Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Jüdisches Leben
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  • ausgabe:  Christian Rainer | Nr. 66 (04/2016) - Kislev 5777
  • Das Gegenteil von einem Start-up

    Es gehört zu den letzten seiner Art. Das „Ferman“ in der Wiener Kramergasse ist eine Institution, „quasi das Gegenteil von einem Start-up“, wie die Chefin Susi Zloczower humorvoll anmerkt.
    VON DAVID BOROCHOV (TEXT) UND
    GIOIA ZLOCZOWER (FOTO)

     

    Seit 1968 werden hier Hemden verkauft. Gegründet wurde das Geschäft von Susis Vater Ferdinand Mandel, nach dem es auch benannt ist. Dank einer Mischung aus Schmäh, Charme und Stil schafft es Susi gemeinsam mit ihrem Mann Jerry und dem Sohn J.J. Zloczower, neben den großen Massenproduzenten der Innenstadt zu bestehen. Im Sortiment sind außer klassischen und modernen Herrenhemden auch Damenblusen, Krawatten und allerlei Ausgefallenes. Neben der Stammkundschaft lebt das Ferman vor allem auch von internationalen Gästen, die sich immer wieder gerne hineinverirren. „Wenn sie uns einmal entdeckt haben, kommen 90 Prozent der Leute wieder“, freut sich Susi. „Unser Geschäft hebt sich ab von diesen stereotypen, sterilen Geschäften, es ist ein bisschen wie das Hawelka. Und viele Leute schätzen das an uns“, so Susi. Auch anekdotisch steht das Ferman dem Café Hawelka um keine Ärmellänge nach.

    Hawelkaesk geht es wohl auch samstags zu. „Da kommen oft gute Freunde und dann trinken wir Kaffee. Das Ferman wird zum Wohnzimmer, es wird Topfengolatsche gegessen und geplaudert.“ Und natürlich werden die aktuellsten Anekdoten ausgetauscht.

    „Man erlebt hier viele Dinge. Das Problem ist, dass man sie kaum nacherzählen kann“, fängt Susi kopfschüttelnd an: „Du musst hier eigentlich nur ein Jahr lang sitzen und filmen, was vor sich geht, und glaube mir, du wirst berühmt. Wenn wir das machen, wir müssten nie wieder ein Hemd verkaufen.“ Ein bisschen was lässt sie sich dann auch entlocken.

    Das rosa Hemd

    Seit mittlerweile Jahrzehnten kommt in unregelmäßigen Abständen ein älterer Herr ins Geschäft und kauft mehrere Hemden vom immergleichen Modell in der immergleichen Farbe, ein Verhalten, das ihm seinen Spitznamen eintrug: das rosa Hemd. Eines stark verregneten Tages schenkte Jerry dem rosa Hemd zur Abwechslung ein dunkelblaues, merkte aber explizit an, es gehöre gewaschen, bevor es getragen wird, denn sonst färbe es ab. „Nach einer Woche kommt er wieder herein, ganz blau von oben bis unten und brüllt: ‚Wollt’s mi umbringen?!‘ Er hat das Hemd angezogen, ohne es vorher zu waschen, und dürfte in den Regen gekommen sein. Wir schafften es irgendwann, ihn davon überzeugen, dass die Farbe mit Seife abgewaschen werden kann.“

    Und er sammelt. „Manchmal kommt er mit Säcken, in denen hundert Packungen Servietten drin waren, oder Seifen, oder irgendetwas anderes. Einmal vergaß er so einen Sack im Geschäft, in dem auch 20 Euro waren. Dann kam er zwei Jahre nicht mehr herein. Die Sammlung wurde irgendwann entsorgt, das Geld bekam er bei seinem nächsten Besuch selbstverständlich zurück: „Na so anständig wie Sie ist heut ja keiner mehr.“ Immerhin.

    Mr. Nice

    Doch nicht alle Menschen meinen es so gut wie das rosa Hemd. „Da kam ein Mann und fragte nach Manschettenknöpfen. Er hat jeden einzelnen Manschettenknopf in unserem Sortiment rausgenommen und probiert. Geht zum Spiegel, sagt ‚Nice, nice, nice‘, ich sage ‚Nice, ja, nice‘, er nimmt den nächsten: ‚Nice, nice, nice‘, und als er das gesamte Sortiment durchhatte und sich immer noch nicht entscheiden konnte und immer noch ‚Nice, nice‘ vor sich hersagte, platzte mir der Kragen und ich sagte ihm: ‚Ja, die sind alle nice. Ich bin hier die Einkäuferin, ich suche mir die Ware aus, die ich schön finde, alles wirklich nice!‘ Passende Manschettenknöpfe fand er nicht.“

    Klosterneuburg

    „Vor einigen Jahren haben wir in Klosterneuburg ein Damenmodengeschäft gehabt, natürlich ein wahnsinnig schweres Pflaster für uns, die wir da neu waren und die Leute nicht vom Heurigen kannten. Jedenfalls kam eines Tages eine Frau zu uns herein, sie trug einen ganz grellen, orangefarbenen Lippenstift, der mir sofort ins Auge stach, wer sie war, sollten wir später erfahren. Sie sah sich um, probierte einige Teile an, gefiel sich aber in nichts. So nett wie ich bin, beriet ich sie: ‚Gnädige Frau, mit diesem Lippenstift wird Ihnen kein Teil passen.‘ Es stellte sich heraus, dass sie die Frau eines Politikers in dieser Gegend war. Den Laden in Klosterneuburg mussten wir wenig später wieder schließen. Da haben wir nicht hingepasst.“

    Falsch verstanden wird Susi aber nicht von allen. Einem anderen Kunden, den die Zloczowers heute zu ihren guten Freunden zählen, riet Susi bei seinem ersten Besuch, erst ein paar Kilo abzunehmen, bevor er sich ein Hemd kaufte. Er nahm ab, kam wieder und sie behielt recht. „Das Hemd sah jetzt an ihm einfach besser aus.“

    Gioias amerikanische Freunde

    Doch nicht alle Tage im Leben der Zloczowers sind von Glückseligkeit erfüllt. „Als meine Tochter Gioia in Amerika war, kamen einige ihrer Freunde nach Wien, und sie sagte ihnen, sie sollten mir einen Besuch abstatten. Als Gioia sie fragte, ob sie da waren, antworteten die: ‚We saw this grumpy woman sitting there and were afraid to enter…‘.“ Solche Tage, an denen jemand Frau Zloczower „mürrisch“ nennt, sind aber sicher die Ausnahme.

    Vor allem, dass manche Kunden bei den Preisschildern (etwa 40-80 Euro pro Hemd) erschrecken, versteht sie nicht. „In großen Geschäften zahlst du für ein Hemd dieser Qualität einmal mindestens 180 Euro, um überhaupt bemerkt zu werden – geschweige denn beraten und so weiter. Wir stecken ab, kürzen, taillieren, dies, das und verlangen ein Drittel vom Normalpreis.“ Da trifft es sich gut, mit J.J. einen Schneider im Haus zu haben. Er hat an der Modeschule Hetzendorf studiert und wird bald auch seine eigenen Stücke anbieten. Für einen Nachfolger ist also gesorgt.

    Der Kaffee ist ausgetrunken, ich verlasse die gemütlichen Räumlichkeiten und brauche einige Momente, um mich an den Trubel der Rotenturmstraße zu gewöhnen. Im Ferman vergeht die Zeit eben einfach ein wenig langsamer.

    David Borochov

    David Borochov

    ist Student in Wien und schreibt neben verschiedensten anderen Tätigkeiten gelegentlich Texte für NU.
    David Borochov

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