Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Jüdisches Leben
  • SCHLAGWöRTer: ,
  • ausgabe:  Ben Dagan | Nr. 70 (04/2017) - Kislev 5778
  • Der “Judenstaat” am Ende der Welt

    Wollte Sowjetdiktator Josef Stalin das jüdische Volk einfach loshaben oder brachliegende Gebiete im Fernen Osten urbar machen und die Grenze zu China absichern? Wahrscheinlich all das zusammen, mutmaßen Historiker.
    VON CAROLA SCHNEIDER (TEXT)
    UND DANIELLE SPERA (FOTOS)

     

    1934 erklärte Stalin ein fast menschenleeres Gebiet im russischen Fernen Osten zur Jüdischen Autonomen Region – und versprach den sowjetischen Juden dort eine neue Heimat und eine goldene Zukunft. Die Realität war weniger romantisch: Die umgesiedelten Juden erwartete in Birobidschan zunächst bittere Armut, später fegten die antisemitischen Säuberungswellen Stalins auch über die Jüdische Autonome Region hinweg. Heute leben in Birobidschan kaum mehr Juden. Am jüdischen Erbe jedoch wollen die Bewohner – ob mit oder ohne jüdische Wurzeln – festhalten.

    „Das Leben ist nicht leicht hier“

    Typisch sowjetische Häuserblocks, ein überdimensionales Lenin-Denkmal am zentralen Platz in der Stadtmitte und alte Ladas, die laut durch die Straßen brausen: Auf den ersten Blick wirkt Birobidschan wie eine typische russische Kleinstadt, in der die Menschen von den gleichen Sorgen geplagt werden wie überall in der russischen Provinz. „Das Leben ist nicht leicht hier“, erzählt Maria, die mit Taxifahren ihre kleine Pension aufbessert. „Es ist alles teuer geworden. Die Gehälter sind niedrig und die Mieten hoch. Früher gab es hier mehrere Fabriken. Aber jetzt rotten sie vor sich hin. Auch unsere Schuhfabrik wurde bis auf eine Werkhalle geschlossen. Die Menschen finden kaum mehr Arbeit.“

    Und doch ist Birobidschan, das tausende Kilometer östlich von Moskau an der chinesischen Grenze liegt, anders als andere russische Kleinstädte. Die Straßenschilder sind neben Russisch auch auf Jiddisch beschriftet, vor dem Bahnhof steht eine meterhohe Menora und auf dem Eingangstor des Obstund Gemüsemarkts prangt in riesigen jiddischen Lettern der Gruß „Schalom“. „Wir Einheimischen achten nicht darauf, wir sind daran gewöhnt“, lacht Alexander, ein älterer Herr, als ich ihn darauf anspreche. „Aber wenn Gäste in unsere Stadt kommen, fragen sie, warum es hier jiddische Schilder gibt. Das freut mich! Es erinnert an unsere Geschichte.“

    Die wechselvolle Geschichte Birobidschans beginnt Ende der 1920er- Jahre, als die sowjetische Staatsführung unter Josef Stalin die jüdische Bevölkerung aufruft, in den Fernen Osten umzusiedeln. Das Ziel ist ein nahezu menschenleeres Sumpfgebiet an der chinesischen Grenze, das er einige Jahre später zum Jüdischen Autonomen Gebiet erklären wird. Dort erwarte sie ihr eigenes Territorium und ein besseres Leben als im Schtetl, kündigt Stalin an. „Ihr werdet dort gut leben, hat uns die Regierung versprochen. Hühner, Enten, all das werdet ihr dort haben. Goldene Berge wird es geben, hat es geheißen“, erzählt Michail Kesselbrenner, den ich in seiner Wohnung im Zentrum von Birobidschan treffe. Er ist 1945 als Teenager mit seiner Mutter und seiner kleinen Schwester aus der Ukraine nach Birobidschan übersiedelt. Die Nazis hatten seinen Vater ermordet, die Familie litt unter bitterer Armut. „Wir wussten nicht, wohin wir sonst hätten gehen sollen“, erinnert sich Kesselbrenner. Doch golden war das neue Leben in Birobidschan zunächst nicht: „Hier gab es nur Sumpf und riesige Mücken. Die Straßen waren dauernd überschwemmt, die Infrastruktur musste erst aufgebaut werden. Unsere Mutter und wir haben auf dem Kartoffelfeld gearbeitet. Unser Haus war so kalt, dass die Kartoffeln, die wir mitgenommen haben, über Nacht gefroren sind. Wir konnten sie nicht mehr essen.“

