Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Erika Freeman | Nr.61 (03/2015) - Elul 5775 / Tischri 5776
  • Bukarest verbietet Holocaust-Leugnung

    Im Juli hat Präsident Johannis ein Gesetz unterschrieben, mit dem erstmals dezidiert unter Strafe gestellt wird, die Gräueltaten auf rumänischem Boden zu leugnen. Auch gegen Propaganda rund um die Eiserne Garde kann nun eingeschritten werden.
    VON ALEXANDRA POPESCU
    UND EVA KONZETT

    Den Reifegrad einer Gesellschaft erkennt man in ihrem Umgang mit der Geschichte. In diesem Sinne hat Rumänien im Juli einen wesentlichen Schritt nach vorne gemacht, als Präsident Klaus Johannis das Gesetz mit der Nummer 217/2015 unterzeichnete, das die Leugnung des rumänischen Holocausts endgültig verbietet.

    Darüber hinaus kann künftig auch jeder belangt werden, der Taten oder Mitglieder der sogenannten Eisernen Garde verherrlicht oder deren Symbole verwendet. Die Eiserne Garde war im Rumänien der Zwischenkriegszeit der politisch-paramilitärische Arm der Legion Erzengel Michael. Mit stumpfem Antisemitismus bereitete sie unter ihrem Anführer Corneliu Zelea Codreanu dem späteren faschistischen Regime unter Marschall Ion Antonescu ideologisch den Boden. Sie hatte anfangs sogar mit Antonescu koaliert.

    Die Eiserne Garde

    Den Holocaust zu leugnen ist in Rumänien zwar seit 2002 strafbar – der schwammige Gesetzestext über Verbrechen von Nazi-Deutschland und seinen Verbündeten ließ aber großen Interpretationsspielraum zu. Die „Verbündeten“ wurden von den rumänischen Parlamentariern in einer Gesetzesnovellierung 2006 sogar ganz gestrichen. Die Verbrechen an den rumänischen Juden blieben dann außen vor. In diesem Sinne hat das aktuelle Gesetz, das eindeutig auf das Regime Antonescu Bezug nimmt, eine wichtige Lücke geschlossen: Denn in Rumänien wurden zwischen 1940 und 1944 mindestens 280.000 Juden und 11.000 Roma ermordet. Im ukrainischen Odessa richtete die rumänische Armee 1941 in einem Massaker zehntausende ukrainische Juden hin.

    Viele Rumänen aber sehen in der Eisernen Garde Vorkämpfer gegen den Kommunismus. Und gegen den Kommunismus gewesen zu sein, zieht bis heute bei den Menschen. Zudem hatte die intellektuelle Elite in der Zwischenkriegszeit – und diese gilt allgemein als Periode der kulturellen Blüte – die krude Ideologie der „Legionäre“ übernommen. Dass dies nicht immer nur aus opportunistischen Gründen geschah, darüber spricht man in Rumänien ungern.

    So mag das Gesetz verabschiedet sein, doch die Stimmung in weiten Teilen der Bevölkerung spiegelt es nicht wider. „Die Eiserne Garde war nicht rassistisch oder xenophob, sie war gegen Juden, weil diese durch den Bolschewismus zu groß wurden“, spricht ein junger Mann auf einer siebenbürgischen Landhochzeit offen seine Sympathie für die Bewegung aus. Das mit den Juden habe alles Antonescu gemacht, sagt er. Wie hätte sich die Eiserne Garde da einmischen können, wo sie zum Zeitpunkt der systematischen Deportationen längst verboten war? – Eine Standarderklärung, die oft zu hören ist. In der Sache hat der Hochzeitsgast recht – Antonescu ließ die Bewegung 1941 nach einem Putschversuch verbieten –, in der Interpretation allerdings nicht: Wie eine internationale Holocaustkommission 2004 in Rumänien festhielt, waren es der vehement antisemitische Kurs der Eisernen Garde und die von ihr selbst organisierten Pogrome, die den Weg für die späteren Gräueltaten des rumänischen Staates unter Ion Antonescu ebneten.

    Die Rumänen wissen wenig darüber. Noch im Sommer 2014 verneinte rund die Hälfte der Rumänen, dass es einen Holocaust auch in ihrem Land gegeben hätte. Bis in die 2000er Jahre war dies die offizielle Regierungslinie, und Anfang der 1990er Jahre gedachte das rumänische Parlament Antonescus noch mit einer Schweigeminute. Erst der sozialdemokratische Präsident Ion Iliescu setzte nach einem peinlichen Zwischenfall in Jerusalem, wo er selbst die Pogrome gegen Juden in Rumänien verharmlost hatte, die erwähnte Historikerkommission ein.

