Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Zeitgeschichte
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  • ausgabe:  Erwin Steinhauer | Nr. 67 (01/2017) – Adar/Nissan 5777
  • „Das Leben war ein Märchen“

    Bei einem Treffen in Zagreb zum Internationalen Gedenktag für die Opfer des Holocaust und der Eröffnung der Ausstellung „A Good Day“ von Andrew Mezvinsky bot sich die Gelegenheit zu einem Gespräch mit Branko Lustig. Für NU erklärt der zweifache Oscarpreisträger, was ihn auf dem langen Weg von Auschwitz nach Hollywood bis heute geprägt hat.
    VON IDA SALAMON

     

    Wenn Branko Lustig spricht, herrscht Stille im Saal. Er belehrt nicht, sondern teilt den Menschen im Publikum seine schrecklichen Erinnerungen mit. Das hat er auch als Produzent von Schindlers Liste gemacht, einige Szenen im Film stammen aus seinem Leben.

    Lustig teilt auch einige Gemeinsamkeiten mit dem italienischen Schriftsteller Primo Levi: Beide haben Chemie studiert, beide haben Auschwitz- Birkenau überlebt und haben sich ein Leben lang mit den prägenden Erfahrungen im Konzentrationslager auseinandergesetzt. Branko Lustig wird heuer 85 Jahre alt, aber er macht weiter, trifft sich mit SchülerInnen in Kroatien, nimmt am March of the Living teil und verpasst keine Gelegenheit, darum zu bitten, den Holocaust nicht zu vergessen. Das tat er auch in Zagreb anlässlich der Eröffnung der Ausstellung A Good Day, in der sich der Künstler Andrew Mezvinsky mit Primo Levis Betrachtungen zum Überleben in Auschwitz auseinandersetzt. Die Ausstellung wurde vom Jüdischen Museum der Stadt Wien in Zusammenarbeit mit dem Kulturforum der österreichischen Botschaft in Zagreb und dem Festival of Tolerance organisiert und am Internationalen Gedenktag für die Opfer des Holocaust eröffnet.

    Die multimediale Ausstellung basiert auf einer Installation von Andrew Mezvinsky und wurde von Direktorin Danielle Spera für das Museum am Judenplatz im Jahr 2013 kuratiert. Ein guter Tag, das siebte Kapitel des Buches Ist das ein Mensch von Primo Levi, beschreibt einen „guten Tag“ in Auschwitz. Auf die Frage, was für ihn ein guter Tag war, antwortet Branko Lustig, der als Bub nach Auschwitz deportiert wurde: „Ein ‚guter Tag‘ im Lager war für mich einer, an dem ich aufgewacht bin, mich am Arm oder Bein gezwickt habe und realisiert habe, dass ich noch immer lebe.“

    NU: Ihre Kindheit haben Sie in Osijek im östlichen Kroatien verbracht. Haben Sie Erinnerungen an diese Zeit?

    Lustig: Es gab dort das Kino Urania auf dem gleichen kleinen Platz, wo unsere Wohnung war, und ich kann mich erinnern, dass ich dort Micky- Maus- und Goofy-Filme gesehen habe. Aber wir mussten dann Osijek verlassen, weil die Ustascha begann, meinen Vater zu malträtieren. Sie haben ihn in ein Heim gebracht, wo er auf Stacheldraht laufen musste. Am nächsten Tag sind mein Vater – mit verletzten, blutigen Füßen –, meine Mutter und ich nach Čakovec geflohen. Von dort wurden wir nach Auschwitz deportiert, mein Vater wurde im Lager umgebracht.

    Ihre Familie war nicht religiös und Sie zögern nicht, öffentlich zu sagen, dass Sie nicht an Gott glauben.

    Meine Großmutter und mein Großvater waren religiös. Er wurde in Jasenovac umgebracht. Deswegen war ich sehr betroffen, als der Regisseur Jakov Sedlar den Film Jasenovac – Die Wahrheit gedreht hat, in dem er das KZ Jasenovac so darstellt, als sei dort eigentlich nichts passiert.

    Die Juden haben solche Schrecken erlebt, dass ich es für unmöglich halte, dass es jemanden gibt, der erlaubt, dass sein auserwähltes Volk so viel leidet und umkommt. Wie kann ich da noch glauben?

