Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Interview, Jüdisches Leben
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  • ausgabe:  Ben Dagan | Nr. 70 (04/2017) - Kislev 5778
  • “Bin ich ein Tiroler?”

    Ben Dagan ist in Israel geboren und in Tirol aufgewachsen. Der Experte für Sicherheitspolitik und Gewaltforschung hat mit Johannes Grenzfurthner über Zuschreibungen, Wahrnehmungen und letzte Konsequenzen gesprochen.
    FOTOS: MILAGROS MARTÍNEZ-FLENER

    Als kreativer Leiter der umtriebigen Kunst- und Theorie-Neigungsgruppe „monochrom“ bin ich immer daran interessiert, spannende neue Tendenzen aufzustöbern, neue Gruppen und Leute zu treffen – also überall meine (diskursive) Nase reinzustecken.

    So konnte ich es im Jahre 2006 kaum glauben, dass sich in Österreich eine politische „Netzpartei“ zu formieren begann und musste deswegen unbedingt nach Linz zum ersten Meeting. Die Leute dort waren, wie vermutet, ein Haufen netter Computer-Enthusiasten, alle ein wenig politisch naiv, dafür hatten sie die gleiche Sorte schwarzer Kapuzenpullover an. Es überraschte mich aber, dass da auch ein spannender junger Bursch namens Ben Dagan saß, der eher in eine mediterrane H&M-Strandmoden- Werbung gepasst hätte. Und dann hatte er auch noch einen Tiroler Akzent und war, wie sich in der Plauderei klärte, „Austro-Israeli“.

    Ben wurde ein guter Freund, mit dem ich immer wieder kooperiere und der einfach nicht enttäuscht, wenn es darum geht, interessante politische Diskurse zu führen. (Weshalb wir auch beide immer verschämt grinsen, wenn wir uns an den Kontext unseres Kennenlernens zurückerinnern.)

    Mittlerweile ist Ben 28 Jahre alt und Absolvent des Studienprogramms International Security der Universität Sciences Po, Paris. Er ist auch Vortragender für Sicherheitspolitik an der Donau Universität Krems.

    NU: Ben, ich stelle dich ja gerne humoristischerweise als „den Tiroler Juden“ vor, und irgendwie steckt in dieser Singularisierung ja auch ein Funken absurder Wahrheit. Wie war es für dich mit deinem Background, im „heiligen Land“ Tirol oder, wie ihr es nennt, „Tarrol“ aufzuwachsen?

    Dagan: Ich finde, dass die Bezeichnung „Tiroler Jude“ für mich sehr viele Widersprüche und Probleme zusammenfasst, die mit Zuschreibungen zusammenhängen. Bin ich ein Tiroler? Kommt darauf an, wie man es verstehen möchte. Bin ich ein Jude? Kommt auch darauf an – manche würden das verneinen, weil meine Mutter ja die katholische Tirolerin ist, aber religiöse Sichtweisen sind für mich nur in Bezug auf ihre soziale Wirkmächtigkeit relevant. Dass aber Gesellschaft auch Religionen beeinflusst, wird gerne ausgeblendet. Für mich geht es in all diesen Dingen also mehr um Identität und Zuschreibung.

    Ich habe in meinem Leben so viele unterschiedliche Zuschreibungen erfahren, dass ich selbst eine ambivalente Haltung dazu habe. Ich persönlich lehne sie ab und trotzdem haben sie mich geprägt. Zum Beispiel die Tatsache, dass ich in Israel geboren wurde, lässt immer die Assoziation zum jüdischen Staat und meiner Familie sichtbar werden, wenn mich Leute fragen, woher ich komme und damit meinen „wieso siehst du anders aus als biodeutsche Österreicher“. Tirol wird da als Antwort in den seltensten Fällen angenommen, obwohl ich seit meinem zweiten Lebensjahr dort wohnte. Selbst in Momenten, in denen ich dachte, dass meine Sozialisation in Österreich mehr Gewicht hätte als meine Herkunft, mein Kontakt zu meiner Familie und meine Vertrautheit mit dem Judentum, hat sich immer ein Antisemit gefunden und mir gezeigt, dass diese Akzentuierung so nicht funktionieren wird. Jede Person bestimmt ihre eigene Position immer wieder neu und mir geht es auch nicht anders. Judentum ist für mich persönlich ein Kontext, in dem sich sehr viel Familienleben abspielt, in dem ich sehr viele Denkweisen kennenlernen durfte, und natürlich hatte das einen nachhaltigen Einfluss auf mich.

