsten Tag lehnte Gerber das Angebot Waldheims ab. Von sonstigen Kontaktaufnahmen oder Einladungen seitens österreichischer Stellen ist nichts bekannt. Ebenso wenig wie von allfälligen Ehrungen oder auch nur Erwähnungen.

     

    Heinz Joseph Gerber, geboren 1924 in Wien, war ein höchst erfolgreicher amerikanischer Erfinder und Geschäftsmann. Er konnte im Alter von 15 Jahren vor den Nazis aus Wien fliehen und machte in den USA eine bemerkenswerte Karriere, die ihm den Beinamen „Thomas Alva Edison der Produktionstechnik“ eintrug. Gerber wurde in den USA vielfach gewürdigt und geehrt, nicht jedoch in Österreich. Sein Sohn David J. Gerber hat vor kurzem ein Buch über das Leben seines Vaters herausgebracht. Es erschien auf Englisch im Verlag Yale University Press und trägt den Titel The Inventor’s Dilemma – The Remarkable Life of H. Joseph Gerber. Die Wiener Firma Stefan Landau vertritt Gerbers Unternehmen seit Jahrzehnten in Mittel- und Osteuropa. Daraus hat sich auch eine persönliche Freundschaft zwischen David Gerber und dem Juniorchef Oliver Landau entwickelt.

    Martin Engelberg

    Martin Engelberg

    Der NU-Herausgeber ist Betriebswirtschafter, Psychoanalytiker, Coach und Consultant. Er ist Autor einer ständigen Kolumne in der Tageszeitung Die Presse.
    Martin Engelberg

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