Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Gal Gadot | Nr. 69 (03/2017) - Elul 5777/Tischri 5778
  • “…dass ein solcher Kurs nicht schaden kann”

    Erfahrungen mit einem „nachhelfenden Workshop“ für antisemitisch postende Studentenpolitiker.
    VON WERNER HANAK-LETTNER

    © JMW/SONJA BACHMAYER

     

    Mittwoch, 10. Mai 2017, 6.00 Uhr. Auf der Homepage von ORF.at erfahre ich, dass die Stadtzeitung Falter in der neuen Ausgabe Protokolle einer studentischen Chatgruppe mit antisemitischen, frauen- und behindertenfeindlichen „Witzen“ veröffentlicht hat. Urheber sind keine hinlänglich bekannten rechtsradikalen Netzwerke, sondern ein „FVJUS Männerkollektiv“ der ÖVP-nahen AktionsGemeinschaft (AG) am Juridicum der Universität Wien. Die Studentenvertreter stehen mitten im Hochschul-Wahlkampf. Ich poste den Bericht an meine KollegInnen weiter. Am Vormittag sitzen wir zusammen und beratschlagen, wie eine angemessene und wirkungsvolle Antwort des Wiener Jüdischen Museums auf eine solche Wiederholungstat in neuem sozialmedialem Gewand aussehen könnte.

    Danielle Spera hat die Idee, die Mitglieder dieses „Männerkollektivs“ einzuladen. Mir gefällt die Vorstellung eines Workshops und ich denke schmunzelnd an die ersten beiden Sätze unseres Mission Statements: „Das Jüdische Museum der Stadt Wien ist ein Ort der Begegnung und der Verständigung. Es ermöglicht Einblicke in das Judentum, seine Feiertage und Bräuche, aber auch in die Jugendkultur.“

    Wir beschließen, der Geschichte nicht entrüstet, sondern mit einer herausfordernden Stellungnahme zu begegnen. Zudem kommen wir überein, als Jüdisches Museum nicht den Antisemitismus ins Zentrum zu rükken, sondern zu einem „nachhelfenden Workshop“ über „jüdische Kultur, Religion und Geschichte“ einzuladen. In der Presseaussendung heißt es dazu launig:

    Direktorin Danielle Spera betont, die Museumsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter hätten zwar auch zu den anderen von der Gruppe behandelten Themen etwas zu sagen, würden sich bei dem Workshop aber auf ihr Kernthema und ihre Kernkompetenz beschränken.

    Ich selbst schicke meine nicht allzu hochgeschraubten Erwartungen hinterher:

    Das Jüdische Museum Wien sei davon überzeugt, dass ein solcher Kurs nicht schaden kann. Die Anstrengung ist es jedenfalls wert, auch wenn der Erfolg nicht garantiert ist, wie Chefkurator Werner Hanak-Lettner anmerkte.

    Die Aussendung geht sowohl über die APA als auch über unseren Twitter- Account hinaus, erreicht dort über 16.000 Impressionen und erntet zahlreiche begeisterte Kommentare und Re-Tweets. In den nächsten Tagen bekunden sechs junge Männer bei unserer Pressereferentin Petra Fuchs Interesse an einer Teilnahme. Das ORF-Magazin Thema versucht, Mitglieder der WhatsApp-Gruppe für eine Führung durch unser Museum vor die Kamera zu bekommen, doch wir lehnen diesen Vorschlag ab.

    Weder inquisitorisch noch missionarisch

    Gemeinsam mit Hannah Landsmann, Leiterin unserer Vermittlungsabteilung, konkretisiere ich das Workshop- Programm. Mit Danielle Spera beschließen wir, dass es zu viel Ehre wäre, wenn die Direktorin den Workshop leitet, sie wird die Teilnehmer aber begrüßen.

    Von den sechs angemeldeten Personen erscheinen fünf zum ersten dreistündigen Termin. Wir beginnen den Workshop mit der Frage: „Was bringt Sie hierher?“, wobei ich zuerst unsere große BesucherInnen-Bandbreite erläutere – von den Nachkommen der aus Wien in die USA oder Israel vertriebenen Jüdinnen und Juden bis hin zu den Nachkommen von österreichischen Nazis, die sich von ihren Vorfahren unterscheiden wollen. Für ihr Kommen nennen die Teilnehmer als Grund ihre Mitgliedschaft in der WhatsApp- Gruppe, betonen, dass ihnen leidtue, was vorgefallen ist, streichen ihr Interesse heraus, mehr über das Judentum zu erfahren, und geben bereitwillig über ihre nicht untypisch österreichischen Familiengeschichten Auskunft.