    Geschichtsverdrehung in der kommunistischen Zeit

    In der heutigen gesellschaftlichen Haltung wirkt die Geschichtsverdrehung der kommunistischen Zeit nach: So predigte das kommunistische Regime, dass das Land nicht nur keine Juden getötet, sondern sie sogar gerettet hätte. Tatsächlich ließ Antonescu ab 1942 die Deportationen einstellen, als er als Verbündeter selbst am Sieg Hitlerdeutschlands zu zweifeln begann und Vorbereitungen für den Seitenwechsel traf. Dies rettete ca. 290.000 Juden das Leben, ebenso viele waren zu diesem Zeitpunkt aber schon tot. Rumänien sei das antisemitischste Land im Vorkriegseuropa gewesen, hatte Hannah Arendt schon in den 1960er Jahren bemerkt, und der Historiker und Holocaustforscher Raul Hilberg betonte, dass sich angesichts der im oben erwähnten Historikerbericht veröffentlichten Zahlen kein anderes Land neben dem nationalsozialistischen Deutschland in so einem Ausmaß an der Vernichtung von Juden beteiligt habe wie Rumänien.

    Auch das hohe Ansehen der Eisernen Garde lässt sich mit den Folgejahren im Kommunismus erklären. „Typisch für den rumänischen Antisemitismus ist der Opferdiskurs“, sagt der Soziologe Michael Shafir, der in der Historikerkommission mitgearbeitet hat. So wie in anderen exkommunistischen Ländern seien viele Rumänen der Meinung, dass man unter dem Kommunismus mindestens, wenn nicht sogar mehr als die Juden im Holocaust gelitten habe. Darüber hinaus hätten die Juden erst den Weg für den Kommunismus aufbereitet. „Was ist der Kommunismus denn anderes als der Imperialismus der Juden“, hatte schon der rumänische Schriftsteller Camil Petrescu in den 1930er Jahren gefragt. In dieser Logik gedacht, relativieren manche Rumänen – so wie der Hochzeitsgast – bis heute die antisemitischen Brutalitäten der Eisernen Garde als Kampf gegen die „rote Gefahr“. „Hier wird der Holocaust durch Vergleiche verharmlost oder trivialisiert“, sagt Shafir.

    Größen der rumänischen Kulturszene wie der Philosoph und ehemalige Außen- und Kulturminister Andrei        geäußert. Es treffe weniger den ausgeglichenen Ton eines juristischen Textes, denn jenen einer „politischen Deklaration“, schreibt er in einem Beitrag in der rumänischen Tageszeitung Adevarul.     um das Erbe rumänischer Denker, wie des Kulturkritikers Emil Cioran, des Philosophen Mircea Eliade oder eben des Schriftstellers Camil Petrescu. Alle drei hatten sich eindeutig zur Eisernen Garde bekannt – ein Umstand, der in den Biografien über Jahrzehnte geschönt oder ausgelassen wurde. Die Werke Ciorans und Eliades galten und gelten bis heute als Beispiele nationaler rumänischer Kulturpotenz, als intellektuelle Spitze einer Nation, die durch den Aufschwung in den Zwischenkriegsjahren endlich am westlichen Tisch Platz nehmen durfte. Und Petrescu hat die Moderne in die rumänische Literatur eingeführt.

    Die biografischen Details und den antisemitischen Grundton im Rumänien der Zwischenkriegszeit hat die Kulturszene in Rumänien während des Kommunismus gezwungenermaßen und danach freiwillig übersehen. Erst Mitte der 1990er Jahre begann mit der Veröffentlichung der Tagebücher eines ehemaligen Weggefährten eine vorsichtige Auseinandersetzung. In seinen Tagebüchern beschrieb der jüdische Schriftsteller Mihail Sebastian (eigentlich Iosif Hechter) die sukzessive Faschisierung der Freunde und Studienkollegen eindringlich. Während er mit seinem Berufsverbot kämpft und die Deportation fürchtet, steigen seine ehemaligen Studienfreunde zu fixen Größen im System auf.

    Als wir aus der Capsa kamen, erläuterte er (Anm.: Petrescu) mir nochmals seine Haltung zu den letzten antisemitischen Schlägereien.
    „Es ist bedauerlich, mein Lieber, doch die Juden sind selbst dafür verantwortlich.“ „Wieso denn, Camil?“ „Weil sie zu viele sind.“

    Der Eintrag stammt vom 25. Juni 1936.

     

    Eva Konzett

    Eva Konzett

    Journalistin mit Hang zu Osteuropa, Redakteurin beim Wirtschaftsblatt, twittert für das NU.
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    Alexandra Popescu

    Alexandra Popescu

    ist Absolventin der Publizistik und Kommunikationswissenschaft. Im Rahmen ihrer publizistischen Tätigkeiten setzt sie sich u.a. mit der Darstellung des Holocausts in aktuellen rumänischen Geschichtsschulbüchern auseinander.
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