Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Unterwegs mit
  • SCHLAGWöRTer: ,
  • ausgabe:  Rafael Kishon | Nr. 63 (01/2016) - Nissan 5776
  • Das Beste-Ehefrau-Dilemma

    Wer mit Rafi Kishon unterwegs ist, darf sich auf wirklich vergnügliche Stunden freuen. Der älteste Sohn des erfolgreichen israelischen Schriftstellers und Satirikers, Ephraim Kishon, hat den großartigen Humor seines Vaters geerbt. Über seinen Vater, dessen künstlerisches Erbe er verwaltet, spricht er gern und meint, „Mein Vater war kein lustiger Mensch“. 
    VON DANIELLE SPERA (TEXT)
    UND SEBASTIAN GANSRIGLER (FOTOS)

    Rafi Kishon hat eine ganz andere Karriere eingeschlagen. Er studierte in Heidelberg, wurde Tierarzt und tritt wöchentlich im israelischen Fernsehen auf. Begonnen hat es damit, dass er Politiker mit Tieren verglich und das mit dem ihm eigenen Humor. In seiner Heimat Israel wurde er damit (fast) berühmter als sein Vater. Im Unterschied zum deutschsprachigen Raum: „Mein Vater war in Österreich, Deutschland und in der Schweiz der zweitbekannteste israelische Jude. Der bekannteste Jude heißt Jesus. Auch er hat eine große Karriere in der Welt gemacht, allerdings hat er nur einen Bestseller geschrieben, das Neue Testament. Aber er ist bekannter als mein Vater, das muss man ganz bescheiden zugeben“, so Rafi Kishon. Tatsächlich haben die Bücher von Ephraim Kishon weltweit eine Auflage von 43 Millionen erreicht und sind in 37 Sprachen erschienen, zwei seiner Filme waren für den Oskar nominiert, drei Mal erhielt er den Golden Globe. In Wien hat sich Ephraim Kishon besonders wohl gefühlt, die Stadt hatte eine große Anziehungskraft auf ihn. Hier traf er sich in diversen Cafés mit seinem kongenialen Übersetzer Friedrich Torberg. Rafi Kishon ist erst zum zweiten Mal in Wien. Im Café Griensteidl erinnert er sich an die Berichte seines Vaters über Torberg. „Friedrich Torberg war in den Augen meines Vaters ein Genie, denn Humor zu übersetzen ist fast unmöglich. Überhaupt den Humor meines Vaters. Mein Vater hat auf Hebräisch geschrieben, Torberg hat aus schlecht ins Englische Übersetztem Großartiges gemacht“. So stammt der bekannte Begriff der „besten Ehefrau von allen“ nicht von Kishon, sondern von Torberg. Kishon hatte „die kleine Frau“ geschrieben und Torberg daraus, „die beste Ehefrau“ von allen gemacht. „Am Anfang war mein Vater Torberg sehr dankbar, doch später war er darüber verärgert. Das Problem war, dass seine Frau mit der Zeit begann, daran zu glauben. Sie sagte, ich bin doch die beste Ehefrau von allen, das steht doch schwarz auf weiß, millionenfach. Das kannst du nicht bestreiten“.

    Nazi-Thema als Obsession

    „Die enge Verbundenheit meines Vaters zu Österreich ist auch mathematisch nachzuweisen“, sagt Rafi Kishon, da 66,6 Prozent aller seiner Ehefrauen aus Österreich stammen: „meine Mutter und seine dritte Frau, Lisa. Mein Vater hat gesagt, dass er die Verleumdungen der Medien zurückweisen müsse, dass seine dritte Frau so alt sei wie sein Sohn. Das seien Lügen. Er sagte: ‚Sie ist älter als mein Sohn! Um zwei Monate.’“

    Ephraim Kishon, 1924 in Ungarn geboren, hatte die Nazizeit in einem Arbeitslager überlebt und ist dann aus dem kommunistischen Ungarn nach Wien geflüchtet. Wien war der erste Ort, an dem er sich wirklich frei fühlte, berichtet Rafi Kishon. Israel war für ihn ein fremdes Land mit einer fremden Sprache, doch als Überlebender des Holocaust wollte er dort leben, denn dort sei, wie er sagte, ein Jude kein Jude. So konnte er dann hocherhobenen Hauptes nach Deutschland und Österreich reisen und hat sich Europa durch seinen Erfolg erobert. Wie sehr die Erfahrungen als verfolgter Jude seinen Vater geprägt hatten, erfuhr Rafi Kishon erst spät. Er fuhr im Auto seines verstorbenen Vaters und legte eine Audio-Kassette ein, darauf zu hören waren Reden von Adolf Hitler und Josef Goebbels. „Ich konnte es nicht glauben, ich fuhr durch Tel Aviv, es war ein herrlicher Tag und im Auto meines Vaters liefen diese Reden. Mein Vater hatte eine Obsession mit dem Nazi-Thema.“, sagt Rafi Kishon. Gab es bei Kishons zu Hause dann überhaupt etwas zu lachen? „Practical jokes, ja, die liebte mein Vater“. So bekam er zum Beispiel eines Tages eine sehr teure Gänseleberwurst in einem prachtvollen Porzellanbehälter geschenkt. Als sie leer war, füllte Kishon eine billige israelische Leberwurst in die Verpackung und servierte sie Gästen, mit den Worten, so etwas Gutes könne man in Israel lange suchen. Er freute sich sehr, wenn er Freunde auf die Schaufel nehmen konnte.

