Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Jüdisches Leben
  • SCHLAGWöRTer: ,
  • ausgabe:  Christian Rainer | Nr. 66 (04/2016) - Kislev 5777
  • Das Stetl ist tot, lang lebe das Stetl?

    Das jüdische Leben im Geburtsort Elie Wiesels, in dem einst fast die Hälfte der Bevölkerung jüdisch war, ist längst Geschichte. Über den Umgang mit dem jüdischen Erbe in Sighet, der Stadt, die einen Nobelpreisträger, zwei Rabbinerdynastien und den Offizier, der Eichmann verhaftete, hervorbrachte.
    VON ALEXANDRA POPESCU (TEXT) UND
    NIKOLAUS VOGT (FOTO)

     

    „Wohin fahren Sie?“, frage ich die Frau, die wie die meisten Dorfbewohner in dieser Gegend hauptsächlich per Autostopp fahren. „Zu den Russen!“, meint sie bestimmt, was mich allerdings verwundert. „Zu den Russen? Sie meinen zu den Ukrainern!“, entgegne ich etwas belehrend. „Ja, mein Kind, das meine ich“, antwortet sie in ihrem spezifisch nordrumänischen Dialekt, während sie in mein Auto einsteigt. „Ich kann das sowieso nicht lesen, was dort steht“, und meint damit die kyrillische Schrift, die auf der anderen Seite der Grenze, in der Ukraine, verwendet wird.

    Von Sighetu Marmatiei, kurz Sighet, der heute rumänischen Grenzstadt, in der meine Mitfahrende aussteigt, zum nächstgelegenen ukrainischen Ort Solotwyno sind es nur rund 6 km. Mit dem Rumänischen, dem Ungarischen und dem Ukrainischen werden hier drei so unterschiedliche Sprachen gesprochen, dass eine Verständigung nur schwer möglich ist, wenn man nicht alle drei gelernt hat. Vermutlich weil der Fluss Theiß dazwischen liegt, denke ich mir. „Was machen Sie dort?“, frage ich sie noch beim Aussteigen neugierig. „Zigaretten kaufen, die sind dort billiger als bei uns!“

    Auf den Spuren von Elie Wiesel

    Mit einer Mindestpension von umgerechnet nicht einmal 100 Euro im Monat und einem Konsum von rund 30 Zigaretten am Tag, wie mir die Frau gesteht, ist das Leben selbst im Niemandsland sehr teuer. In großem Wohlstand haben die Menschen hier aber ohnehin nie gelebt, betont auch David Lieberman, der frisch gewählte Vorsitzende der 110 Mitglieder zählenden jüdischen Gemeinde in Sighet. Vor der Schoa war fast die Hälfte der Bevölkerung – rund 15.000 Menschen – hier jüdisch, fromm und nicht sehr reich. Aus einer dieser Familien stammte auch der im Juli 2016 verstorbene Elie Wiesel.

    Auf Anordnung der ungarischen Behörden, die bis nach dem Zweiten Weltkrieg in Sighet regierten, wurde er im Jahr 1944 zusammen mit seiner Familie nach Auschwitz deportiert. Als Schoa-Überlebender verschrieb er sich der schwierigen Aufgabe, die Erinnerung an die NS-Judenvernichtung durch seine Bücher und Reden wach zu halten und ein Anwalt verschiedener Opfergruppen weltweit zu werden. Für sein Engagement wurde er im Jahr 1986 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

    Das Stetl lebt nur noch in unseren Erinnerungen

    Wiesels Geburtshaus, das heute ein Museum ist, befindet sich direkt im Zentrum der Stadt, wo einst auch das Ghetto war. Rund 30 Personen mussten damals in zwei Zimmern zusammengepfercht leben. Zusammen mit dem jüdischen Friedhof, der Synagoge aus dem Jahr 1902 und dem Holocaust-Mahnmal sollen diese Stätten an das einst so lebendige jüdische Leben in der Stadt erinnern.

    „Das Stetl, so wie es meine Vorfahren erlebt und mitgeprägt haben, gibt es nicht mehr. Das lebt nur noch in unseren Erinnerungen“, so Lieberman. Gerade diese Erinnerungen sind dem heutigen Bürgermeister von Sighet aber sehr wichtig. Mit der Pflege und dem Bekanntmachen dieser jüdischen Kultstätten sollen Touristen in die Stadt geholt werden.

