Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Ben Dagan | Nr. 70 (04/2017) - Kislev 5778
  • Damit es nicht mehr passiert

    47.035 Menschen wurden vom NS-Regime vom ehemaligen Aspangbahnhof deportiert. Ein neues Mahnmal soll den Platz als Gedächtnisort ins Bewusstsein bringen.
    VON FRANZ PICHLER

     

    Als ich in den 1970er-Jahren meinen damals fünfjährigen Sohn von seinen Großeltern abholte und mit ihm zum Gelände des Aspangbahnhofs spazieren wollte, sagten mir die wissenden Großeltern: „Das ist nichts für euch, geht woanders hin.“ Sie waren der Meinung, dass diesem Ort etwas Unbegreifliches anhaftete, das nicht nur darauf zurückzuführen war, dass der Bahnhof aufgelassen und das Gelände mit von Unkraut bewachsenen Erdhügeln übersät war. Erst als ich 40 Jahre später gegenüber dem Aspangbahnhof im modernen Viertel „Eurogate“ eine Wohnung bezog, wurde mir die Geschichte des Viertels durch einen kleinen Gedenkstein bewusst.

    Von diesem Bahnhof aus wurden in den Jahren zwischen 1939 und 1942 insgesamt 47.035 Jüdinnen und Juden in 47 Transporten in nationalsozialistische Ghettos, Vernichtungslager und Mordstätten deportiert. Nur knapp tausend Opfer überlebten. Die Übernahme der Verantwortung und das Erinnern gingen nur langsam vor sich: 1983 wurde der erwähnte Gedenkstein aus privaten Mitteln errichtet, 1995 der Vorplatz dann in „Platz der Opfer der Deportation“ umbenannt. Mit der Umgestaltung des Geländes des ehemaligen Aspangbahnhofs in ein modernes Wohnviertel sowie der Errichtung des Leon Zelman Parks wurde auch die Neugestaltung eines Mahnmales aktuell. Es wurde eine Ausschreibung durchgeführt, aus der im Jahr 2015 das Künstlerduo PRINZpod als Sieger hervorging: Zwei über eine Länge von 30 Metern konisch zusammenlaufende Betonschienen erinnern an die Gleisanlagen des 1977 abgerissenen Bahnhofs. Die Schienen führen in einen dunklen, hohlen Betonblock, Symbol für den Tod, das Nichts, das Vergessen.

    „Schleichts euch“

    Der Überlebende Herbert Schrott, Jahrgang 1926, erinnert sich: „Wir sind vom Sammellager Malzgasse zum Aspangbahnhof gebracht worden. Bei einem Stopp an der Kreuzung Rennweg riefen uns Passanten höhnisch zu: ,Schleichts euch, damit ma endlich die jüdische Bagage loswerd’n.‘ Dann ging es weiter nach Theresienstadt, wo 1944 der Propagandafilm Der Führer schenkt den Juden eine Stadt gedreht wurde. Fast alle Juden aus Theresienstadt wurden danach vernichtet.“

    Um dem Vergessen entgegenzuwirken, hat der Bezirk die Anlagen im Eurogate-Viertel nach jüdischen Opfern benannt: Den Park nach Leon Zelman, einem Überlebenden des KZ Auschwitz und langjährigem Leiter des Jewish Welcome Service Vienna, sowie den noch zu errichtenden Bildungscampus nach Aron Menzer, dem charismatischen jüdischen Pädagogen und Retter hunderter jüdischer Kindern, der selbst ermordet wurde.

    Auch die Wege und Promenaden zwischen den Wohnblöcken tragen die Namen jüdischer Opfer. Diese Benennungen sollen Schulkindern des Bildungscampus vermitteln, was direkt unter den Augen der damaligen Bewohner passiert ist. Damit es nicht mehr passiert.