    Viele der Neuankömmlinge hätten Birobidschan bald wieder verlassen, doch seine Familie habe zu wenig Geld für die Rückreise gehabt, und so seien sie geblieben. Als Tischler habe er später in der Birobidschaner Möbelfabrik gearbeitet, erzählt Kesselbrenner und zeigt mir stolz einen aufwändig geschnitzten Holzschrank in seiner Wohnung, den er vor Jahrzehnten gezimmert hat. So wie Kesselbrenner sind zehntausende Juden aus Weißrussland, der Ukraine und Russland, aber auch aus dem Ausland dem Ruf Stalins gefolgt. Er verfolgte mit dem Umsiedlungsprojekt mehrere politische Ziele, erklärt Walerij Gurjewitsch, der für die Russische Akademie der Wissenschaften die Geschichte Birobidschans erforscht: „Stalin wollte zum einen ein Territorium schaffen, in dem die sowjetischen Juden kompakt als eine Art Nation leben konnten. Zum anderen wollte er die Grenze im Fernen Osten sichern. Deshalb wurde genau dieses Gebiet besiedelt. Damals gab es hier überall Grenzkonflikte.“ Zudem wurde die Idee eines „sozialistischen jüdischen Staates“ von der Sowjetpropaganda auch als Gegenprojekt zu einem jüdischen Staat in Palästina beworben.

    „Birobidschaner Stern“

    Ende der 1930er-Jahre lebten bereits über 100.000 Menschen in der Jüdischen Autonomen Region mit ihrer Hauptstadt Birobidschan. Jiddisch war neben Russisch Amtssprache. Doch schon damals war nur jeder fünfte Bewohner der Region Jude. Und schon bald setzte das Stalin-Regime seinem eigenen Projekt eines „sowjetischen jüdischen Staats“ ein brutales Ende. Dem „großen Terror“ Stalins gegen angebliche Volksfeinde in der Führungselite des Landes Ende der 1930er-Jahre fielen auch viele Bewohner Birobidschans zum Opfer. Später, nach dem Zweiten Weltkrieg, folgte eine antisemitische Säuberungswelle, die auch vor der Jüdischen Autonomen Region nicht Halt machte. „Viele unserer Politiker, Beamten und Schriftsteller wurden erschossen oder jahrelang in den Gulag geworfen. Der Staat machte ihnen zum Vorwurf, was er vorher selbst unterstützt hatte, nämlich dass sie die jüdische Kultur lebten und förderten“, erzählt Walerij Gurjewitsch. Sämtliche jiddischen Schulen, Theater und fast alle Zeitungen seien damals geschlossen worden und die darauffolgenden Generationen, auch seine, hätten von der jüdischen Kultur nichts mehr mitbekommen. Die seit 1930 erscheinende Zeitung Birobidschaner Stern hat die Repressionen, denen jeder zweite Redaktionsmitarbeiter zum Opfer fiel, überlebt und erscheint ohne Unterbrechung bis heute. Die Auflage ist mit nur noch rund 1000 Exemplaren bescheiden, aber noch immer werden einige Artikel pro Ausgabe in Jiddisch gedruckt. Allerdings würden nur noch wenige Leser die Sprache verstehen, bedauert Chefredakteurin Elena Saraschewskaja. Es gebe auch kaum mehr Journalisten, die jiddisch sprechen, weshalb sie die Artikel selbst ins Jiddische übersetzt. „Aus Leidenschaft, weil ich diese Sprache erhalten möchte“, betont die Journalistin, die selbst keine jüdischen Wurzeln hat. Saraschewskaja kritisiert, dass vor kurzem an der Universität von Birobidschan der Lehrstuhl für Jiddisch wegen mangelnder Rentabilität geschlossen wurde. Nur noch zwei alte Damen würden heute in einem Kindergarten und einer einzigen Schule Jiddisch unterrichten: „Wenn sie nicht mehr arbeiten, folgt keiner mehr nach. Und plötzlich wird hier kaum mehr jemand Jiddisch verstehen. Wer soll dann die jiddischsprachigen Dokumente und die Literatur übersetzen, die in unseren Museen und Archiven liegen?“