    Bin ich nun Tiroler? Abgesehen davon, dass ich immer wieder mit Antisemitismus und Rassismus zu tun hatte, konnte ich mich als Teenager in meiner Blase recht gut abschotten. Im Zivildienst habe ich dann die gesamte Bandbreite der kleinen Gesellschaft kennengelernt, in der ich so lange gelebt habe. Danach bin ich fortgegangen.

    Was ist die Konsequenz daraus? Die Frage, wer man ist, anstatt was man ist, wird in einer Welt voller Identitäten und Zuschreibungen viel zu wenig gestellt, und aus meiner Erfahrung trete ich gerne als Person aus diesem „was“ heraus. Deshalb finde ich deine Bezeichnung interessant, weil sie erst einmal stutzig macht und Widersprüche in den Stereotypen aufzeigt, die in erster Linie nichts mit mir zu tun haben.

    Ist aus deiner Ambivalenz auch dein Interesse an Politik entstanden?

    Natürlich ergeben sich daraus viele Fragen, die in erster Linie politisch sind. Zum Beispiel, weshalb Menschen überhaupt noch so etwas wie Identitäten oder Zuschreibungen brauchen, und was das nicht nur für die einzelne Person, sondern auch für die Gesellschaft bedeutet.

    Ich habe mir dabei auch immer wieder die Frage nach Freiräumen in einer Gesellschaft gestellt. Mit 17 habe ich mir zum Beispiel überlegt, inwiefern das Internet als Freiraum dienen kann. Das Engagement war rückblickend von politischer Unerfahrenheit geprägt und manche Leute waren echt komisch. Es ist mir aber lieber, dass ich 2006 mit Liquid Democracy (Anm.: ein radikaldemokratischer Ansatz unter Einbeziehung neuer Technologien) experimentiert habe, als 2017 irgendwelchen Populisten hinterherzulaufen. Aber gesellschaftliche Akzeptanz hat selten etwas mit politischer Vernunft zu tun.

    Eines der Kernthemen in deiner Forschung ist Gewalt. Hängt das damit zusammen?

    Für mich hat sich die Frage nach Gewalt, die Gründe für die Ausübung von Gewalt und wie man ihr begegnet, in den Vordergrund gedrängt. Dabei hat natürlich auch mein Bezug zu Israel eine Rolle gespielt: um Konflikte kommt man ja schwer herum. Wenn man dabei auch noch lernt, dass man die Komplexität der Welt akzeptieren muss und es manchmal nur eine Auswahl an mehr oder weniger schlechten Lösungen gibt, ist das auch ein sehr erhellendes Erlebnis. Nachdem ich mich nun sehr viel damit beschäftigt habe, wie sich Menschen radikalisieren und welche Ansätze und Denkweisen es zu sicherheitspolitischen Fragestellungen gibt, gehe ich momentan wieder einen Schritt zurück und frage, was das eigentlich mit einer Gesellschaft macht. Wie kann man aus dieser Situation heraus eine progressive Perspektive entwickeln?

    Wie ähnlich sind sich extremistische Gruppen eigentlich? Oder, provokant gefragt, gibt es einen kleinsten gemeinsamen Nenner von Typen wie Küssel und Leuten von Kach oder Hamas?