    Am 7. September 2017 wurde schließlich auf dem Gelände des ehemaligen Bahnhofes, in der Nähe der Schnellbahnstation Rennweg, im Leon Zelman Park das neue „Mahnmal Aspangbahnhof“ eröffnet. Die Veranstaltung wurde von KÖR (Kunst im öffentlichen Raum) organisiert, wobei zwar für eine Reihe von Politikern Redezeit veranschlagt wurde, die seit vielen Jahren aktive „Initiative Aspangbahnhof“ jedoch vollkommen von einer tragenden Rolle ausgeschlossen blieb.

     

    Initiative Aspangbahnhof: Geschichte der Mahnwache

    Im Jahre 1983 wurde von einer Privatperson ein Gedenkstein zur Erinnerung an die tausenden Deportierten im vorderen Teil des heutigen Leon Zelman Parks aufgestellt. Dieser immer mehr der Verwahrlosung anheimgefallene Stein wurde von der inzwischen verstorbenen Anrainerin Hanna Pils, der Begründerin der „Initiative Aspangbahnhof“, im Jahre 1988 wiederentdeckt. Sie machte unermüdlich Politiker und Journalisten darauf aufmerksam, dass hier immer noch Geschichte verdrängt wurde. Schließlich erreichte sie, dass das Stadtgartenamt den Stein mit Blumen verzierte.

    Die Waldheim-Affäre zu Ende der 1980er-Jahre und die aufsehenerregende Rede des damaligen Bundeskanzlers Franz Vranitzky im Juni 1993 an der Hebräischen Universität Jerusalem beendeten die These von Österreich als Opfer des Nationalsozialismus. Diese Ereignisse und der damals scheinbar unaufhaltsame Aufstieg von Jörg Haider führten zu einer Politisierung vieler junger Menschen gegen eine rechte Politik und für die Aufarbeitung der Ereignisse in der Schoa. So entstand auch die „Initiative Aspangbahnhof“, die bereits 1994 die erste Mahnwache beim Gedenkstein organisierte. Im Gedenken an die Opfer der Novemberpogrome von 1938 wurde an jedem 9. November seither eine Veranstaltung durchgeführt. Schließlich entstand langsam Bewusstsein für das, was die Initiative wollte. 1995 wurde der Vorplatz des Bahnhofs zum „Platz der Opfer der Deportation“ umbenannt.

    Im Zuge der Planung des Eurogate- Viertels und der Anlegung des Leon Zelman Parks wurde überlegt, ein sichtbares und würdiges Denkmal zur Erinnerung an die Schoa am ehemaligen Aspangbahnhof zu errichten.

    So gab es bereits um 2005 Überlegungen zu einem Mahnmal in Form einer 30 Meter langen Mauer, in der die Nahmen der Deportierten eingraviert werden sollten. Das rund fünf Meter hohe Mahnmal sollte in einer Versenkung angebracht werden, was seitens einer Bürgerinitiative im Hinblick auf den geplanten Bildungscampus und wegen der angeblichen Gefahr für spielende Kinder abgelehnt wurde.

    Ein neuerlicher Wettbewerb wurde seitens der KÖR (Kunst im öffentlichen Raum) ausgeschrieben, der zum jetzigen Denkmal (siehe Artikel) führte. Trotz der über Jahrzehnte laufenden Aktivitäten der Mahnwache, der heute unter anderem der Bund der Sozialdemokratischen Freiheitskämpfer, oder auch Peter Menasse, der Chefredakteur des Magazins NU, und Gruppen junger Menschen angehören, wurden diese weder beim ersten noch beim zweiten Versuch der Denkmalplanung einbezogen. Auch bei der Eröffnung redeten vor allem Politiker und Funktionäre der IKG. Jene Menschen aber, die jahrzehntelang um die Anerkennung der Opfer gerungen hatten, wurden mit Hinweis auf eine übervolle Rednerliste ignoriert.

    Auch wenn die Vertreterin der KÖR bei der Eröffnung auf die Mahnwache am 9. November 2017 hinwies, bleibt ein schaler Nachgeschmack.

    Franz Pichler

    Franz Pichler

    Langjähriger Beamter im Wissenschafts- und Außenministerium, lebt derzeit in Wien.
    Franz Pichler

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