    Sie haben einmal gesagt, dass Vergebung der einzige Ausweg ist.

    Ja, ich habe allen vergeben. Aber ich habe nicht vergessen! Wir alle dürfen nicht vergessen. Es gibt einige nationalsozialistische Organisationen, und wir dürfen nicht zulassen, dass sie die Macht übernehmen und dass die jungen Menschen zu Nazis erzogen werden.

    Sie betonen die Bedeutung der Bildung für die Jüngeren, reisen durch Kroatien und erzählen von Ihren Erfahrungen. Von der Tageszeitung „Slobodna Dalmacija“ wurden Sie einmal geklagt, weil Sie Schülern die Botschaft vermittelten, nicht an Gott zu glauben.

    Das war ein Missverständnis im Zusammenhang mit einer Passage aus dem Film The Last Flight of Petr Ginz, und Slobodna Dalmacija hat das ausgenützt. Ginz fragt sich in dem Film, wieso die Deutschen, die ein Kulturvolk sind, wieso diese Menschen, die wunderschöne Kirchen bauen, solche Verbrechen begehen und Menschen töten können. Dann habe ich gesagt, dass ich nach all dem, was ich in Auschwitz erlebt habe, nicht glauben kann, dass es Gott gibt. Die Journalisten haben meine Aussage aus dem Zusammenhang gerissen und geschrieben: „Branko Lustig zu Zadars Hauptschülern: Gäbe es Gott, gäbe es den Holocaust und Jasenovac nicht.“ Es war fürchterlich. Ich habe aber aus aller Welt Unterstützungserklärungen bekommen.

    Die Begegnung mit Ihrer Mutter gleich nach dem Krieg war unerwartet. Sie haben geglaubt, dass sie tot ist, und sie glaubte, dass Sie nicht mehr leben.

    Ein Serbe aus Belgrad, Jovan Arsenijewić, hat mich gefunden und aus Bergen-Belsen gerettet. Als ich ihm erzählte, wie ich nach Auschwitz und Bergen-Belsen gebracht wurde und sagte, dass meine Mutter umgebracht wurde, hat er geantwortet, dass das nicht stimmt. Denn er habe von einer Frau genau dieselbe Geschichte gehört, und sie habe von ihrem Sohn Branko erzählt. Ich habe meine Mutter nicht so leicht gefunden, da er sich nicht mehr erinnern konnte, in welche Baracke er sie gebracht hatte. Als ich sie gefunden habe, waren nur Partisaninnen um sie. Wir beide sind dann in einem Viehwagen, allerdings diesmal mit Heu beladen, nach Čakovec gefahren.

    Jovan war Leutnant, ich habe seine Adresse verloren und leider keinen Kontakt mehr mit ihm gehabt.

    Sie meinen, dass das Glück Sie verfolgt, seitdem Sie im Lager waren?

    Ja. Alles ist nur eine Frage des Glücks, falls man an Glück glaubt. Ich sage, es war Schicksal, so war es vorgesehen.

    Nach dem Krieg gingen Sie nach Čakovec zurück und danach nach Zagreb?

    Ich habe noch zwei Klassen in Čakovec absolviert und ging danach nach Zagreb, wo ich Chemie inskribierte. Ich habe das Studium aber abgebrochen – es hat so gestunken im Labor – und begann mich mit der Schauspielerei zu beschäftigen. Ich war in das Schauspielen verliebt. Ich wurde an der Schauspielakademie aufgenommen, habe sie abgeschlossen und begann, als Moderator in Kinos zu arbeiten. Im Jahr 1955 sind die Deutschen nach Zagreb gekommen, um den Film Ich denke oft an Piroschka zu drehen. Sie haben jemanden gesucht, der das Ganze organisiert und übersetzen kann. Ich spreche nämlich Ungarisch, Serbisch und Deutsch, und es wurde am Palić bei Subotica gedreht, das Filmproduktionsstudio Jadran hat mich vermittelt. Der damaligen Star Liselotte Pulver spielte in dem Film, ebenso wie Gunnar Möller. Es ist ein Wunder, dass ich mich an die Namen erinnere. Ich war zwei Monate in Subotica, habe gelernt zu trinken und zu singen. Das Leben war ein Märchen.

