Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Marina Weisband | Nr.62 (04/2015) - Kislev 5776
  • Der falsche hält den wahren Islam nicht aus

    Efgani Dönmez ist ein mutiger Kritiker einer Dogmatik, die sich den Islam aneignet und ihn gleichzeitig missbraucht. Die Grünen haben ihn vor kurzem als Abgeordneten zum Bundesrat abgewählt. Peter Menasse hat dem ebenso unbequemen wie unbeugsamen Querdenker Fragen zum Flüchtlingsthema und zum möglichen Import von diskriminierenden Anschauungen gestellt.

    NU: Es kommen derzeit viele Flüchtlinge nach Europa. Welche Ideologie bringen sie mit, wie sehr müssen wir importierten Antisemitismus fürchten?

    Efgani Dönmez: Die Ängste sind ernst zu nehmen, und es gilt, die Gründe und Ursachen für die Entwicklungen zu untersuchen. Der „koranische Islam“ verabscheut Terror, Scheinheiligkeit und Unmenschlichkeit. Die faschistische Ideologie einer pseudo-islamischen Dogmatik ist dagegen gewaltbereit und -verherrlichend. Was wir heute in Syrien, im Irak, in Saudi-Arabien und vielen anderen Ländern sehen, hat mit dem „wahren Islam“ nichts zu tun. Weil der falsche Islam den wahren Islam nicht aushalten kann, werden die „Ungläubigen“ massenweise umgebracht. Die „Ungläubigen“ sind in diesem Falle zuerst die Schiiten und Aleviten sowie Angehörige anderer Religionen, ebenso Atheisten, die sich nicht einer konstruierten Pseudo-Religion unterwerfen wollen.
    Was heute von der Gesellschaft kritisiert und gemeint wird, ist nicht der koranische Islam und der Prophet Mohammed, sondern eine künstliche Ideologie, die Bekenntnis-Merkmale des Islams missbraucht und gleichzeitig alles, was der koranische Islam ausdrücklich verbietet, selber praktiziert, nämlich Intoleranz, Gewalt und die Nicht-Nutzung des Verstandes und der Vernunft. Die größten Opfer dieser faschistischen Ideologie sind der koranische Islam und der Prophet Mohammed selbst.
    Die Tiefe und die geistige Dimension des Korans wurden verschüttet. Stattdessen äfft man millimetergenau nach, was ein Mensch, nämlich der Prophet, getan haben soll. Man läuft Gefahr, den Islam auf dem Niveau der damaligen Beduinengesellschaft festzuschreiben und ihn für immer im sechsten Jahrhundert nach Christus festzunageln.

    Und kann sich das ändern?

    In der Welt der Moscheen herrscht oft noch die Dummheit, die Unwissenheit. Niemals ein Wort der Selbstkritik. Niemals! Die ganze Welt hat Unrecht, und wir ruhen uns auf unserer kleinen Wahrheit aus. Das zeigt eine Denkfaulheit, wie sie typisch ist für das Ende großer Dynastien. Die Intelligenz der Muslime ist in Ketten gelegt. Es ist daher falsch zu behaupten, wer den Islam angreift, greife die Muslime an.
    Wenn Sie mir die Frage stellen, ob die Menschen aus muslimischen Ländern überwiegend Judenfeinde sind, dann muss ich Einspruch erheben. Die muslimischen Länder der Gegenwart erstrecken sich über Asien, Afrika, den Nahen und Mittleren Osten. Wenn man jene größeren Ansammlungen außerhalb der Herkunftsländer heranzieht, dann kann man europäische und amerikanische Städte nicht außer Acht lassen, will man sich dem Kern des Problems annähern. Ob es innerhalb der Muslime eine Judenfeindschaft gibt, ist nicht aus der Perspektive der Zugehörigkeit zum Islam zu beantworten.
    Es ist offensichtlich, dass manche Gruppierungen des „politischen Islams“ sich als Feuerlöscher darstellen, in Wirklichkeit aber den Brand nur schüren. Der beste und aktuellste Beweis ist der sogenannte „interreligiöse Dialog“ unter dem Dach des „King Abdullah Center für Interreligiösen Dialog“, wo Vertreter der Muslimbruderschaft mit anderen Vertretern der unterschiedlichen Glaubensrichtungen, insbesondere mit Rabbi David Rosen, dem internationalen Direktor für interreligiöse Angelegenheiten des Amerikanisch-Jüdischen Komitees, aber auch mit Rabbinern aus Österreich den Dialog suchen. Wofür die Muslimbruderschaft und deren Bruderparteien, wie Milli Görüs (Saadet- Partei), AKP und Hamas in Gaza stehen und welche Zugänge bzw. Artikulation diese zu Juden haben, brauche ich in einem Fachmagazin wohl nicht weiter auszuführen.
    Es gibt in Österreich viele Ableger dieser Gruppierungen und Sekten des politischen Islams, welche eine reaktionäre Haltung vertreten und wo ein Argwohn gegenüber Jüdinnen und Juden geschürt wird.
    Die in Österreich lebenden Juden, besonders jene in Wien, tragen allerdings einen Teil der Verantwortung für diese Zustände, weil sie alles gehört, gewusst haben und gewarnt wurden, aber dagegen sehr wenig unternahmen. Man könnte meinen, dass die progressiven Juden in Österreich in manchen Belangen ähnlich einsam sind wie die liberal-säkularen Muslime.
    Die „Kopf in den Sand“-Haltung und das Hofieren dieser Akteure des politischen Islams durch die österreichische Politik sind äußerst gefährlich. Daher sind die Ängste mancher Jüdinnen und Juden, insbesondere nach den negativen Erfahrungen und Erlebnissen in anderen europäischen Ländern, sehr ernst zu nehmen.

