Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Unterwegs mit
  • SCHLAGWöRTer: , ,
  • ausgabe:  Erwin Steinhauer | Nr. 67 (01/2017) – Adar/Nissan 5777
  • Café in der Josefstadt

    Erwin Steinhauer ist ein Ausnahmekünstler, der sich in vielen Genres von Kabarett über Theater und Film bis hin zur Musik bewegt und in jedem überzeugt. Peter Menasse hat ihn „unterwegs“ im Kaffeehaus getroffen.
    FOTOS: MILAGROS MARTÍNEZ-FLENER

    Eine längere Wanderung durch Wien, oder auch nur ein kleiner Spaziergang, ist es nicht geworden. „Unterwegs mit Erwin Steinhauer“ fand im Kaffeehaus statt. Angenehm für ihn, angenehm für den Begleiter. Nicht so wirklich unterwegs, aber guter Espresso.

    Steinhauer wird im Gespräch dann auch einmal sagen, dass er nie so wirklich sportlich begabt war und das anhand seiner Bemühungen um den Eislaufsport erläutern. „Ich habe Kindheitserinnerungen an das Eislaufen. Damals hat man noch keine Kanadier gehabt, sondern Schuhe mit Zacken vorne zum Bremsen. Diese Zacken waren mein Unglück, weil ich bin pausenlos gestürzt, immer auf den Hinterkopf gefallen und habe dann, wenn ich aufgestanden bin, Sternderln gesehen. Das wollte ich schließlich irgendwann nicht mehr“.

    Das Café Eiles ist es geworden, weil Erwin Steinhauer ein Stück die Straße hinauf, im Theater in der Josefstadt, spielt und früher auch oft im nahegelegenen Tonstudio Holly Aufnahmen machte. Heute taugt es ihm nicht so sehr. Das Lokal ist bummvoll und er mag keine großen Menschenansammlungen „Leere Kaffeehäuser, leere Kinos, das ist so meins.“ Aber hallo. Was ist mit leeren Theatern? „Wenn mir die Prinzipale meine Gage zahlen, können die Säle gerne leer bleiben“, meint er schmunzelnd. Ja, er wisse schon, ob er vor einem leeren oder vollen Saal spielt, auch wenn die Scheinwerfer blenden. Das spüre man auf der Bühne. Ganz so egal dürfte es ihm also doch nicht sein.

    „Was ist los mit uns?“

    Erwin Steinhauer ist von seiner Großmutter, der Emmi, aufgezogen worden. Sie war die Mutter seines Vaters, des Feuerwehrmanns und Malers Wolfgang Steinhauer. Die Eltern waren voll damit ausgelastet, in der schwierigen Zeit nach dem Krieg den Lebensunterhalt zu verdienen, die Großeltern kümmerten sich um das Kind. Die Geschichte der Familie während der Nazi- Zeit wurde lange von Erwin ferngehalten. Wie so viele Eltern wollten auch die Steinhauers ihr Kind schützen. Jüdische Wurzeln und revolutionäre Vergangenheit sollten dem Kleinen nicht zum Schaden werden. Aber so einfach ist es ja nie. Der Sohn erzählte im katholischen Internat zu viel von Besuchen am jüdischen Friedhof. Und auch der Widerstandsgeist war ihm wohl eingepflanzt worden, jedenfalls wurde er von der Schule gewiesen. Der 14-Jährige wollte es jetzt genau wissen und konfrontierte den Vater: „Ich kenne mich nicht aus, was ist los mit uns?“

    Der Vater begann zu reden, und was er da erzählte, hat Erwin Steinhauer politisch bis heute geprägt. Da waren einmal die jüdischen Wurzeln von Oma Emmi. Ihr Vater Eduard Just war ein aus Bukarest stammender Jude, der von den Nazis ins Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt wurde. Franz, ihr Mann, wiederum war Sozialdemokrat, der sich auch nach dem Verbot der Partei 1934 politisch betätigte. Er arbeitete in der Hauptfeuerwache Floridsdorf unter dem Kommandanten Georg Weissel. Am 13. Februar 1934 bewaffneten sich die Feuerwehrleute, die dem Schutzbund angehörten, unter Weissels Führung, um für eine demokratische Republik zu kämpfen, wurden aber verraten und von einem Standgericht des Dollfuß-Regimes zum Tode verurteilt. Weissel wurde zwei Tage später im Landesgericht Wien hingerichtet. Die anderen Feuerwehrleute, darunter auch Steinhauers Großvater, wurden begnadigt. „Man hat sie dann durch die ‚Salzergasse‘ geschickt. Das war ein Spalier von Heimwehrlern, die mit Gewehrkolben die Durchlaufenden auf die Schädel geschlagen und manchen davon zertrümmert haben.“

    Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten versteckten sich die jüdischen Mitglieder der Familie. Emmi lebte im Keller einer Lebensmittelhandlung in Schwechat und konnte so überleben. Ihr Vater Eduard Just und sein Enkelsohn Wolfgang, der Vater von Erwin Steinhauer, kamen in einer Kleingartensiedlung in Meidling unter. Doch 1943 wurden sie verraten und verhaftet.

    Eduard wurde nach Theresienstadt verbracht, der 16-jährige Wolfgang kam ins Gestapo-Hauptquartier am Morzinplatz. Dort hieß es zynisch, dass er, der „Mischling zweiten Grades“, vom Führer noch eine Chance bekäme. Er könne entweder der SS beitreten oder an die Front gehen. Wolfgang ließ sich nicht vereinnahmen und wählte den harten Weg, die Front. Bereits drei Wochen später kam er verwundet wieder zurück. Auch Eduard überlebte und hat noch bis 1954 gelebt. Erwin Steinhauer besucht bis heute das Grab seines Urgroßvaters am 4. Tor.

    Auf die Frage, was aus der Familiengeschichte ihn mehr geprägt habe, der sozialistische Widerstand oder die jüdischen Wurzeln, erzählt Steinhauer eine Geschichte aus dem Jahr 1938, die sein Verhältnis zur Sozialdemokratie bestimmt: „Mein Vater und seine Eltern haben im Jahr 1938 in der Schloßhoferstraße in Floridsdorf gewohnt. Der Mann, der am Vorabend des Einmarsches der Hitlertruppen noch ‚die Politische‘ kassiert hat, das war der illegale Beitrag für die SPÖ, stand dann am nächsten Tag, als mein Vater gerade von der Schule heimgekommen ist, neben meiner Großmutter am Gehsteig und hat mit der umgebundenen SA-Binde darauf geachtet, dass sie den Gehsteig in der Schloßhoferstraße auch ordentlich putzt. Dadurch haben wir immer eine sehr kritische Distanz zur SPÖ gehabt. Ich war dann sogar kurz Mitglied dieser Partei, weil ich einer Kollegin bei ihrer Magisterarbeit geholfen habe, damit wir in die Archive hineindürfen. Als sie aber dann 1983 mit den Blauen koaliert haben, bin ich eines Tages am Weg ins Burgtheater in der Löwelstraße in die SPÖ-Zentrale gegangen und habe mein Parteibuch zurückgegeben. Sechs Jahre später hat mir der Poldi Gratz geschrieben und gefragt, ob ich es mir nicht noch einmal überlegen will.“

    Ist die SPÖ immer noch ein rotes Tuch?

    Das Café Eiles ist noch immer bummvoll. Da gibt es die ernst blickenden Pressesprecher von Wiener Stadträten und ihre Gesprächspartner an den Tischen in den Fensternischen, ein paar Touristen auf den unbequemen Plätzen in der Mitte des Lokals und die üblichen Gruppen von Jugendlichen, die auch nach vielen Stunden gemeinsamen Schulbesuchs nicht voneinander lassen wollen und das Erwachsenenleben im Kaffeehaus ausprobieren. Erwin Steinhauer würde in der Intimität der Plüschecke, in der wir sitzen, unbeachtet bleiben, wäre da nicht das Problem unserer Fotografin Mili, die mit der Spiegelung der Steinhauerschen Brillengläser kämpft. „Da lässt sich was machen“, meint er dazu und nimmt die Brille ab. Steinhauer ist freundlich und charmant, das sei zwischendurch erwähnt.