    In Wien übernachtete Ephraim Kishon immer in verschiedenen Hotels. „Mein Vater hatte stets drei 200-Watt- Glühbirnen mit. Er sagte, die Hotels seien wie Fledermaushöhlen.“ Und es musste ein Schwimmbad in der Nähe sein, denn er ging jeden Tag schwimmen. „Schade, dass er mich nicht gefragt hat. Schwimmen ist gut für Delfine, doch er hätte lieber mehr gehen oder laufen sollen. Die Menschen gehören auf den Boden“, sagt der Tierarzt Rafi Kishon.

    „Mein Sohn, der Vieharzt“

    Wien ist für Rafi Kishon eine Art Heimat, auch wenn er erst zwei Mal hier war. Durch die Erzählungen seiner Mutter und der Großeltern ist ihm die Stadt sehr vertraut. Seinen Vater hat er immer wieder bei seinen Auftritten begleitet, allerdings in Deutschland, wo Rafi Kishon studierte. „Er hatte ein gesundes Verhältnis zu Deutschland und meinte, es sei ihm wichtig, dass es einen guten Kontakt zu Israel gibt. Er hat dort auch immer wieder über Israel erzählt. So sagte er: ‚Ihr in Europa könnt nicht verstehen, was für ein kleines Land Israel ist. Ein kleines Land umgeben von Feinden. Es ist so ein kleines Land, man kann in einer halben Stunde an einem phantastischen Strand sein oder in arabischer Gefangenschaft. Es ist so klein, dass es auf der Weltkarte gar keinen Platz gibt, den Namen hin zu schreiben. Man schreibt Isr.’ Und er hat erzählt, dass sein Onkel Egon aus den USA kam, ganz enthusiastisch – ‚Ich will ganz Israel sehen von Norden bis Süden, von West nach Ost.’ ‚Ja klar machen wir das’, sagte mein Vater, ‚aber was machen wir am Nachmittag?’“

    Deutsch war die Lingua franca im Hause Kishon. Als Rafi in den Kindergarten kam, sprach er kein Wort Hebräisch. Sein Deutsch war durch das Wienerisch seiner Mutter und Großeltern geprägt. Hochdeutsch höre er erst bei seinem Studium in Deutschland: „Ich ging in eine Bäckerei, da lagen Berge von Semmeln und ich sagte: Ich möchte zwei Semmeln. Die Antwort war: Das haben wir nicht. Aber was sollen diese Berge da sein? Das sind doch Brötchen! Aha, Brötchen heißt das, das wusste ich nicht. Ich kannte Schlagobers statt Sahne, Faschiertes statt Hackfleisch und den Ofen hat meine Oma noch Backrohr genannt.“

    Warum er sich entschlossen hat, gerade Tierarzt zu werden? Rafis Mutter (geb. als Eva Klammer in Wien) war Laborleiterin in einer Krankenkasse. Tiere, besonders Hunde hatten es ihm immer angetan. Tierarzt ist ja so gar kein „jüdischer Beruf“. Ephraim sagte immer, „mein Sohn, der Vieharzt“. Und er war sehr stolz auf Rafi wegen seiner Auftritte in den Medien. „Niemand interessiert sich für mich als Sohn von Ephraim Kishon, das spielt in Israel keine Rolle. Es ist, weil ich ein guter Tierarzt bin und das Thema gut im Fernsehen rüberbringe. Es war ihm wichtig, dass ich nicht in seinen Bereich wildere, sondern allein meinen Weg schaffe.“ Viel Bekanntheit erreichte Rafi Kishon durch seine nie realisierte Idee, Gasmasken für Haustiere zu produzieren. Israel ist fast täglich Ziel von Raketenangriffen, im Golfkrieg befürchtete man Angriffe mit Giftgas, daher musste jeder Haushalt genügend Gasmasken haben. „Bis heute schreiben mir Leute, dass sie eine solche Gasmaske für ihre Katzen oder Hunde kaufen wollten.“

