Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Artikel, Zeitgeschichte
  • SCHLAGWöRTer: 
  • ausgabe:  Arthur Cohn | Nr. 54 (4/2013) Kislev / Tewet 5774
  • Davidstern im Tanzlokal

    Die Donau Bar hinter dem Museumsquartier soll eine Synagoge gewesen sein, so will es eine urbane Legende. Doch was sagen die Archive? Eine Spurensuche in der Vergangenheit der Säulenhalle.
    Von Eva Konzett (Text) und Martin Gruber (Fotos)

    Das eiserne Prinzip „Keine Werbung, nirgendwo“ stellt die Besucherin untertags vor eine Herausforderung. Gerade ist sie von der Mariahilferstraße in die Karl Schweighofer Gasse eingebogen, doch nirgends ist die Donau Bar zu sehen. Auf ein Eingangsschild hat der Betreiber gemäß dem genannten Prinzip verzichtet. Da hilft es auch nicht, dass die Besucherin die Straße eigentlich kennt, und das Donau ebenso. Man hat Wien bei Nacht gesehen. Durchlebt. Nur dass jetzt die Menschentrauben vor der Eingangstür fehlen, die in der Dunkelheit das Ziel anzeigen. Und die vielleicht nettesten Türsteher der Stadt, die unablässig „bitte weitergehen“ murmeln: Es herrscht Anrainerschutz.

    Bei Tageslicht muss der herkömmliche Weg gegangen werden: Adresse raussuchen, auf die rechte Seite wechseln und sich der Häuserzeile bis zur Adresse Karl Schweighofer Gasse 10 entlanghanteln. Eine graue Metalltür. Ein paar Edding-Tags an der Wand. Man ist angekommen. Das Donau drinnen empfängt den Besucher um zehn Uhr in der Früh mit den Resten der vergangenen Nacht. Die Luft ist stickig, der Putztrupp hat erst angefangen. Die Atmosphäre erschöpft, als müsste die Bar nach den Anstrengungen nun ruhen. Keine Musik. Peter Fehringer, der das Donau gegründet hat und seit Jahrzehnten betreibt, wartet schon. Ein Pago, eine Zigarette, und dieser unglaubliche Raum. Von Säulen durchzogen. Mehrere Meter hoch. Die Wände nackt. Dort werden am Abend die Visuals tanzen.

    Er habe, erzählt Fehringer, vor 30 Jahren eine Bar aufmachen wollen, um Geld nachhause bringen zu können. Das erste Kind war auf dem Weg. Für ihn der Zeitpunkt, „halt ein sogenanntes bürgerliches Leben zu starten“ – zumindest was ein regelmäßiges Einkommen betrifft. Zufällig wird er auf das Lager eines Elektrogeräteherstellers aufmerksam. Die Räume sind mit Regalen vollgestellt, Decke und Wände verbaut. „Es hat mir zugesagt“, meint Fehringer. Peter Fehringer ist ein Mann, der mit dem Bauch entscheidet. Er unterschreibt den Mietvertrag.

    Heute ist das Donau, so unsichtbar es sich geben mag, in der Wiener Clubszene fest verankert. Am Samstagabend hat sich der Raum bereits um halb zehn gut gefüllt. An der Bar sitzen zwei Männer in ihren Dreißigern. Große Biere vor ihnen und Erzählungen über Nächte, als das Leben noch nicht in geregelten Bahnen verlief. Ein junges Mädchen fragt nach einer Zigarette, bevor es wieder im Gesicht ihres Freundes versinkt. Ununterbrochen kommen neue Gäste in die Bar. Ob sie die Legende kennen, die unter der Hand von Barhocker zu Barhocker geht? Die Geschichte, die dich ungläubig auf die Säulen mitten im Raum starren lässt? Die Geschichte, dass das Donau einst eine Synagoge war?

    Jüdisches Trauerlied
    Peter Fehringer zündet sich eine weitere Zigarette an, verliert sich im Satz, atmet durch: Den Mietvertrag in der Tasche, habe er sich darangemacht, den Raum von allen Verbauungen zu entkleiden, auszuhöhlen, die Zwischendecke abzunehmen. Er selbst hat auf dem Gerüst stehend, den Gips von den Säulen geschlagen. Immer wieder fällt der Hammer auf den Baustoff, legt Stein frei. Monoton. Bis Fehringer im oberen Drittel der Kapitäle arbeitet. „Es war ein unglaublicher Moment, als ich beim Abklopfen bemerkt habe, dass das was zum Vorschein kam“, erinnert er sich. Unerwartet hinter dem Baumaterial.

