Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Oscar Bronner | Nr. 33 (3/2008) - Elul 5768/Tischri 5769
  • Der große Wurf mit Peter Seisenbacher

    Judo ist ein Paradebeispiel für das Comeback des jüdischen Sportvereins Hakoah im Wiener Prater. NU hat sich eine Sportstunde angeschaut.
    Von Fritz Neumann und Jacqueline Godany (Fotos)

    Was soll das werden, Aaron?“ Aaron weiß nicht so recht. „Du sollst deinen Gegner nicht mit dem Fuß streicheln!“ Aaron blickt fragend auf. „Du sollst ihm die Beine wegziehen – so!“ Und plötzlich fühlt sich der kleine Aaron selbst am Krawattl gepackt, er fühlt, wie ihm ein Haxl gestellt wird, fühlt, wie ihn große Hände recht sanft aufs Kreuz legen. Jetzt hat Aaron eine Ahnung davon, was Sache ist.

    Wenn ein zweimaliger Judo-Olympiasieger sagt oder vorzeigt, worum es geht, dann glaubt man ihm. Dem S. C. Hakoah ist mit der Verpflichtung von Peter Seisenbacher, wenn man so will, ein Wurf gelungen, ein toller Wurf. Seisenbacher steht seit einem guten halben Jahr an der Matte, seit das neue Hakoah-Zentrum im Wiener Prater seinen Betrieb aufgenommen hat. Viele Schüler sind ihm von seiner alten Wirkungsstätte, der Blattgasse im dritten Bezirk, in den zweiten gefolgt. Neue Schüler kommen laufend dazu, über kurz oder lang könnte die Mitgliederzahl der Hakoah-Judosektion eine dreistellige sein. Das Training verteilt sich auf Montag bis Donnerstag, manche kommen einmal, andere kommen viermal die Woche. Am Nachmittag legen die Anfänger los, die Fortgeschrittenen üben oft bis in den Abend hinein in der großen, auch für Basketballspiele geeigneten Halle, die sich zu Trainingszwecken dritteln lässt.

    Judo ist kein Volkssport. Seisenbachers Goldmedaillen 1984 in Los Angeles und 1988 in Seoul, wo er als erster Judoka überhaupt einen Olympiatitel verteidigte, haben daran nichts geändert. „Aber bei Kindern“, sagt er, „ist Judo sehr populär.“ Viele Vereine arbeiten mit Schulen zusammen, bieten die Teilnahme an Neigungsgruppen an. Viele Eltern nützen das Angebot auch in der Hoffnung, dass sich die Söhne und Töchter so richtig austoben und am Abend nicht zum Schlafengehen bekniet werden müssen. Die Hakoah bietet Judo sogar schon für Kinder im Vorschulalter an. Seisenbacher spricht von der „Judo-Spielwiese“. Eine halbe Stunde lang wird quasi geordnet herumgetobt, dann geht’s um Koordinationsübungen, um richtiges Rollen, richtiges Fallen. „Gekämpft wird erst ab der Volksschule.“

    „Da muss es knallen!“ „Ordentlich durchziehen!“ „Nicht einschlafen dabei!“ Trainer Seisenbacher ist mit Herz und Seele bei der Sache. Was er da tut, tut er mit einer kurzen Unterbrechung, als er Generalsekretär der Sporthilfe war, seit seinem Rücktritt vom Sportlerdasein. Sein Wiener „Budoclub“ wurde bereits 1984 gegründet, dieser Klub, mit Sitz im Budocenter, ist nach wie vor das zweite Standbein Seisenbachers. Woher der 48-Jährige den Ehrgeiz und die Motivation nimmt, sich auch nach zwanzig Jahren um die Judo-Ausbildung von Kindern zu kümmern, wo er doch weiß, dass 99 Prozent in oder nach ihrer Jugend dem Sport wieder verlorengehen? Er sagt, der Leistungssport sei „nur eine Episode im Leben eines Judoka“, und dass es gelte, „etwas weitergeben zu wollen“. Wer das anders sehe, der habe „die Judo-Idee nicht verstanden“.

