Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Jüdisches Leben
  • SCHLAGWöRTer: ,
  • ausgabe:  Marina Weisband | Nr.62 (04/2015) - Kislev 5776
  • Bitte kein Tohuwabohu!

    Teil 2

    Um kein Tohuwabohu (1) bezüglich der Verwendung von jiddischen oder hebräischen Wörtern bzw. Ausdrücken aus dem Rotwelsch in der deutschen (eigentlich österreichischen) Sprache aufkommen zu lassen, ist in dieser Rubrik die Form von Mini-Texten gewählt.
    VON PETER WEINBERGER

    Lautere & unlautere Geschäfte

    Gelegentlich dreht es sich bloß um(s) Moos (2): Der erwünschte (hochdeutsche) Reibach (3) aus einem Geschäft bleibt aus und eine Pleite (4) zeichnet sich ab. Es war leider keine Mezzie (5), Ihr so klug eingefädeltes Geschäft, bestenfalls – mit sehr viel Mitleid versehen – kann man von einem Schlamassel (6) sprechen.

    Hoffentlich wird Ihnen nie in Ihrem Leben die Frage „Wo der Bartl (7) den Most (8) holt“ (9) gestellt. Die von der Polente (10) würden sich nämlich wundern, wie man so beschickert (5) sein kann, ausgerechnet in einem derart miesen (11) Kaff (12) ausbaldowern (13) zu wollen, wo ein bisserl Kies (14) zu ganefen (5) ist. Noch dazu ohne einen Zweiten, der Schmiere steht (15). Wenn Sie schon erwischt werden, bitte keinen Kohl reden (16): Die Kieberer wissen ziemlich genau, dass dort – in jenem Kaff – nur Schamass (17) gestohlen werden kann, der kaum zu verschachern (18) ist. Das Ganze war hoffentlich keine haarige Sache (19)! Oder doch?

    „Piefkenesisches“

    Wenn Sie glauben, dufte („das ist dufte“) sei ein „Piefke-Wort“, dann haben Sie nur teilweise recht, denn der tatsächliche Ursprung dieses Berliner Dialektausdruckes ist ein Wort, das Sie vermutlich des öfteren in Mazel tov verwenden. Dasselbe gilt für „eine kesse (20) Lippe riskieren“, eine Phrase, die eindeutig „Piefkenesisch“ anmutet. Sich hinzuschmeißen, um zu pennen (21), klingt leider auch sehr „bundesdeutsch“, ohne es jedoch ursprünglich zu sein. Zu „pennen“ bedeutet (22) mitunter nicht nur „zu schlafen“.

    Übrigens

    Egal, ob sie einen Bammel (23) haben, in der Öffentlichkeit zu sprechen, oder zu den total Ausgekochten (24) gehören bzw. stets bei jenen dabei sind, die sich großkotzig (25) in die erste Reihe vordrängen, mauscheln (26) über andere ist nicht nur sittenwidrig, es grenzt auch hart an üble Verleumdung (Nachrede) und ist als solche strafbar. Bitte nicht als Ausrede zu gebrauchen, die anderen täten es auch. Garantiert bekommt es eine(r) in die falsche Kehle (klingt nach Rotwelsch, ist es aber nicht), mit dem Resultat, dass so manche langjährige Freundschaft kapores (27) geht. Wie kann man bloß so unbetamt (28) sein, einen derartigen Stuss (29) daherzureden?

    Wenn Sie Lust haben, ihre eigenen Mini-Texte zu formulieren, dann empfiehlt es sich, zunächst die wohlbekannten Worte Beisl, Chuzpe, Mezzie, Tinnef, Zores und Haberer zu verwenden. Fortgeschrittene können selbstverständlich auch auf etwas ausgefallenere Ausdrücke wie z.B. Mazze-Ponem (30) oder Momser (31) zurückgreifen. Dabei ist unbedingt die Anmerkung über das Mauscheln zu berücksichtigen!

    Es gibt noch zahlreiche weitere Worte, die aus dem Hebräischen, Jiddischen oder aus dem Rotwelsch „entlehnt“ sind. Gelegentlich wären in der Rubrik „Passendes & Unpassendes“ auch Texte vonnöten, die nicht „Männersprache“ reflektieren: Bitte nicht belemmert (32) sein oder betroppezt (33) dreinschauen, sondern solche an die Redaktion des NU zu richten.

    (1) Hebr. tōhū VāVōhū: wörtl. wüst und leer, Genesis, 1. Satz. (2) Hebr. ma’os; jidd: mu’es: Geld. (3) Hebr. rewach: Gewinn, Vorteil. (4) Hebr. plejta: spärlicher Rest, Verlust. (5) Wohlbekanntes Wort, muss nicht erklärt werden. (6) Jidd. Schlimasl: Unglück. (7) Rotwelsch barzal, Schaberbartle: Brechstange. (8) Hebr. mā’ōt: Geld, Münzen. (9) Die ganze Phrase ist zu verwenden. (10) Jidd. paltin: Burg, Palast. (11) Hebr. ma’as: verachten. (12) Hebr. kfar: Dorf. (13) Rotwelsch ba’al dower: einer, der die Sache kennt; Hebr. ba’al dawar: ein Kenner, Sachkundiger. (14) Hebr. kessef: Geld. (15) Hebr. schmira: Wache. (16) Hebr. qôl: Gerücht; Hebr: kol (laute) Stimme, Geräusch. (17) Rotwelsch: Schund, wertloser Kram. (18) Hebr. sakar: unlauteren Handel betreiben. (19) Hebr. harog: töten. (20) „frech“, nach der jidd. Aussprache des Buchstabens Chet, der für Weisheit (Chochma) steht. (21) Rotwelsch (vielleicht zu Hebr. binyä:? Gebäude): behelfsmäßiges Nachtquartier. (22) Im übertragenen Sinn: mit einer Prostituierten zu schlafen. (23) Jidd. ba’alemoh: Angsthase. (24) Hebr. chochem: weise, klug. (25) Jidd.: groyskotsn: Wichtigtuer. (26) Hebr. maschal: Stichelrede; Wiener Dialektlexikon: „jüdeln“; Hebr. maschal: Beispiel (in der Rede verwenden). (27) Jidd. kapores: „Sühneopfer“. (28) Hebr. taam: Geschmack, Charme. (29) Jidd. schtus: Unsinn. (30) G’fries von der Beschaffenheit einer Mazze. (31) Jidd. Bastard. (32) Rotwelsch b’li emor: ohne Sprache, verdattert. (33) Rotwelsch: wenn einem widerliche Umstände zu viel werden.

    Peter Weinberger

    Peter Weinberger

    war bis 2008 Professor für Allgemeine Physik an der TU Wien und ist seitdem Gastprofessor an der New York University. Er ist auch literarisch tätig.
    Peter Weinberger

    Neueste Artikel von Peter Weinberger (alle ansehen)