    Geld ist nicht viel da. Das wenige steckt Fehringer nun in die Freilegung der Säulen. Den Davidstern habe er noch für reine Ornamentik gehalten, sagt er. „Aber als ich die Weintrauben entdeckte, habe ich mir schon gedacht, dass das irgendetwas Jüdisches ist“, sagt er. Freunde bestätigen die These. Für Fehringer ist die Sache damit abgeschlossen. Glücklich über seinen Fund, fragt er nicht bei Experten nach. Er sperrt seine Bar auf. Ohne Werbung. Ohne Marketing.

    Die Kunde über die jüdischen Symbole dringt auch ohne großes Aufsehen nach draußen. In Wien wird sie unter den Clubgängern weitergegeben. Sie passt zum eigenwilligen Auftreten des Donaus. Sie passt zu gut zu dieser Bar, die werbetechnisch in Deckung geht. Auf sich selbst setzt. Im Dunkeln bleibt. Einmal, erzählt Fehringer, steht sogar eine Gruppe englischer Gäste Nächtens an der Theke. Sie stimmen inmitten der Techno- Klänge ein jüdisches Trauerlied an, um den sakralen Ort zu verabschieden. Fehringer lässt die Musik leise drehen. Das Donau hält inne. Dann geht der Abend seinen gewohnten Gang. Warum hat er selbst damals nicht angefangen, nach Hintergründen zu suchen? „Das Judentum ist mehrmals in meinem Leben zu mir gekommen. Die Symbole haben mich da nicht überrascht.“

    Juden, die noch vor dem Zweiten Weltkrieg in der nahen Neubaugasse gewohnt haben, wissen nichts von einer Synagoge oder einem Bethaus mit der Adresse Karl Schweighofer Gasse 10. Die einzige Synagoge im siebten Gemeindebezirk befand sich vor dem Zweiten Weltkrieg am anderen Ende der Mariahilferstraße, in der Schottenfeldgasse. Von einer jüdischen sakralen Stätte im Grätzl hinter dem heutigen Museumsquartier steht auch in den Archiven nirgendwo etwas geschrieben.

    Was hat das Haus dann beherbergt? Die Gasse trägt den Namen des Klavierfabrikanten Carl Schweighofer. Stadtbekannt sind um die Jahrhundertwende die Produkte seiner Klavierwerkstätte „J.M. Schweighofers Söhne“, die er in dritter Generation führt. Eine kleine, erstklassige Klavierfabrik und die älteste in Wien überhaupt. In einer herausgeputzten Säulenhalle soll der Fabrikant in Nachbarschaft zur Mariahilferstraße seine Instrumente Privatkunden feilgeboten haben. Der Lehman, das historische Adressenverzeichnis Wiens, erhellt die Angelegenheit: Für das Jahr 1904 gibt Schweighofer einen „Claviersalon“ in der Breite Gasse 10 an. Breite Gasse, so hieß die Karl Schweighofer Gasse bis 1905. Es ist die Adresse der heutigen Donau Bar.

    Nach dem Tode Carls verkauft dessen Neffe Johann 1911 die Klavierfabrik am Margaretenplatz im fünften Bezirk, nicht aber das Haus mit Klaviersalon in der Karl Schweighofer Gasse, an Friedrich Karbach aus der jüdischen Klavierhändlerfamilie Bernhard Kohn. Die Kohns betreiben in der Himmelpfortgasse 20 in Wien einen namhaften Klavierhandel. Gustav Mahler bezieht seine Flügel von dort. Der Klavierhandel sowie die Schweighofer- Klavierfabrik werden 1938 arisiert. Karbach selbst stirbt 1942 in Theresienstadt. Es sind die Angehörigen, die nach dem Krieg versuchen, zumindest den Bestand des Klavierhandels zurückzubekommen. Vergebens. Mit einem Geldbetrag wird das Unrecht juristisch beglichen.

    Und das Donau? Im einstigen Klavierzimmer wird heute Musik erst nach der Dämmerung gespielt. Kurz vor Mitternacht hat sich am Samstag vor der Tür eine ordentliche Schlange gebildet. Drinnen drängeln sich die Menschen zwischen Bar und Tanzfläche. Im Rücken der Bar tastet ein Scheinwerfer die Säulen ab. Für kurze Zeit sind die Weintrauben und der sechszackige Stern frontal beleuchtet. Reine Verzierung? Professoren der Fakultät für Judaistik in Wien haben beim Anblick der Symbole „einen jüdischen Hintergrund“ vermutet. Eine Expertin von der Universität Heidelberg sieht „den Davidstern in einer vergleichsweise modernen Form als Wanddekoration recht deutlich“.

    Ihre letzten Geheimnisse hat die Donau Bar offenbar noch nicht preisgegeben.

    Eva Konzett

    Eva Konzett

    Journalistin mit Hang zu Osteuropa, Redakteurin beim Wirtschaftsblatt, twittert für das NU.
    Eva Konzett

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