    Markus Rogan hin, Mirna Jukic her. Nimmt man die letzten 25 Jahre, so ist Judo der erfolgreichste heimische Sommersport. Neben den zwei Seisenbacher-Goldenen gab’s bei Olympia zweimal Silber (Claudia Heill 2004, Ludwig Paischer 2008) und einmal Bronze (Josef Reiter 1984). Was dann zum Volkssport fehlt? Seisenbacher macht sich nichts vor. „Judo ist nicht Tennis, Judo ist nicht Golf.“ Erwachsene tun sich schwerer als Kinder damit, ausgehebelt zu werden und auf den Rücken zu fallen. Zudem könne Judo als Spitzensport kaum eine breite Masse faszinieren, weil sich „die Grundessenz des Judo“ laut Seisenbacher wie folgt erklärt: „Zwei absolute Experten treffen aufeinander. Einer muss den anderen überraschen. Und wenn einem das gelingt, kennen oft nur die zwei Kämpfer den Grund dafür. Und kein einziger Zuschauer in der Halle hat etwas gesehen.“ Der S. C. Hakoah hat dennoch viel vor, auch im Judo. Im November ist ein Ländervergleich mit Israel geplant. Und Seisenbacher kann sich durchaus vorstellen, eine Truppe zu formen, die zunächst in der Nationalliga vorstellig wird und dann in die Bundesliga aufsteigt. Bis dato sind die Hakoahner als Einzelkämpfer unterwegs, die sich in diversen Klassen freilich schon einen Namen gemacht haben. Ein Klub, der um Vereinstitel streitet, müsste allerdings in allen Gewichtsklassen ordentlich besetzt sein. Und so weit ist die Hakoah noch nicht.

    Aaron und ein gutes Dutzend andere Kinder stellen sich paarweise auf der großen Matte in der dreigeteilten Halle zusammen. Seisenbacher gibt jetzt Anweisungen auf „Japanisch“, immer wieder ruft er „Mate“, das heißt so viel wie „stopp!“ oder „Unterbrechung“. Dann lassen die kleinen und größeren Kämpfer voneinander ab, bringen ihre Judogi (Judoanzüge) wieder in Ordnung, ziehen ihre Gürtel fest. Jedes zweite Seisenbacher-Kommando endet mit „Waza“, Waza bedeutet Technik, und Techniken gibt es im Judo tatsächlich sonder Zahl. Unterteilen lassen sie sich in Wurftechniken (Nage-waza), Falltechniken (Ukemi-waza), Bodentechniken (Newaza). Sie werden bewertet, im Kampf von einem Kampfrichter, im Training von Seisenbacher. Koka ist die kleinste Wertung, gefolgt von Yuko, Waza-ari und Ippon. Zeigt ein Kampfrichter „Ippon“ an, ist der Kampf vorzeitig beendet.

    Seisenbacher zeigt nicht an, Seisenbacher ruft. „Das war ein Ippon“, ruft er, „jetzt wäre der Kampf vorbei.“ Doch das Training geht weiter, immer weiter. „Ordentlich durchziehen, Aaron“, ruft Seisenbacher noch einmal. Und wenig später: „Bravo, das war jetzt schon viel besser.“

     

    S. C. Hakoah

    1909 gegründet, war der jüdische Sportverein S. C. Hakoah Wien zunächst ein reiner Fußballverein. Er konnte als erster Kontinentalverein einen englischen Klub auswärts schlagen (5:0 bei West Ham United, 1923), war 1925 unter Kapitän Maxl Scheuer (später von den Nationalsozialisten ermordet) erster österreichischer Meister im Profifußball. Auch die Schwimmer und Ringer hatten beachtliche Erfolge. 1938 wurde der S. C. Hakoah von den Nationalsozialisten zerschlagen, 1945 reaktiviert, wobei sich der Fußballverein 1950 endgültig auflöste. Im „Vertrag zur Entschädigung der jüdischen Bevölkerung in Österreich“ wurde 2003 die teilweise Rückgabe und Renovierung des ehemaligen Hakoah-Geländes in der Krieau festgelegt. Am 11. Dezember 2006 erfolgte die Grundsteinlegung für das neue Sportzentrum.

    Im März 2008 nahm das „S. C. HAKOAH Karl Haber Sport und Freizeitzentrum“ seinen Betrieb voll auf. Auf 20.000 m² werden u.a. geboten:
    Mehrzweckhalle (1.200 m²), Kraftkammer, Fitnessbereich, Wellness, Solarium, Massage, Physiotherapie, Seminar-/ Mehrzweckraum, Freibereich mit Schwimmbecken, Mehrzweckhartplatz, Beachvolleyballplatz, Tennisplätze, koscheres Café-Restaurant SIMCHAS-HAKOAH, Hakoah-Museum (ab 2009).
    Hakoah-Sektionen gibt es in folgenden Sportarten: Basketball, Boxen, Judo, Karate, Ringen, Schwimmen, Touristik und Skiclub, Tennis, Tischtennis, Wandern.

    2009 wird die Hakoah ihren 100. Geburtstag feiern.

    S. C. Hakoah Sportanlagen Betriebs GmbH
    Vereinspräsident: Univ.-Prof. Dr. Paul Haber
    Geschäftsführer: Ing. Ronald Gelbard
    Simon-Wiesenthal-Gasse 3
    1020 Wien

    Tel.: 01/726 46 98-0; Fax: 01/726 46 98-999
    E-Mail: office@hakoah.at; www.hakoah.at

    Fritz Neumann

    Fritz Neumann

    Ressortleiter-Stv. Sport at "Der Standard"
    ist Sportjournalist der Tageszeitung Der Standard. Er ist Vater zweier Söhne.
    Fritz Neumann

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