Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Rafael Kishon | Nr. 63 (01/2016) - Nissan 5776
  • “Broad City”: Ilana und Abbi im jüdischen New Yorker Wunderland

    Hollywood ist tot – aber Fernsehserien sind lebendiger denn je.
    VON ANATOL VITOUCH

    Abbi Jacobson und Ilana Glazer

     

    Unter jenen Erwachsenen, denen die aufs Teenie-Publikum zugeschnittenen Produktionen der US-Filmindustrie zu seicht und uninspiriert geworden sind, ist diese Ansicht seit Jahren Common sense. Was so ungefähr mit den Sopranos um die Jahrtausendwende begann, hat sich längst ins Unüberblickbare aufgefächert. Neben Massenphänomenen wie Game of Thrones oder Breaking Bad scheint inzwischen jeder Serienjunkie auch seinen persönlichen Geheimtipp zu haben. Dieser wird dann entweder wie eine illegale Substanz nur an Auserwählte und gleichsam unterm Tisch weitergereicht („Das könnte vielleicht etwas für dich sein …“), oder aber, unter Androhung von Liebesentzug, öffentlich zur Conditio sine qua non erklärt („Ihr müsst euch diese Serie anschauen, am besten noch heute Abend!“) – ganz nach Temperament des jeweiligen Fans.

    Zu welchem Typus ich gehöre, verrate ich jetzt nicht, sondern erzähle Ihnen lieber etwas über den Geheimtipp Broad City:

    Jüdisch-US-amerikanische Identitäten der jüngsten Generation

    Die von Ilana Glazer und Abbi Jacobson kreierte Sitcom, die 2009 als Webserie startete und seit 2014 auf Comedy Central ausgestrahlt wird, ist das Absurdeste, was Fernsehen seit längerem zu bieten hat. Während sich die meisten Serienhits, unabhängig von ihrem Sujet, dramaturgisch konservativ an sogenannten glaubwürdigen Charakteren und psychologisch motivierten Konflikten abarbeiten (das erwähnte Game of Thrones lässt sich mit einigem Recht und durchaus genussvoll als Endlos-Medley sämtlicher Shakespeare’scher Königsdramen rezipieren), verbreitet Broad City einen anarchischen Furor, den das hiesige Fernsehpublikum vielleicht am ehesten mit Helmut Zenkers legendärem Kottan ermittelt in Verbindung bringen könnte.

    Wobei nicht alles, was hinkt, schon ein Vergleich ist, denn: Broad City ist a) sehr newyorkerisch, b) sehr jewish und c) so Millenial-spezifisch, dass selbst gute Englisch-Kenntnisse nicht immer ausreichen, um den Slang- Kaskaden der beiden End-Zwanziger sinnerfassend zu folgen; was aber zugleich der Grund ist, warum es absolut sinnlos wäre, Broad City in deutscher Synchronfassung zu konsumieren.

    Ilana Waxler und Abbi Abrams (Glazers und Jacobsons von ihnen selbst verkörperte Hauptfiguren) kämpfen sich in der Show mit viel abgedrehtem Humor durch ein gänzlich ihrer Phantasie entsprungen scheinendes New York City der Gegenwart. Realismus gibt’s keinen, Story eher nur in Ansätzen, dafür wird der gute Geschmack in so ziemlich jeder Szene heftigst beleidigt. Und paradoxerweise überkommt einen dabei das Gefühl, dass man auf diesem Weg womöglich gar nicht so wenig über jüdisch-US-amerikanische Identitäten der jüngsten Generation lernt.

    In den USA ist übrigens kürzlich die dritte Staffel von Broad City angelaufen, Season 1 und 2 sind inzwischen auf DVD erhältlich, und im Internet sind sowieso alle ausgestrahlten Folgen via Streaming-Plattformen (rechtliche Grauzone) abrufbar. Ich glaube, die Serie könnte vielleicht etwas für Sie sein …

    Anatol Vitouch

    Anatol Vitouch

    ist Schachmeister und Absolvent der Wiener Filmakademie. Gründungsmitglied der Künstlervereinigung „DIE GRUPPE“.