    Rafi Kishons Auftritte im TV und auch seine Bücher sind mit viel Humor gespickt, er verglich bekannte Menschen mit Tieren. Clinton beschrieb er als Löwen, Yassir Arafat als Chamäleon, Helmut Kohl als Elefanten und aus Boris Becker machte er ein Känguru. Der Fußballkaiser Franz Beckenbauer war ihm ein kaiserlicher Pinguin, der den Ball zwischen den Beinen hält und nicht mehr hergibt. Es ging nicht nach dem Aussehen, sondern um das Wesen. „Als ich meinem Vater das Buch gab, meinte er, er wolle ja keine Konkurrenz.“

    „Dein Sohn hat sehr viel Humor“

    Rafi Kishons persönliches Lieblingsbuch seines Vaters ist Kein Applaus für Podmanitzki. Darin geht es ausschließlich um Theater, Medien und Kino. Erstaunlich, denn Rafi kommt als ältester Sohn immer wieder in dem erfolgreichsten Buch von Ephraim Kishon vor. Familiengeschichten ist das meistverkaufte hebräische Buch der Welt (nach der Bibel) und beginnt mit Rafis Geburt. „Ich fühle mich wie Adam, also wie der erste Mensch. Immer wenn ich diese Geschichte lese, bin ich unheimlich aufgeregt. Denn ich befinde mich im Bauch meiner Mutter und erfahre in dieser Geschichte, was mein Vater von Sekunde zu Sekunde macht und wie er von Moment zu Moment immer hysterischer wird. Ich mag das Ende dieser Geschichte. Der Portier sagt ihm, es ist ein Sohn, dreieinhalb Kilogramm. Und er ist außer sich, läuft mitten in der Nacht auf die Straße, macht einen Purzelbaum. Da kommt ein Polizist, sagt ihm: ‚He, was machen sie da? Mein Vater antwortet ihm: Ein Sohn, dreieinhalb Kilogramm.’ Da zieht der Polizist sein Portemonnaie heraus und zeigt ihm ein Bild von seinem Sohn. Das ist so israelisch, diese Reaktion des Polizisten. Das ist Kishon. Die Israelis fragen immer wieder: Wie konnte er uns so beobachten? Ich meine, er konnte es nur, weil er ein Gast war, weil er als Fremder kam.“

    Jahrzehntelang wurde Ephraim Kishon auch gefragt, was eigentlich der kleine Rafi jetzt so mache. Für die Leser war es unvorstellbar, dass Rafi inzwischen bereits über fünfzig Jahre alt war. Seit siebeneinhalb Jahren lebt Rafi in einer spannenden Beziehung mit einer Frau. Esti ist aus der streng orthodoxen jüdischen Gemeinschaft ausgestiegen. Sie lernten sich in einem Fitnesscenter kennen, wo sie als Trainerin arbeitete. Rafi dachte, sie sei zu jung für ihn, sie wolle sicher Kinder. Auch der Name Kishon sagte ihr nichts. „Du kommst sicher aus dem Ausland“, fragte Rafi, sie antwortete: „noch von viel weiter: Aus Bnei-Brak“ (Anm., das ultraorthodoxe Viertel bei Tel Aviv). Dann stellte sich heraus, dass sie mit 37 Jahren bereits mehrfache Großmutter war. Im Gegensatz zu manchen anderen „Aussteigern“ aus der Orthodoxie wurde Esti von ihrer Familie nicht verstoßen. Allerdings wird über viele Dinge besser nicht gesprochen, z. B. dass Rafi und sie am Schabbat auch Arbeiten verrichten, was ja streng verboten ist. „Da halten wir es nach dem Kishon´schen Grundsatz: Wenn der Moment der Wahrheit kommt, gibt es nur eines: Lügen, lügen, lügen. Ich werde jetzt ein Stück schreiben. Männer sind vom Mars und Frauen aus Bnei Brak. Man hat meinem Vater immer gesagt, ‚Dein Sohn hat sehr viel Humor.‘ Und er antwortete, ‚Ja ich weiß, den hat er von seiner Mutter geerbt.‘“

    Sebastian Gansrigler

    Sebastian Gansrigler

    steht seit seinem dreizehnten Lebensjahr leidenschaftlich hinter der Kamera. Nach Abschluss seiner Mediendesign-Ausbildung ist er als Fotograf und Grafiker in Österreich tätig. Seinen Zivildienst hat er im Jüdischen Museum Wien absolviert.
    Sebastian Gansrigler

    Neueste Artikel von Sebastian Gansrigler (alle ansehen)

    Danielle Spera
    Das NU-Gründungsmitglied ist Direktorin des Jüdischen Museums Wien. Davor war sie ORF-Journalistin und Moderatorin. Sie studierte Publizistik- und Politikwissenschaft.
    Danielle Spera

    Neueste Artikel von Danielle Spera (alle ansehen)