    Wie aber steht es mit der Politik heute, ist die SPÖ immer noch ein rotes Tuch, frage ich ihn. Seine Antwort ist fast so was wie ein Appell: „Jahrelang hat man immer wieder, als wir schon längst die Grünen gewählt haben, über die SPÖ als das kleinere Übel gesprochen, das man wählen müsse. Jetzt allerdings habe ich ein bisschen das Gefühl, dass es in Anbetracht der globalen und gesamteuropäischen Situation doch auch zu einem Wiedererstarken der sozialdemokratischen Ideen kommt, in Deutschland zum Beispiel durch Martin Schulz; und bei uns hat Christian Kern etwas vorgelegt, das die Hoffnung leben lässt, dass die Partei sich vielleicht wieder auf ihre Wurzeln und auf ihre eigentliche Aufgabe besinnt, und nicht auf die Aufgabe, die Rechten rechts zu überholen.“

    Unterwegs in der Geschichte und in der Politik ist uns die Schauspielerei verloren gegangen. Das wäre bei einem Spaziergang aus konditionellen Gründen möglicherweise ein Problem geworden. Im Kaffeehaus beweisen wir aber Riesenkondition und schreiten in unserer „Tour de Steinhauer“ elegant weiter zur Kunst.

    Schon Vater Wolfgang war Künstler gewesen. Er hatte bei Josef Dobrowsky an der Akademie der bildenden Künste Malerei studiert, malte in einem Atelier am Tiefen Graben und übte doch durchgehend den Beruf eines Feuerwehrmanns aus. „Er hat eine Sicherheitsvariante gewählt, hat aber sein ganzes Leben lang gemalt. Meine Wohnung ist wie ein Museum, da hängen seine Bilder an allen Wänden. Ich stelle mir vor, dass er an der Akademie scheel angeschaut wurde, nach dem Motto: ,Da ist einer, der nur halbert Maler ist und eigentlich ein Feuerwehrmann.‘ Ich hatte dieses Sicherheitsdenken nicht. Mein Vater hat nie verstanden, warum ich später ein fixes Engagement am Burgtheater hergegeben habe. Er hat gesagt: ,Hearst Erschel, du bist ein Beamter, des kaunst do net mochn.‘ Ich habe ihm gesagt, dass mir der Otti Schenk ein Engagement am Theater in der Josefstadt angeboten hat. Das war ihm auch suspekt, weil das ja ein konservatives Haus sei.“

    Als Schauspieler hat Erwin Steinhauer eine eindrucksvolle Liste von vollkommen unterschiedlichen Rollen gespielt. „Ich lasse mich nicht gern in ein Ladl hineinstecken. Wenn du einmal Erfolg hast, wollen sie dich gleich immer in ähnlichen Rollen sehen. Das erste Mal war das bei mir mit Der Sonne entgegen, meiner ersten großen Fernsehserie. Da hat man mir jahrelang nur den lustigen Dicken angeboten. Das hat mich absolut nicht interessiert. Mein Weg ist also gekennzeichnet von meinen Absagen. Ich stehe auch dazu. Ich habe ungefähr 150 Filme gemacht und darunter vielleicht zehn wichtige. Man bekommt auch weiterhin Engagements, wenn man konsequent absagt. Es ist schwieriger, du hast viel Existenzangst, es ist eine Nervensache, du wirst nicht reich, aber du kannst in den Spiegel schauen und weißt, warum du etwas machst.“

    Eine Alzheimer-Geschichte

    Gefragt nach Lieblingsrollen, erzählt Steinhauer von zwei für ihn besonderen Stücken: „Ich habe gerne eine Rolle gespielt, die der Otti Schenk nicht übernehmen wollte, eine Auftragsproduktion für die Josefstadt, die dann im Volkstheater gelandet ist: In der Löwengrube von Felix Mitterer. Das war auch die Zeit 1997, wo mein Vater gestorben ist, der mein Lebensmensch war. Er hat es noch gesehen und hat es sogar noch in einer Zeitschrift des Bunds sozialdemokratischer Freiheitskämpfer besprochen. Das war mein Herzensstück. Ich bin aber kein typischer Schauspieler mit Wunschrollen. Mir war immer die Rolle, die ich gerade gespielt habe, die wichtigste. Zum Beispiel zuletzt bis zum Juni vorigen Jahres habe ich Vater gespielt, eine Alzheimer-Geschichte. Diese Rolle hat mich vollkommen ausgefüllt und beschäftigt. Wenn ich Theater spiele, kann ich auch nichts Anderes annehmen. Der Typ, der unter Tag dreht und am Abend ins Theater rast, bin ich nicht.

