Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Christian Rainer | Nr. 66 (04/2016) - Kislev 5777
  • Der magischer Zauber der “vertriebenen Musik”

    Theresia Schumacher und Setareh Najfar-Nahvi widmen sich “vertriebener Musik”.

    VON PETER WEINBERGER

    „Vertriebene Musik“ – Musik jüdischer Komponisten, die von den Nationalsozialisten verfolgt, ermordet oder in die Emigration gedrängt wurden, hat insbesondere unter Musikern in den letzten Jahren einige Beachtung erfahren. Von immer mehr Ensembles und in immer mehr Veranstaltungen wird diese Art von Musik ins Programm aufgenommen: Man kann durchaus von einer Renaissance, im wahrsten Sinn des Wortes, nämlich Wiedergeburt einer vor 1933 bzw. 1938 lebendigen Musikkultur sprechen. Neben bereits anerkannten Initiativen wie z.B. exil. arte (Österreichische Koordinationsstelle für Exilmusik), dem Kammermusikfestival Schloss Laudon oder EntArteOpera hat sich in jüngster Zeit ein Duo gefunden, das sich in Zukunft vor allem „vertriebener Musik“ widmen möchte. Mit den beiden Musikerinnen, Setareh Najfar-Nahvi (Violine) und Theresia Schumacher (Klavier) hat NU ein Gespräch geführt, um von ihnen die Beweggründe für ihr Engagement zu erfragen, insbesondere, weil ihr kultureller Hintergrund so verschieden ist.

    „Unterdrückte Musik“

    Setareh begann ihr Geigenstudium am Teheraner Konservatorium und war von 1978 bis 1983 Mitglied des Teheraner Rundfunkorchesters und bei den Teheraner Symphonikern. Nach Abschluss ihres Diploms setzte sie ihr Konzertfachstudium an der Wiener Musikuniversität bei Professor Michael Schnitzler fort. Sie besuchte mehrere Meisterkurse, unter anderem bei Igor Oistrach und Josef Suk. Setareh war langjähriges Mitglied bei dem Tonkünstler Kammerorchester, der Wiener Kammeroper, dem 1. Frauen Kammerorchester Österreichs und beim „Ensemble 86“ für zeitgenössische Musik. Sie spielte unter Dirigenten wie beispielsweise Claudio Abbado oder Sir Neville Mariner.

    Theresia hingegen kommt aus Deutschland. Sie studierte Instrumentalmusikpädagogik (Klavier) an der Musikhochschule des Saarlandes. Parallel zu nachfolgenden instrumentalpädagogischen Arbeiten war sie auch musiktherapeutisch tätig, insbesondere in der Begleitung autistischer Kinder und Jugendlicher und in der Förderung ADHS-Betroffener sowie in der musiktherapeutischen Betreuung von Demenzkranken und Wachkomapatienten.

    Gefragt, wie sie eigentlich zueinander gefunden haben, antworten die Musikerinnen lachend: „Rein zufällig, über andere Bekannte.“ Auf die Nachfrage, ob es gleich funktioniert habe, kommt sofort ein Ja von Theresia, während Setareh zurückhaltend nickt. Für die Deutsche Theresia ist es die Möglichkeit, Neues, wenig Gespieltes zu entdecken, und der zeithistorische Kontext der „vertriebenen Musik“. Für die Iranerin Setareh ist es die Musik des 20. Jahrhunderts an sich, die sie zusammengeführt hat. Schon als Studentin von Professor Schnitzler war sie mit der Thematik der Zerstörung des jüdischen Kulturkreises konfrontiert. Dessen Familie fand in den Vereinigten Staaten Zuflucht vor der Verfolgung der Nationalsozialisten.

    Aufnahmen mit Stücken von Schnittke, Korngold und Wellesz für eine CD in diesem Bereich liegen bereits vor. Da auch in der Sowjetunion unter Stalin Komponisten „nicht volksgerechter Musik“ verfolgt wurden, enthält die Auswahl auch sieben Stücke von Nikolai Roslawez, der anfangs den russischen Futuristen angehörte und nach 1928 als „Volksfeind“ für den Rest seines Lebens keine Anstellung fand. Zurzeit warten diese Aufnahmen noch auf einen Herausgeber. Kein leichtes Unterfangen in Zeiten, in denen dem Publikumsgeschmack der Vorrang gegeben wird bzw. Aufnahmen eines einzigen Komponisten (Komponistin) gefragt sind.

    Die beiden, Setareh und Theresia, haben sich übrigens nicht nur der „vertriebenen Musik“ gewidmet, sondern auch der „unterdrückten Musik“, nämlich der Aufführung und Einspielung von Werken von zum Teil sehr wenig bekannten Komponistinnen, wie eine unlängst erschienene CD mit dem Titel Female Composers (Austrian Gramophone, 2016) beweist.

    Peter Weinberger

    Peter Weinberger

    war bis 2008 Professor für Allgemeine Physik an der TU Wien und ist seitdem Gastprofessor an der New York University. Er ist auch literarisch tätig.
    Peter Weinberger

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