    Nicht nur die jiddische Sprache droht im Jüdischen Autonomen Gebiet, das bis heute so heißt, zu verschwinden. Es leben auch kaum mehr Juden hier. Laut offizieller Volkszählung bezeichnen sich weniger als ein Prozent der gut 100.000 Bewohner der Region als jüdisch. Viele sind nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion weggezogen, die meisten nach Israel. Auch architektonisch sind aus der Gründerzeit der Region nicht mehr viele Spuren erhalten. Das in den 1930er-Jahren erbaute Rathaus von Birobidschan ist eine seltene Ausnahme. Unterdessen wirkt der Anblick des ältesten Friedhofs von Birobidschan geradezu bedrückend. Die Gräber der ersten Siedler verwildern in einem schwer zugänglichen Waldstück. Als ob man sie vergessen hätte.

    Ausstellung des österreichischen Kulturforums Moskau

    „Birobidschan verschweigt und versteckt seine Geschichte“, meint dazu der Moskauer Künstler Jurij Palmin, der den vergessenen Friedhof für seine künstlerische Arbeit über die Geschichte Birobidschans fotografiert hat. „Stattdessen zeigt die Stadt Ersatzsymbole wie karikaturenhafte Denkmäler für jüdische Poeten oder jiddische Straßenschilder. Der Grund dafür ist, dass im politischen Diskurs die Geschichte dieses Orts immer wieder ausgelöscht und neu geschrieben wurde. Das betrifft die zynische Umsiedlung der Juden in den Fernen Osten genauso wie die späteren Repressionen gegen sie.“ Palmin versucht, diese zerrissene Geschichte Birobidschans in Fotografien mit Alltagsszenen der Stadt aufzuspüren. Die Bilder sind Teil einer Ausstellung des österreichischen Kulturforums Moskau, die im Oktober in Birobidschan gezeigt wurde. Künstler aus aller Welt, vorwiegend aber aus Russland und Österreich, wurden eingeladen, sich mit der Geschichte und Identität der Region auseinanderzusetzen.

    Einen weniger pessimistischen Blick auf das jüdische Erbe in Birobidschan wirft dabei die österreichische Künstlerin Ekaterina Shapiro-Obermair. In einem Video zeigt sie Interviews mit Schülerinnen der einzigen Schule Birobidschans, die im Freifach Jiddisch anbietet. Die befragten Kinder sind zwar alle nicht jüdisch, zeigen sich aber durchwegs begeistert von der jiddischen Sprache und jüdischen Kultur.

    Der junge Rabbi von Birobidschan, Eli Riss, betont unterdessen mit fast trotzigem Optimismus, dass das jüdische Leben in der Region nicht aussterbe – als wolle er dem Eindruck widersprechen, der sich beim soeben beendeten Morgengebet in der Synagoge aufdrängte: nur eine Handvoll alter Männer war gekommen. Als er vor fünf Jahren seine Stelle als Rabbi angetreten habe, habe auch er das baldige Ende der Glaubensgemeinschaft befürchtet. Heute aber wachse die Rolle der Religion in der Gesellschaft wieder, anders als zu Sowjetzeiten, als auch in der Jüdischen Autonomen Region jegliche Religionsausübung politisch verfolgt worden sei: „Zwar leben die meisten Juden in Birobidschan bis heute ein weltliches Leben. Aber an Feiertagen kommen so viele Gläubige in die Synagoge, dass der Platz nicht reicht“, meint Riss, der der Chabad-Lubawitsch-Bewegung angehört. Er wurde in Birobidschan geboren, kurz darauf wanderte seine Familie nach Israel aus. Als Teenager kam Eli Riss nach Birobidschan zurück und sieht heute seine Aufgabe vor allem darin, den jungen Juden die Religion näher zu bringen. Und Birobidschan, so meint Riss fröhlich, zu einem großen jüdischen Zentrum im Fernen Osten zu machen: „Wir bauen gerade am ersten koscheren Restaurant und dem ersten koscheren Geschäft in Birobidschan. Jetzt fehlt nur noch eine jüdische Schule!“