    Apropos Jugoslawien nach dem Zweiten Weltkrieg, Sie haben auf der Baustelle der Autobahn „Straße der Brüderlichkeit und Einheit“ gearbeitet.

    Uuh, das habe ich vergessen, die 103. Brigade! Ich habe dafür sogar einen Orden bekommen und außerdem ein Radiogerät, das ich meiner Mutter geschenkt habe. Alle diese Orden aus der Nachkriegszeit hebe ich auf, wie auch den Orden der französischen Ehrenlegion. Nach dem Film Piroschka bin ich zu Regisseur Branko Bauer gekommen und habe mit ihm am berühmten Film Dreh Dich nicht um, mein Sohn mitgearbeitet. Danach folgte ein Film nach dem anderen.

    Wie war es für die Juden in Jugoslawien nach dem Zweiten Weltkrieg?

    Niemand hat uns gestört. Der Erste, der zu mir schlecht war und mich beleidigt hat, war der Politiker Simo Dubajić. Er hat gesagt, dass Hitler uns alle vernichten hätte sollen. Deswegen haben sie ihn aus der Kommunistischen Partei hinausgeworfen.

    Sie sind im Jahr 1987 in die USA gegangen.

    In den USA begann ich gleich mit der Arbeit an zwei Serien, The Winds of War und War and Remembrance. So lernte ich den Produzenten des Fernsehprogrammanbieters HBO kennen und wurde selbst zum ersten Mal Produzent bei dem Film Wedlock mit Mimi Rogers und Rutger Hauer. Eines Tages kam ein Anruf aus Hollywood. Es war das Büro von Steven Spielberg, und man lud mich ein, vorbeizukommen. „Warum nicht“, sagte ich. Spielbergs Produzent hat mich gefragt, ob ich an einem Film mitarbeiten möchte. Ich habe das Drehbuch bekommen, und es wurde ein Treffen mit Steven vereinbart. Wir redeten zwei Stunden lang. Seine Sekretärin kam immer wieder herein, aber er wollte immer noch mehr von mir hören. Ich habe ihm meine eintätowierte Nummer gezeigt, und er hat sie geküsst.

    Warum hat er die Nummer geküsst?

    Es gibt eine Geschichte bei den Juden: Wer die Nummer aus dem Lager küsst, kommt nach dem Tod direkt in den Himmel. Einmal war ich mit Studenten aus Zagreb in Auschwitz und ich hatte ein Sommershirt an. Die dort anwesenden jüdischen Studenten haben die Nummer gesehen und begonnen sie zu küssen. Sie sind Schlange gestanden, unglaublich!

    Warum hat Spielberg gerade Sie für den Film ausgewählt?

    Ich habe ihm von meinem Leben erzählt, und er sagte: „Du bist mein Produzent.“ Diese Szene in der Latrine, die im Film vorkommt, so etwas ist mir auch passiert. Ich habe ihm das auch erzählt, und er hat meine Geschichte für den Film Schindlers Liste genutzt. Ich war Berater und Assistent am Set, und das war das einzige Mal, dass ich geweint habe. Mit diesem Film haben wir den Oscar gewonnen. Bei der Preisverleihung habe ich gesagt, dass es ein langer Weg von Auschwitz bis zu diesen Brettern hier war.

    Wie ist Ihre Karriere in den USA weiter gelaufen?

    Ich wurde Spielbergs Produzent und arbeitete danach mit dem Regisseur und Produzenten Ridley Scott. Steven Spielberg hat mich weiterempfohlen. Ich habe auch mit George Clooney und Nicole Kidman gedreht und am Film Gladiator mitgearbeitet, für den ich das halbe Team aus Kroatien holte. Ich habe einen zweiten Oscar gewonnen, es ging bergauf, aber dann haben meine Frau Mirjana und ich uns entschieden, dass wir zurückkehren. Wir haben alles verkauft und sind zurückgekommen. Ich bereue es absolut nicht. Man sollte zu Hause sterben.

    Sie haben beim Entstehen der Survivors of the Shoah Visual History Foundation mitgewirkt?