    Ich war vor vier Jahren beim Fringe- Festival in Edinburgh. Da lebt ja die ganze Stadt. Alles ist auf der Straße: Jongleure, Feuerspucker, Sänger, Bands, alles. Irgendwann stand ich in einer Menschenmenge und sehe einen Mann die Straße entlangkommen, in einem gestreiften Pyjama mit zwei Tafeln, hinten und vorne, dem aber, wie beim Näherkommen zu erkennen war, die rechte Hand marschiert ist und der Trenzerling aus dem Mund kam. Ich war entsetzt, dass man einen Menschen mit einer so offensichtlichen Behinderung Werbung machen lässt. Als er ganz in der Nähe war, sagte er zu mir: ,Wollen Sie einen Abend mit Demenz verbringen?‘ Es stellte sich heraus, dass er selbst in einem nahegelegenen Theaterraum einen Kranken spielte und jetzt auf der Straße für sich selber Werbung machte. Ich habe es mir dann angeschaut und seitdem war das für mich das Thema schlechthin. Der Schauspieler hat mir erzählt, dass man bei einer dementen Frau nach ihrem Tod im Nachtkastl ein Gedicht gefunden hat. Zwei Seiten lang, wunderbar gereimt, wo sie sich darüber aufregt, wie sie dazu käme, dass die Menschen sie so schlecht und abfällig behandelten, nur weil sie in einer anderen Welt lebt.“

    Unser erster Ober hat längst abkassiert, der zweite bringt uns weiteren Kaffee, während wir den Weg zum letzten Thema, der Musik, beschreiten. Steinhauer hat eine erste unglückliche und eine zweite glückliche Begegnung mit Instrumenten: „Meine Eltern wollten immer, dass ich Klavier lerne. Sie haben mir nach langem Sparen einen Stutzflügel gekauft und ich habe fünf, sechs Stunden mit einer Lehrerin geübt. Dann war es aus. Man konnte mich für dieses Instrument nicht begeistern. Später, ich war zwölf, kam mein Onkel Emil Perlmutter auf mich zu. Seine Familie war verwandt mit der Familie Blaha. Der Ernstl Blaha, der einmal Mitarbeiter in der Kultusgemeinde war, war so etwas wie ein Nennonkel meines Vaters und sein bester Freund. Der Perlmutter hat gesagt ,Pass auf, ich mache dir ein Angebot. Wenn du mit mir zwischen Weihnachten und Neujahr am Tivoli meine Glücksbringer verkaufst, schenke ich dir ein Instrument.‘ Ich bin dann wirklich vom 27. bis 31. Dezember gestanden und habe verkauft. So mit Sprüchen wie ,Vier mal neun ist Donnerstag, gehen Sie nicht an Ihrem Glück vorbei.‘ Und dann hat mir der alte Perlmutter eine Wanderklampfen gekauft, von der ich nicht mehr lassen konnte. Mit diesem Instrument habe ich begonnen, mir selbst das Spielen beizubringen und so bin ich zur Musik gekommen.“

    Steinhauer spielt weiterhin Theater und er hat gerade einen neuen Polt abgedreht. „Die Serie ist interessant, weil sie außerhalb des Mainstreams ist. Als wir begonnen haben, war diese Art des Filmens noch gänzlich neu: Der Mut zu langen Einstellungen, vorsichtige Schnitte, große offene Landschaftsbilder, Porträts in Nahaufnahme. Die Erzählweise ist so, dass manche behaupten, die DVDs mit den Polt-Filmen werden bald in der Apotheke als Schlafmittel verteilt werden.“

    Erwin Steinhauer ist heuer in die „Route 66“ des Lebensalters eingebogen. Selbst auf dem Plüsch der Kaffeehausbank strahlt er eine große Präsenz und eine von einem offenem Lachen geprägte Freundlichkeit aus. Vorbilder, so sagt er auf meine Nachfrage, seien ihm „Künstler, die es geschafft haben, in Würde alt zu werden, wie etwa Gene Hackman“. So viele würden Theater spielen und vollkommen vergessen, wie alt sie sind, wo sie herkommen und was sie sich zutrauen können.

    Weit sind wir gekommen mit unserem Gespräch, wenn wir auch nicht weit unterwegs waren. Herr Ober, zahlen bitte. Herr Steinhauer muss eilig ins Theater.

    Peter Menasse
    Der NU-Chefredakteur ist selbstständiger Kommunikationsberater und Publizist. Er lebt in Wien und im Burgenland.
    Peter Menasse

    Neueste Artikel von Peter Menasse (alle ansehen)