Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Ben Dagan | Nr. 70 (04/2017) - Kislev 5778
  • David Popper zum 175. Geburtstag

    VON MARTIN RUMMEL

    Jeder Mensch, der sich auch nur im entferntesten für klassische Musik interessiert, weiß, dass Franz Liszt der bedeutendste Pianist des 19. Jahrhunderts war. Der Cellist David Popper (1843–1913), zu seiner Zeit als Virtuose beinahe ebenso berühmt, ist heutzutage nur noch Musikern ein Begriff. Anlässlich der 175. Wiederkehr seines Geburtstags 2018 ist es Zeit, sein erstaunliches Leben aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten.

    Für Popper, geboren als Sohn des Kantors der Pinkas-Synagoge in Prag, Angelus Popper, war seine jüdische Herkunft nach allem, was wir heute wissen, nie von Bedeutung, jedoch spielte sie in einer Beziehung in seinem Leben eine nicht unbedeutende Rolle: in jener zu Hans von Bülow, dem Schwiegersohn Liszts. Im Juni 1862 schreibt Bülow an den Kapellmeister der Hofkapelle in Löwenberg, Max Seifritz: „Den jungen Popper habe ich im Frühling 1860 in einem Prager Conservatoriumsconzerte gehört und zwar mit viel Vergnügen: enorme Fertigkeit, schöner Ton, sehr musikalisch. Wenn ich nicht irre, war dieses Auftreten damals sein erstes Debüt. Gewiß hat er sich seitdem vervollkommnet und unter Ihrer Leitung wird er die Ansprüche erfüllen lernen, die S. Hoheit zu machen sich veranlaßt fühlt.“ Es kann als sicher gelten, dass diese Empfehlung dazu führte, dass Seifritz am 21. August 1862 berichten kann, dass „Herr Popper aus Prag“ die Stelle angenommen hat.

    Löwenberg galt damals als eines der besten Orchester im deutschsprachigen Raum – Wagner, Liszt und Berlioz gastierten regelmäßig. Am 24. Jänner 1862 debütierte Popper unter Bülow in Berlin, und Bülow schreibt hierüber: „Popper aus Löwenberg hat mit Volkmann’s Violoncellkonzert außerordentlich gefallen, 21 Jahre alt – sehr bedeutendes Talent, famoser Ton, große Technik, verspricht viel.“

    In Ungnade gefallen

    Am 4. Mai 1868 übermittelt Popper einen unterschriebenen Vertrag für die Solocellistenstelle an der Wiener Hofoper von Löwenberg nach Wien; es gilt als sicher, dass auch für diese Anstellung eine Empfehlung von Bülows maßgeblich positive Auswirkungen hatte. Und doch: Am 17. Jänner 1891 schreibt Bülow an Johannes Brahms: „Wien hat uns einen solchen Unkünstler wie den jüdischen Winsler David Popper (ein David der zum Saul macht) als Frucht seiner musikal. Verblendung gesendet. Hamburg hat ihn frenetisch beklatscht. Pfui Teufel über diese Hellmesbergerische Schule der Kokett – ja der Kokotterie. Haydn’s Cellokonzert ist schon an sich vergrabungswürdig: aber wie’s dieser Charlatan carrikirt, verdreckschminkt hat – das verdient der Themalieferant Deines Op. 56 wahrlich nicht.“ Und an seine Tochter schreibt er am selben Tag: „Der Wiener Jude Popper winselte und charlatanisierte nämlich so abscheulich geschmacklos, daß ich in einen Zustand geriet, nur demjenigen vergleichbar, in den Du verfällst, wenn Du von gewissen Büßerinnenrosen hörst.“

    Poppers Freundschaft zu Johannes Brahms tat der Bülowsche Brief 1891 nichts an; wohl aber ist er ein Zeichen nicht nur für den damals allgegenwärtigen Brahms-Wagner-Konflikt. Popper, der sowohl Wagner als auch Bruckner bewunderte, war bei Wagner in Ungnade gefallen, als er sich positiv über Brahms geäußert hatte. Viel entscheidender aber: Bülow war einer der Erstunterzeichner der Antisemitenpetition von 1881, die von Otto von Bismarck die Rücknahme wesentlicher Gleichstellungsgesetze für Juden verlangte.

    Popper, seit 1886 Professor an der Franz-Liszt-Akademie in Budapest, ist wohl bis zu seinem Tod 1913 nicht Opfer antisemitischer Taten – außer von Verbalentgleisungen wie jenen von Bülows – geworden. Poppers zweite Frau Olga, geborene Löbl, starb 1942 in den Gaskammern der Nazis. Poppers erste Frau, die gefeierte Pianistin und Liszt-Schülerin Sophie Menter (1846–1918), besaß von 1884 bis 1902 das Schloss Itter im Brixental, das von 1943 bis 1945 ein Außenlager des KZ Dachau war – in jenen Räumen, in denen zu Menters Zeiten Liszt und Tschaikowski zu Gast waren, waren prominente Häftlinge wie etwa Charles de Gaulles Schwester inhaftiert. Popper selbst starb am 7. August 1913 in Baden bei Wien und wurde neben seinem bereits 1911 an Tuberkulose verstorbenen Sohn Leó in Dresden beigesetzt.

    Martin Rummel

    Martin Rummel

    Der Cellist ist international als Solist und Kammermusiker tätig. Als leidenschaftlicher Musikvermittler ist er Eigentümer und Mastermind von „paladino media“.
    Martin Rummel

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