    Steven Spielberg und ich sind mit seinem Privatjet von Krakau nach Los Angeles geflogen. Er ist auf der Couch gelegen und hat gerade ein Buch von Elie Wiesel gelesen. Er hat überhaupt Tag und Nacht gelesen. Er sagte, dass er auf die Idee gekommen ist, dass man von allen Überlebenden eine Aussage filmen soll, und fragte mich, wie viel das kosten würde. Ich fragte zurück, was er mit „alle“ meinte, und er antwortete: „Alle Überlebenden.“ Darauf sagte ich, dass ich nicht weiß, wie viele überlebt haben, und er dazu: „Dann müssen wir das herausfinden.“ Es waren 650.000 Überlebende. Ich habe die Information von Yad Vashem erhalten.

    Sie haben den Oscar, den Sie für „Schindlers Liste“ bekamen, an die Gedenkstättte Yad Vashem übergeben?

    Ich habe den Oscar im Juli 2015 Yad Vashem geschenkt. Zu Hause stand er in einer Anrichte meiner Mutter. Die Anrichte ist zwar wunderschön, aber wenige Menschen konnten den Oscar sehen. Nur Mirjana, unsere Tochter Sara und ich. Ich sagte, es müssen mehr Menschen den Oscar sehen, und die beiden waren einverstanden.

    Sie haben mehrmals am March of the Living teilgenommen und im Jahr 2011 haben Sie dort die religiöse Mündigkeit, die Bar Mizwa, nachgefeiert. Was für eine Erfahrung war das für Sie?

    Ich habe meine Bar Mizwa in Anwesenheit von 10.000 jungen Menschen gemacht, vor genau jener Baracke, in der ich in Auschwitz gefangen war. Das Gebet habe ich auf dem Weg nach Auschwitz gelernt.

    Sie sind Präsident des Festival of Tolerance. Wie hat Ihr Engagement begonnen?

    Ich war zufällig während des ersten Jüdischen Filmfestivals im Jahr 2007 in Zagreb. Die Direktorin Nataša Popović hat mich dann als ersten Gast eingeladen. Nach diesem ersten erfolgreichen Festival, wo ich alle Filme gesehen habe, hat mir Nataša angeboten, Präsident des Festivals zu werden. Mit der exzellenten Organisatorin Nataša Popović mache ich das nun gemeinsam seit zehn Jahren. Wir haben als Jüdisches Filmfestival begonnen, und daraus ist dann das Festival of Tolerance entstanden. Neben Filmen zeigen wir auch Ausstellungen, wie diese von Andrew Mezvinsky, A Good Day, anlässlich des Internationalen Gedenktags für die Opfer des Holocaust.

    Haben Sie am Ende unseres Gesprächs eine Botschaft an die NU-Leser?

    Alle sollten mit alle Kräften mithelfen, dass sich der Holocaust nie wiederholt. Das ist die einzige Botschaft. Können Sie sich vorstellen, das alles zu erleben? Das wäre furchtbar!

     

    „Ja, Du ahnst richtig, ich bin auch einer, der nach der Ankunft in Auschwitz mit der Parole ‚Arbeit macht frei‘ empfangen wurde und mit einem Lastwagen zur Arbeit in die Kohlenmine Fürstengrube gebracht wurde. Leider, die meisten gleichaltrigen Gefangenen haben nicht überlebt. Ihre Asche ist in den Flüssen und Wäldern Polens verstreut. Aber einige von uns sind übriggeblieben und wir haben diese Ausstellung vorbereitet, um zu versuchen, auf Dich Einfluss zu nehmen, dass Du alles tust, dass sich dies niemals wiederholt. Danke für Deine Unterstützung in unserem Vorhaben, dass wir auch in diesem Jahr den Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust noch besser machen.“

     

    Fotos: © ABIR SULTAN/EPA/PICTUREDESK.COM; © IDA SALAMON

     

    Ida Salamon

    Ida Salamon

    Die NU-Chefin vom Dienst ist in Belgrad geboren, wo sie Ethnologie, Kultur- und Sozialanthropologie studierte. Sie ist im Jüdischen Museum Wien in den Bereichen Sponsoring und Veranstaltungsmanagement tätig.
    Ida Salamon

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