    Die Präsenz des großen Nachbarn

    Unterdessen wird in Birobidschan die Präsenz des großen Nachbarn China immer sicht- und spürbarer. An jeder Straßenecke werden grellbunte chinesische Plastikblumen verkauft und in den Einkaufszentren quellen die Regale chinesischer Läden über mit Tee- und Gewürzgroßpackungen aus dem Nachbarland. Auf den Feldern der Region wird das Gemüse von chinesischen Arbeitern geerntet und die zahlreichen Denkmäler, die China Birobidschan als Zeichen der Freundschaft schenkt, werden von chinesischen Baufirmen errichtet und renoviert. Auch die Wirtschaftsbeziehungen werden immer enger geknüpft. Birobidschan liege zwar weit weg von Moskau, aber keineswegs am Rande Russlands, schmunzelt der Gouverneur der Autonomen Jüdischen Region, Alexander Lewintal: „Bei uns fängt Russland an, hier geht die Sonne auf. Wir sind das Tor in die pazifische Region.“ Man pflege intensive Kontakte zu allen Nachbarländern, aber besonders enge mit China: „Birobidschan und China ergänzen sich hervorragend. Wir haben Bodenschätze und landwirtschaftliche Produkte, die für China interessant sind. Gleichzeitig sind wir logistisch gut gelegen. Über Birobidschan kann nach China exportiert werden und China kann über uns seine Waren in den Westen oder nach Amerika exportieren.“ Daher werde jetzt zwischen der Jüdischen Autonomen Region und China eine große Eisenbahnbrücke über den Grenzfluss Amur gebaut. Im letzten Jahr habe Birobidschan zu den am schnellsten wachsenden russischen Regionen gehört, fügt Lewintal stolz hinzu. Die Regierung wolle neue Fabriken eröffnen, ausländische Investitionen anziehen und Arbeitsplätze schaffen. Das Image Birobidschans als offener und aufstrebender Wirtschaftsstandort soll auch das internationale jüdische Kulturfestival unterstreichen, meint Lewintal und deutet mit der Hand auf die Bühne vor der Birobidschaner Philharmonie, wo wir uns zum Gespräch getroffen haben.

    Eine chinesische Sängerin haucht gerade die letzten Worte ihres Lieds ins Mikrophon, und die Zuhörer, die sich diesem sonnigen Herbstnachmittag hier versammelt haben, applaudieren begeistert. Dann betritt eine Band aus Sankt Petersburg die Bühne und stimmt schwungvolle Klezmer-Klänge an. Das Publikum wiegt sich im Takt, auch wenn die allerwenigsten selbst Juden sind. „Ich bin keine Jüdin, aber ich mag diese Musik und besuche alle jüdischen Festivals“, lacht die Pensionisten Lena. „Die Juden haben dieses Gebiet aufgebaut, es ist ihre Heimat. Wir müssen ihre Kultur bewahren, auch wenn heute viele von ihnen weggezogen sind.“ Aber kann dieses demonstrative Feiern des jüdischen Erbes in einer Art „Judenstaat fast ohne Juden“ mehr sein als Folklore? „Ja“, sagt Walerij Gurjewitsch, ohne zu zögern: „Bei uns Juden, die wir noch hier sind, sitzt unsere Kultur ganz tief in unseren Herzen. Für uns ist es keine Folklore. Wir können uns noch daran erinnern, dass unsere Großeltern Jiddisch gesprochen haben. Wir dürfen doch unsere Geschichte nicht vergessen. Unsere Eltern haben ihr Leben und ihre Gesundheit für diese Region geopfert, als sie in den 1930er-Jahren hierhergezogen sind.“

    Inzwischen tanzen auf der Festivalbühne vor der Philharmonie Schulkinder zu jüdischen Volksweisen. Glitzernde Stanniolschnipsel regnen auf sie herab. Stolz und fast ein wenig verzweifelt hält Birobidschan an seiner jüdischen Identität fest. Vielleicht, weil es keine andere hat.

    Carola Schneider

    Carola Schneider

    Dolmetsch-Studium der Sprachen Französisch und Russisch. Ab 1996 Redakteurin im ORF-Landesstudio Vorarlberg, 2001-2003 ORF-Korrespondentin in Paris, 2003-2011 ORF-Korrespondentin in Zürich und seit 2011 Leiterin des ORF-Korrespondentenbüros Moskau.
    Carola Schneider

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