Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Erwin Steinhauer | Nr. 67 (01/2017) – Adar/Nissan 5777
  • Der Fotograf der Nation

    David Rubinger, der bedeutendste Fotograf Israels, hat wie kein anderer die Geschichte Israels seit seiner Staatsgründung dokumentiert. Sein wohl berühmtestes Foto zeigt drei israelische Fallschirmjäger nach der Wiedereroberung der Klagemauer im Juni 1967 – übrigens ein Bild, für das er nie ein Honorar bekommen hat. Der frühere israelische Präsident Schimon Peres nannte Rubinger den „Fotografen der Nation im Werden“. Am 1. März hat er uns für immer verlassen.
    VON DANIELLE SPERA (NACHRUF)
    UND EFRAIM MOSKOVICS (FOTO)

     

    David Rubinger wurde 1924 in Wien geboren. Nach dem sogenannten Anschluss Österreichs an Nazideutschland gelang es ihm, 1939 mit der zionistischen Jugendbewegung Jugend- Alija über Triest nach Palästina zu flüchten. Seine Mutter wurde in Weißrussland ermordet, sein Vater konnte aus einem Konzentrationslager nach England entkommen. In Palästina lebte Rubinger zwei Jahre in einem Kibbuz und schloss sich 1942 der Jewish Brigade der britischen Armee an. Er diente in Nordafrika, Malta, Italien, Deutschland und Belgien. Im Fronturlaub in Paris schenkte ihm eine Freundin seine erste Kamera und entfachte seine Leidenschaft für die Fotografie. Nach dem Zweiten Weltkrieg heiratete er seine Cousine Anni, eigentlich nur, um ihr eine Einreise nach Palästina zu ermöglichen. Die Ehe hielt 50 Jahre bis zu Annis Tod. Seine zweite Lebenspartnerin wurde in ihrem Haus von einem palästinensischen Gärtner ermordet.

    Das rote Häferl

    Rubinger arbeitete für israelische Zeitungen und schließlich für die renommierten Magazine der Time-Life- Gruppe. Er gilt als einer der berühmtesten Fotojournalisten weltweit. 1997 erhielt er für seine Arbeit als Fotojournalist den israelischen Staatspreis für Kunst, Kultur und Medien, die höchste in Israel vergebene Auszeichnung. 1994 wurden Rubingers Arbeiten in der Ausstellung Zeuge einer Epoche im Jüdischen Museum Wien gezeigt. In den vergangenen Jahren war David Rubinger mehrmals dort zu Gesprächsabenden über sein Leben zu Gast. Spannend erzählte er seine Lebensgeschichte mit zahlreichen Erinnerungen aus seiner – zunächst – unbeschwerten Kindheit in Wien:

    „Mein Vater war ein sehr religiöser Mann. Streng koscher, Schabbat, nicht einmal einen Bleistift nahm er in die Hand. Den ganzen langen Tag hat er schwer gearbeitet – nur mit einer Mittagspause. Außer Freitag natürlich. Da wurde durchgearbeitet, sodass er früh nach Hause kommen konnte, um für den heiligen Sabbat sauber und fein gekleidet zu sein. – ,Ja aber das Kind muss doch zu Mittag essen‘, sagte sich Mama. Also ging sie jeden Freitagmittag ins Wirtshaus gegenüber und brachte mir in einem roten ‚Häferl‘ meine Leberknödelsuppe nach Hause. Die war aber nicht koscher! Ich erinnere mich, dass Mama das rote Häferl unter dem Spülstein versteckt hielt. Ich glaube, mein Vater hat bis zu seinem Lebensende nichts von dieser tapferen Tat meiner Mutter gewusst. Jedenfalls, wann immer ich in Wien lande – das Menü meiner ersten Mahlzeit muss Leberknödelsuppe enthalten.“

    Alle Auftritte von David Rubinger in Wien waren mehr als ausgebucht, jedes Gespräch mit ihm, sei es vor Publikum oder im privaten Rahmen, verlief faszinierend. Man konnte ihm stundenlang zuhören. Sein Haus in Jerusalem wurde zu einem meiner Lieblingsorte in Israel. Die Wände bedeckt mit Kunstwerken, in seinem Büro unzählige seiner Fotos – und eine Atmosphäre der Wärme, mit der David die persönlichen Begegnungen erfüllte. In seinem Garten gelang Entspannung selbst im Jerusalemer Trubel. Mehr als eine halbe Million Fotos hat David Rubinger uns hinterlassen. Wunderbar war auch sein Humor, den er sich trotz der vielen Schicksalsschläge erhalten hatte. Zu seinem 90. Geburtstagsfest schrieb er auf die Einladung: „Don’t bring anything, I’m already getting rid of things.“ Wir werden ihn sehr vermissen.

    Danielle Spera
    Das NU-Gründungsmitglied ist Direktorin des Jüdischen Museums Wien. Davor war sie ORF-Journalistin und Moderatorin. Sie studierte Publizistik- und Politikwissenschaft.
    Danielle Spera

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