Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Dajgezzen und Chochmezzen
  • SCHLAGWöRTer: 
  • ausgabe:  Ben Dagan | Nr. 70 (04/2017) - Kislev 5778
  • Der Fluch des siebten Bezirks

    Rainer Nowak und Peter Menasse treffen sich im neuen Lokal von Jamie Oliver in Wien und reden über den vergangenen Wahlkampf. Die Zukunft kommt eindeutig zu kurz.

    Menasse: Wo hast du mich wieder hinbestellt? Wer ist dieser Jamie, in dessen Lokal wir uns hier befinden?

    Nowak: Du bist der einzige Österreicher, der ihn nicht kennt. Der junge Mann ist eine Art kulinarischer Entwicklungshelfer für Großbritannien.

    Menasse: Die Notwendigkeit von Entwicklungshilfe halte ich für übertrieben. Ich liebe die englische Küche. Was gibt es Besseres als fish and chips aus dem Zeitungspapier? Da wird noch Zeitung gelesen, oder besser gegessen.

    Nowak: Stimmt. Das Zeitungspapier ist das Beste daran. Im Ernst: Die britische Küche ist unsinnig, egal was Jung- und Althipster behaupten. Jamie Oliver hat die erste Al-dente-Pasta dorthin gebracht und wurde dafür bejubelt. Südeuropa ist da ein Jahrhundert weiter. Keine Ahnung, warum er ausgerechnet in Wien ein Lokal eröffnet. Es wirkt auf mich wie ein Hardrock-Café für Boutiquen-Geschäftsführerinnen und Agenturchefs.

    Menasse: Also ich sehe hier nur Touristen. Wieso weißt du, welche Berufe diese Leute haben?

    Nowak: Uns sieht man auch an, dass wir alte weiße Medienmänner sind.

    Menasse: Immer das mit den alten weißen Männern. Worauf bezieht sich das „weiße“? Wenn die Hautfarbe gemeint ist, wäre das rassistisch. Wenn es die Haare betrifft, bin ich mit meinem Glatzkopf fein raus. Und wo ist die Altersgrenze, nach der man für alles und jedes unter Generalverdacht steht? Müssen sich Männer über 60 jetzt selbst entsorgen?

    Nowak: Nein, musst du nicht. Das Klischee meint ja alt, weiß und mächtig. Mindestens ein Kriterium erfüllst du nicht.

    Menasse: Apropos Alter: Während des Wahlkampfes habe ich mir um dich Sorgen gemacht, als du jeden Morgen deine Einschätzung über das Netz geschickt hast. Du hattest offensichtlich trotz deines jugendlichen Alters einen Anfall von präseniler Bettflucht. Schläfst du inzwischen wieder länger?

    Nowak: Du weißt aber schon, dass man einen Text am Abend schreiben, aber erst in der Früh per Mail verschicken kann?

    Menasse: Apropos „jung“. Das kann man zu dir auch nicht sagen. Für einen Kanzler wärst du schon deutlich zu alt.

    Nowak: Auch für einen Standard-Chefredakteur. Aber ich bin überrascht, dass du dich so schnell mit Kanzler Kurz arrangiert hast. Ich dachte, du würdest bei schwarz-blau-türkis die Koffer packen.

    Menasse: Ich bleibe hier und schaue mir vom Muppets-Balkon an, wie Herr Kurz an den Deutschnationalen verzweifelt. Der Neuwahl-Champagner ist eingekühlt. Hast du denn deine berühmten schwarzen Anzüge schon durch türkisfarbene ersetzt? Oder trägt man jetzt bei Feierlichkeiten Türkis-Shirts?

    Nowak: Das musst du deinen Freund Martin Engelberg fragen. Er sitzt für diese Partei im Nationalrat, ich hingegen habe schon Helmut-Lang-Anzüge getragen, da war die Liste Kurz noch in Arbeit.

    Menasse: Martin habe ich, wie tausende andere auch, in Türkis gesehen. Man konnte im Internet Bilder vom Messias- Huldigungs-Treffen in der Wiener Stadthalle sehen.

    Nowak: Das nennt man Wahlkampfauftakt. Der Wahlkampf ist aber vorbei, reden wir endlich über die Zukunft?

    Menasse: Na ja, über die Roten müssen wir schon auch noch reden. Mich hat das Konzept der Bundes-SPÖ fasziniert. Wenn einer abgelöst wird, weil er Wahlen verloren hat, wird er samt seinem Team zum Berater des übernächsten Vorsitzenden. So ist Kontinuität im Verlieren gewährleistet.

    Nowak: Du redest von Alfred Gusenbauer. Aber ausnahmsweise meine ich das jetzt ernst. Kerns größtes Problem war es, keinen Josef Ostermayer zu haben. Ich bin gespannt, ob Kern jetzt einen auf Klima macht oder dem von dir ins Spiel gebrachten Gusenbauer nacheifert.

    Menasse: Du willst ihn also als Manager nach Südamerika schicken. Ich weiß ja, dass du ein schwieriges Verhältnis zur Sozialdemokratie hast.

    Nowak: Ich hatte ein sehr gutes Verhältnis zu Christian Kern und will daher, dass er von Wien-Neubau aus lukrative Weltreisen unternimmt und das Leben wie der rote Bacchus genießt.

    Menasse: Der siebte Bezirk bringt ganz allgemein kein Glück. Auch die Grünen in Wien, die sich so um die Mariahilfer Straße gekümmert haben, sind derzeit völlig ohne Fortune.

    Nowak: Wenn ich jetzt sage, dass auch die Neos ihr Hauptquartier dort haben, bringt mir das von denen mindestens sieben beleidigte Anrufe.

    Menasse: Gehen wir doch lieber in die Zukunft unseres Landes. Glaubst du, dass es am 7. Dezember, wenn NU erscheint, schon eine neue Regierung gibt?

    Nowak: Das glaube ich nicht. Sie verhandeln bedächtig im Van-der-Bellen- Modus. Wahrscheinlich wollen sie ihn auf diese Weise bis zum Regierungsvorschlag milde stimmen und auf ihre Seite ziehen.

    Menasse: Bei unserem letzten Treffen waren wir stolz darauf, kein einziges Mal Donald Trump erwähnt zu haben. Er beherrschte damals die gesamte Medienwelt. Diesmal haben wir es ganz ohne Peter Pilz geschafft. Ich bin stolz auf uns.

    Nowak: Peter Pilz, wer war das schon wieder?

     

    * Dajgezzen: sich auf hohem Niveau Sorgen machen; chochmezzen: alles so verkomplizieren, dass niemand – einschließlich seiner selbst – sich mehr auskennt.

     

    Rainer Nowak

    Rainer Nowak

    Chefredakteur at Die Presse
    Der Herausgeber und Chefredakteur der Tageszeitung Die Presse ist ständiger NU-Mitarbeiter.
    Rainer Nowak

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    Peter Menasse
    Der NU-Chefredakteur ist selbstständiger Kommunikationsberater und Publizist. Er lebt in Wien und im Burgenland.
    Peter Menasse

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