Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Christian Rainer | Nr. 66 (04/2016) - Kislev 5777
  • Das Entstehen eines Lichtzeichens

    Die Künstlerin Brigitte Kowanz und die Klasse für transmediale Kunst an der Universität für angewandte Kunst entwickeln Lichtinstallationen an Standorten, wo sich einst Synagogen und jüdische Gebetsstuben befanden. NU hat sie begleitet.
    VON IDA SALAMON (TEXT) UND
    SONJA BACHMAYER (FOTOS)

     

    „Judentum ist Verbrechertum“ ist auf einem großen Hetzplakat in der Wiener Innenstadt im Jahr 1938 zu lesen. Verwüstung und Zerstörung, Macht und Unmenschlichkeit dominieren in einem zivilisierten Staat in der Mitte Europas. Alles beginnt mit Unzufriedenheit, Hassausbrüchen, egomanischen Darstellungen, Befehlen, Kontrollen und Entwürdigung: Männer und Frauen bespucken und verhöhnen Finger zeigend andere Menschen, lachen herzhaft, während die Erniedrigten mit Bürsten die Straßen putzen. Die Mächtigen bekommen die Unterstützung der Masse, das gibt ihnen das Gefühl, noch bedeutender, noch stärker zu sein. In einer weiteren Phase ihres Wahns beginnen sie zu töten, zu verbrennen. Für das Schreien der Gequälten sind sie taub, das Leiden lässt sie unberührt. Sie, die „Übermenschen“, Gebildete und Analphabeten, Schöne und Hässliche, Reiche und Arme, heimliche Atheisten und Gläubige, sie alle sind gefährlich und führen die Zivilisation in eine Katastrophe.

    78 Jahre später, ein ganz gewöhnlicher Oktobervormittag in der Wiener Innenstadt: mäßiger Verkehr, milde Wetterlage. Ein Bus mit etwa 30 Personen unterschiedlicher Herkunft fährt über die Aspernbrücke in Richtung Praterstraße. Während der Fahrt wird die Geschichte der Synagogen und jüdischen Gebetsstuben in Wien erzählt. Die Gotteshäuser sind fast alle Vergangenheit, denn sie versanken in der sogenannten „Reichskristallnacht“ am 9. November 1938 in Schutt und Asche. Im besten Fall gibt es da und dort noch eine lesbare Tafel, die daran erinnert, dass eine Synagoge an dieser Stelle einmal existierte. Diese Gebäude waren nicht nur religiöse Stätten und Wahrzeichen einer Kultur, oft waren sie auch architektonische Juwelen.

    OR – das Licht, OT – das Zeichen

    Das Aufeinandertreffen von Vergangenheit und Zukunft, von Vernichten und Schaffen, von Dunkelheit und Licht versucht jetzt eine Gruppe an diesen Plätzen künstlerisch in Form von Lichtinstallationen sichtbar zu machen. Das Unbegreifliche darzustellen und zu beleben, damit hat die Künstlerin Brigitte Kowanz Erfahrung. Die Gruppe ist ihre Klasse für transmediale Kunst an der Universität für angewandte Kunst. Es wurden elf Standorte, an denen sich einst Synagogen befanden, bei dieser Busfahrt durch Wien besucht, weitere 17 sind geplant. „Man wird sich wöchentlich treffen, Symbole und Inhalte recherchieren, die Orte noch einmal genauer besprechen, um eine Basis zu schaffen“, erklärt Kowanz und meint: „Das ist eine großartige Initiative der Direktorin des Jüdischen Museums Wien, Danielle Spera, und von Maria Graff. Ich finde es ganz wichtig, gerade in Zeiten wie diesen.“

    Entwürfe für das Kunstprojekt sollen bis Anfang 2017 vorgelegt werden. Im kommenden Jänner werden die Arbeiten dann einer Jury von KÖR – Kunst im öffentlichen Raum Wien präsentiert. Gleich nach der Auswahl beginnt die Umsetzung. Der Arbeitstitel des Projekts lautet OT (Hebräisch: Zeichen), während der Busfahrt kam der Name OR auf – das bedeutet Licht in der hebräischen Sprache. „Vielleicht wird es OT-OR heißen“, lächelt die feinfühlige Künstlerin.

    Für Maria Graff, Vorsitzende der Kommission für Kultur und Bildung der Europäischen Union der Frauen in Österreich, die das Projekt sofort unterstützte, ist es klar, dass „wir in dieser reizüberfluteten Welt ein Zeichen brauchen, das permanent und unübersehbar wahrgenommen wird. Ich hätte gerne, dass dieses Zeichen auch noch in hundert Jahren Aufmerksamkeit auf sich zieht.“ Graff ist es wichtig, bewusst zu machen, was an Grauenvollem passiert ist und was an „Weisheit, an Wissen, an kulturellen Schätzen unwiederbringlich verloren ist. Das ist ein Jahrhundertprojekt, von Künstlern geschaffen, das weltweit einzigartig sein wird. Dieses Zeichen wird in Zukunft in aller Welt für Licht und für Gedenken stehen, ausgehend von Wien.“

     

     

    Sonja Bachmayer

    Sonja Bachmayer

    Ethnologiestudium an der Universität Wien, wiss. Mitarbeiterin im Kompetenzzentrum Sucht an der GÖG; Bildredakteurin der Zeitschrift Rausch, Pabstverlag, freie Fotografin seit 2010, vertreten durch die Agentur Anzenberger. Fotografiert seit 2011 für das Jüdische Museum Wien.
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    Ida Salamon

    Ida Salamon

    Die NU-Chefin vom Dienst ist in Belgrad geboren, wo sie Ethnologie, Kultur- und Sozialanthropologie studierte. Sie ist im Jüdischen Museum Wien in den Bereichen Sponsoring und Veranstaltungsmanagement tätig.
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