    Wie schaut es mit der Diskriminierung von Frauen durch den Islam aus?

    Insbesondere Juden und Muslime müssen erkennen, dass die Benachteiligung der Frauen, in welchen Bereichen auch immer, einen gesellschaftlichen und politischen Fortschritt verhindert. Eine Unterscheidung nach Geschlechtern ist mit Unwissenheit und Aberglauben gleichzusetzen. Da in Österreich die reaktionären Vertreter mehrheitlich unter dem Dach der IGGiÖ organisiert sind, kann man in dieser Frage, außer von Einzelpersonen außerhalb dieser Gruppierungen, keinen allzu großen Fortschritt erwarten. Im Gegenteil, die Uhren werden zurückgedreht.

    Die gleiche Frage stellt sich zu Lesben und Schwulen.

    Auf diese Frage haben alle Weltreligionen fast dieselbe Antwort. Im besten Fall Ausgrenzung und Benachteiligung, im schlimmsten Fall Verfolgung und Tötung. Daran erkennt man, dass es noch einer geistigen Reifung bedarf, unabhängig davon, welcher Konfession.

    Wie ist die allgemeine oder überwiegende Position der Muslime in Österreich zur Demokratie als Staatsform?

    Als Beispiel führe ich die türkischstämmigen Mitbürger an, welche schon am längsten in Österreich leben. Von den in Österreich lebenden 107.000 türkischen Staatsbürgern (insgesamt stammen ca. 300.000 Menschen aus der Türkei) haben ca. 40.000 an den letzten türkischen Wahlen teilgenommen und 68% davon die AKP gewählt. Man feierte den Ausgang der türkischen Wahlen seitens dieser AKP-Wähler lautstark in den Straßen Österreichs. Sie haben mit ihrer Wahl zum Ausdruck gebracht, dass sie sich eine autoritäre Wende à la Erdogan für die Türkei wünschen. Diese Menschen sind sich der Vorzüge der Demokratie, selbst nach vier Jahrzehnten Aufenthalt in Österreich, nicht bewusst. Das sollte uns zu denken geben.

    Wie kann die Gesellschaft an die Zugewanderten herankommen, über Schulen, muslimische Vereine oder andere Formen?

    Man muss hier mit seriösen Institutionen und Kooperationspartnern Konzepte entwickeln. Nicht mit solchen, die daran Geld verdienen wollen oder solchen, die opportunistische Ziele verfolgen, die vom Ausland vorgegeben werden. Die Annahme, dass man die Menschen nur über die sogenannten „Kulturvereine“ erreicht, ist fatal. Diese erhalten ihre Befehle, Agenda und Politik meist direkt aus der Türkei, Saudi-Arabien und Ägypten, ebenso die finanzielle Unterstützung. Es ist offensichtlich, dass hier manche Parteien aus den Herkunftsländern Dialog und Wirtschaftskooperation sagen, aber in Wirklichkeit Konflikte schüren. Seit zirka 15 Jahren haben die österreichischen Regierungsparteien, insbesondere in Wien, unter dem Vorwand von Solidarität, Integration, Religionsfreiheit, Toleranz und unter dem Schlagwort „Wirtschaft integriert“ mit diesen Politakteuren trotz vieler berechtigter Kritik zusammengearbeitet. Das Hofieren dieser Vertreter durch die Politik ist in Österreich zu einer großen Gefahr geworden.

    Peter Menasse
    Der NU-Chefredakteur ist selbstständiger Kommunikationsberater und Publizist. Er lebt in Wien und im Burgenland.
    Peter Menasse

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