    Besonders Gäste aus Israel haben für den Tourismus in der Region zunehmende Bedeutung: Innerhalb von nur zwei Jahren hat sich die Anzahl israelischer Touristen in Rumänien mehr als verdoppelt – von 96.600 im Jahr 2013 auf 220.000 im Jahr 2015. In ein bis zwei Jahren soll Israel das wichtigste Herkunftsland für den Tourismus in Rumänien werden, wie die Tourismusbehörde des Karpatenlandes zu Jahresanfang erklärte. „Es kommen viele israelische Gäste auf der Suche nach ihren Vorfahren zu uns“, bestätigt auch Lieberman. Viele besuchen bei ihren Recherchen den Friedhof, „und ich bitte sie um Spenden, damit wir das Gras auf dem Friedhof mähen können und sie die Grabinschriften wieder lesen können.“

    Besonders großzügig zeigten sich in diesem Zusammenhang die heute in den USA lebenden Nachkommen der Teitelbaums und der Kahans, zweier rivalisierender Rabbinerdynastien, die die Geschicke der jüdischen Gemeinde in Sighet bis zum Zweiten Weltkrieg bestimmten. So groß waren die Rivalitäten zwischen ihnen, dass es sogar zu Prügeleien auf offener Straße und zu einer Spaltung der jüdischen Gemeinde in zwei Gruppen kam – in eine traditionell ultraorthodoxe, die von den Teitelbaums geführt wurde, und eine etwas liberalere unter der Führung der Kahans, später des Rabbis Dr. Samuel Danzig. Als „sihoter machloikes“ (Sigheter Wirbel) ging diese Episode in die Geschichte ein. Mitglieder beider Rabbinerfamilien sind auf dem Friedhof von Sighet begraben, und so haben die Nachkommen Geld gespendet, um die Gräber ihrer Vorfahren, die Alleen sowie die Friedhofsmauer zu restaurieren.

    Neben Elie Wiesel, den Teitelbaums und den Kahans gehört auch Michael bar Yehuda Moldovan zu den bekanntesten Söhnen der Stadt. Der Offizier, der im Auftrag des Mossad Adolf Eichmann verhaftete, wurde 1920 in Sighet geboren. Da er vor dem Krieg schon zum Studium nach Frankreich ging, entkam er den Deportationen. Er kämpfte in der französischen Armee gegen die Nazis und emigrierte später nach Israel, wo er in die israelische Armee eintrat und maßgeblich an der Lokalisierung und Verhaftung von Eichmann beteiligt war.

    „Ich muss etwas tun, um nicht wahnsinnig zu werden“

    Warum er denn aus Israel zurückgekommen sei, frage ich Herrn Lieberman. „Ich wurde 2009 in Israel pensioniert, und weil ich mich auch heute noch jung fühle, habe ich mir gedacht, ich muss etwas tun, um nicht wahnsinnig zu werden.“ So kehrte er nach Sighet zurück, gewann die Wahl zum Präsidenten der dortigen jüdischen Gemeinde und kümmert sich heute um den Erhalt der jüdischen Stätten sowie um Restitutionsansprüche. Auf Basis eines Gesetzes aus dem Jahr 1948, das bis heute in Rumänien gültig ist, können im Namen von Mitgliedern der jüdischen Gemeinde, die in der Schoa gestorben sind und keine Nachfahren haben, Restitutionsansprüche geltend gemacht werden.

    Wie stark der Antisemitismus in der Region heute ist, will ich von Herrn Lieberman noch wissen. „Letzten Freitag haben wir ein Hakenkreuz auf der Friedhofsmauer entdeckt. Wer immer dafür verantwortlich ist, diese Person hat aus meiner Sicht aber kaum Kontakt zu Juden“, betont er. „Denn viele sind wir hier nicht mehr.“

     

    Unter www.sighet.org gibt es eine Liste aller Gräber des jüdischen Friedhofs in der Stadt.

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    Alexandra Popescu

    Alexandra Popescu

    ist Absolventin der Publizistik und Kommunikationswissenschaft. Im Rahmen ihrer publizistischen Tätigkeiten setzt sie sich u.a. mit der Darstellung des Holocausts in aktuellen rumänischen Geschichtsschulbüchern auseinander.
    Alexandra Popescu

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