    Ich würde die Ideologien der Gruppen und deren Ambitionen nicht in Relation zueinander setzen. Antisemitismus ist in letzter Konsequenz todbringend – das ist wichtig festzuhalten. Der Kontext, in dem sich diese Strömungen jeweils bewegen, ist völlig unterschiedlich, und darauf bezieht sich deine Frage ja auch. Wenn wir aber von einem kleinsten gemeinsamen Nenner sprechen wollen, wäre das meiner Ansicht nach der Prozess, in dem sich diese Gruppen in der Entstehung formieren und was die Zugehörigkeit zu diesen Gruppen mit Menschen macht. Wann und in welcher Form Gewalt ausgeübt wird, wie auch die Verlaufsgeschichten all dieser Akteure sind dementsprechend unterschiedlich – die Wahrscheinlichkeit, dass Gewalt ausgeübt wird, ist aber höher – vielleicht gibt es deshalb so ein breites Interesse dafür.

    Wie ist das mit der alten Aussage, dass die Zuschreibung „Freiheitskämpfer“ oder „Terrorist“ immer nur Ansichtssache ist?

    Es kommt natürlich auf die Sichtweise an. Man muss auch zwischen Extremismus und Terrorismus unterscheiden. Terrorismus ist eine nicht enger definierte Methode, die sehr häufig von Extremisten angewendet wird, aber nicht ausschließlich. Fast jede Unabhängigkeitsbewegung, auch in Israel, hat Anschläge zur Erreichung eines politischen Ziels eingesetzt. Natürlich sind diese Menschen von der britischen Mandatsverwaltung als Terroristen bezeichnet worden. Auch Widerstand gegen autoritäre oder totalitäre Systeme kann aufgrund der Methode als terroristisch bezeichnet werden. Aber die Stilisierung der Akteure als Freiheitskämpfer, Widerstandskämpfer oder Terroristen hängt natürlich immer von der politischen Motivation jener ab, die diese Bezeichnungen verwenden. Wir könnten zum Beispiel von bärtigen religiösen Fundamentalisten sprechen, die als Guerillas in irgendwelchen Bergregionen gegen eine nationalstaatlich organisierte Armee kämpfen und diskutieren, was Hofers Schützen von den Taliban unterscheidet. Natürlich würden jetzt ganz viele Leute sagen, dass so ein Vergleich unzulässig sei, aber es zeigt auch, dass die Reduzierung auf ein paar Charakteristika Definitionen verunmöglicht und gleichzeitig die jeweilige Motivation für die Bezeichnung Terrorist oder Freiheitskämpfer wesentlich wichtiger ist. Gleichzeitig ist es für mich völlig legitim, Extremisten, die Terror einsetzen, auch als Terroristen zu bezeichnen. Als politischer Mensch verurteile ich das, aber in der Analyse bin ich vorsichtiger.

    Hast du das Gefühl, dass die Gesellschaft extremistischer wird?

    Ich glaube, dass wir viele Haltungen, die wir früher als extremistisch empfunden hätten, heute als gesellschaftlich akzeptiert wahrnehmen. Heute scheinen Fliehende – vielleicht wieder – so entmenschlicht, dass es völlig egal zu sein scheint, wenn öffentlich Grundrechte in Frage gestellt werden. Da pflegt sich der Alltagsrassismus in Österreich natürlich ein, den ich auch erleben durfte. Das Lächerlichste, was mir dazu mal passiert ist, war ein Anmachspruch in einem Club: „Und welchen Migrationshintergrund hast du denn so?“

    Über das Beispiel kann man ja noch lachen, die Realität ist aber, dass Menschen jeden Tag unter der Zuschreibung des „Anderssein-Sollen“ leiden: sei es bei Bewerbungsgesprächen, Akzeptanz in Vereinen oder einfach nur in einem dezent abweisenden Umgang, den man zu oft zu spüren bekommt – wenngleich ich da sicher wesentlich privilegierter bin als viele andere.

    Johannes Grenzfurthner

    Johannes Grenzfurthner

    ist Künstler, Filmemacher, Autor, Performer und Schauspieler. Kurator und Gründer der Kunst- und Theoriegruppe „monochrom“.
    Johannes Grenzfurthner

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