    Von Hannah Landsmann stammt die Idee, die Workshop-Teilnehmer eine gute Stunde auf eine „Expedition“ durch das Museum mit dem Auftrag zu schicken, je ein Objekt zu fotografieren, das ihnen gefällt, eines, das ihnen nicht gefällt, eines, das ihnen bereits bekannt ist, eines, worüber sie mehr wissen wollen und eines, das sie überrascht hat. Wir versuchen an diesem Vormittag, nicht selbst zu präsentieren, den Teilnehmern nicht die Konsumentenrolle anzubieten. Sie sind es, die sich mit ihren Sichtweisen und Meinungen zu behaupten haben, nicht wir. Unsere Strategie lautet, sie in ein spannendes Angebot hinein zu moderieren. Und, um es katholisch auszudrücken, weder inquisitorisch noch missionarisch tätig zu werden, aber auch auf keinen Fall den Anschein zu erwecken, ihnen durch die Teilnahme an dem Workshop eine Absolution zu erteilen zu können. Als Feedback erhalten wir generell Dank für die Einladung. Eine Antwort bleibt mir dabei in besonderer Erinnerung: „Wir haben einen hostileren Empfang erwartet.“

    Schließlich teilen wir leihweise den Katalog zur 2015 gezeigten Ausstellung „Die Universität. Eine Kampfzone“ aus. Die Ausstellung behandelte die schwierige und über weite Strecken brutale Geschichte der Jüdinnen und Juden an den Wiener Universitäten. Wir bitten die Teilnehmer, beträchtliche Teile des Buchs für den nächsten Termin in einer Woche zu lesen und wiederum zu referieren, was sie bereits wussten, worüber sie gerne mehr wissen wollten und was sie am meisten überrascht hat.

    Zum diesem nächsten Treffen erscheinen alle fünf vollzählig. Überrascht bei der Lektüre hätte sie, wie genau der Moment, in welchem die Deutschnationalen den Antisemitismus als tragende Säule ihrer Ideologie übernehmen, mit 1883 zu datieren ist. Dass nach dem damals stattfindenden Ausschluss der jüdischen Studenten aus den deutschnationalen Verbindungen schlagende jüdische Verbindungen entstanden. Und dass die Auseinandersetzungen, die Meinungsäußerungen der Antisemiten und der jüdischen Studierenden gut dokumentiert und heute noch recherchierbar sind.

    Mutige Mitglieder des „Männerkollektivs“

    Letzteres Aha-Erlebnis war für uns besonders wichtig, führte es den Teilnehmern doch deutlich vor Augen, wie sehr studentische Provokationen, Auseinandersetzungen und Brutalitäten auch noch hundert Jahre später auffindbar sind und ins öffentliche Bewusstsein rücken können. Auch erkennen sie, in welche untragbare, aber seit Generationen immer wieder an der Wiener Universität gepflogene Tradition sie sich mit ihren antisemitischen Postings gestellt haben.

    In einer letzten Feedback-Runde geben die Teilnehmer an, dass sie selbstverständlich auch gekommen waren, weil sie froh waren, in diesem Moment nicht überall vor verschlossenen Türen zu stehen. Hannah Landsmann und ich gewannen das Gefühl, dass hier eine wichtige Arbeit entstanden war. Die Tatsache, dass hier wohl die engagierten, vielleicht reumütigen und gleichzeitig mutigen Mitglieder dieses „Männerkollektivs“ zum Workshop gekommen war, ließ uns die Teilnehmer fragen, was die anderen ca. 30 Mitglieder abgehalten hatte, ebenfalls zu kommen. Neben jenen, die tagsüber arbeiten, gab es wohl auch einige, deren Identität der Öffentlichkeit bzw. dem Staatsanwalt noch nicht bekannt war und die durch eine Teilnahme an dem Workshop nicht riskieren wollten, enttarnt zu werden. Vielleicht hatten sich auch jene, die gekommen waren, erhofft, dass ihnen die Teilnahme vor der Verfolgung durch den Staatsanwalt helfen würde. Damit konnten und wollten wir natürlich nicht dienen, sehr wohl aber mit einer konstruktiven Anleitung zur Selbstreflexion und Wissensvermehrung. Schließlich fühlte ich mich in meinem eigenen Zitat aus der Presseaussendung durchaus bestätigt: „Das Jüdische Museum Wien sei davon überzeugt, dass ein solcher Kurs nicht schaden kann.“

    Werner Hanak-Lettner

    Werner Hanak-Lettner

    Chefkurator am Jüdischen Museum Wien mit großer Liebe zur Musik, insbesondere zum Sound des 18.-21. Jahrhunderts. Kuratierte sowohl "quasi una fantasia. Juden und die Musikstadt Wien" als auch die Mozartwohnung und das Haydnhaus in Wien.
    Werner Hanak-Lettner

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