Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Ben Dagan | Nr. 70 (04/2017) - Kislev 5778
  • Aus anderer Sicht

    VON IDA SALAMON (TEXT UND FOTO)

    Am Biedermeier Interessierten bietet ein neu erschienener Kunst- und Kulturführer des Journalisten und Pressefotografen Michael Schmid Einblick in Sakral- und Profanbauten aus dieser Epoche in Wien. Der erste Band Biedermeier in Wien. Architektur zwischen 1800 und 1850 zeigt das jüdische Erbe Wiens aus einer anderen Sicht.

    „Nie und nie in meinem ganzen Leben war ich so erschüttert, von Schauer und Erhabenheit so erschüttert, wie in diesen zwei Minuten, es war nicht anders, als hätte Gott auf einmal ein deutliches Wort gesprochen und ich hätte es verstanden. Ich stieg von der Warte herab, wie vor tausend und tausend Jahren etwa Moses von dem brennenden Berge herabgestiegen sein mochte, verwirrten und betäubten Herzens.“ So schrieb Adalbert Stifter in Die Sonnenfinsternis am 8. Juli 1842 über sein Erlebnis einer totalen Sonnenfinsternis. Er hat sie auf der Aussichtsplattform des sogenannten Kornhäuselturms gesehen. Der Turm befindet sich auf dem Haus in der Seitenstettengasse, in welches der benachbarte Stadttempel eingebettet ist. Zur Zeit seiner Erbauung der höchste profane Turm Wiens, wurde er in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts von Josef Kornhäusel, einem der bedeutendsten österreichischen Architekten, als Atelier und Wohnung genutzt. Einer seiner Mieter war Adalbert Stifter.

    Kornhäusel baute für die jüdische Gemeinde die Synagoge. Da der Stadttempel nur unter der Bedingung errichtet werden durfte, dass er von der Straße aus nicht als jüdischer Sakralbau erkennbar war, wurde beschlossen, ein Mietshaus vorzusetzen. Dieser Beschluss sollte den Stadttempel später vor der Vernichtung in den Novemberpogromen 1938 retten, da seine Zerstörung den gesamten Häuserblock in der Seitenstettengasse mitgezogen hätte. „Kornhäusels Stadttempel gehört fraglos zu den interessantesten klassizistischen Bauten Wiens“, schreibt Schmid.

    Der simple Stil

    Die Zeit zwischen dem Wiener Kongress 1815 bis zum Beginn der bürgerlichen Revolution 1848 wird im deutschsprachigen Raum kunsthistorisch meist als Biedermeier bezeichnet. Das wesentliche Merkmal der Biedermeier- Architektur ist der simple Stil. „Der Klosterneuburger Hof ist mit seiner schlichten, lisenenähnlichen Wandfeldergliederung ein typisches Beispiel für die reduzierte Formensprache der sogenannten Beamtenarchitektur“, beschreibt Michael Schmid das Areal um die Dorotheergasse. Beeindruckend ist an der Ecke Plankengasse und Spiegelgasse die Alte Leopoldsapotheke, die diesen Namen seit 1939 trägt. Die Apotheke zum heiligen Leopold wurde um 1789 gegründet, ab 1804 ist sie im Klosterneuburger Hof aktenkundig. Nach einigen Eigentümerwechseln kaufte Sigmund Bloch 1897 die Apotheke, die sich noch immer in jüdischem Familienbesitz befindet. Die bemerkenswerte Empire-Einrichtung der Apotheke ist bis heute erhalten.

    In der Nähe der Apotheke befindet sich das ehemalige Nákó-Palais. Zwischen 1684 und 1821 wechselten sich als Besitzer die berühmte Familien Harrach, Dietrichstein, Esterházy und Kaunitz ab. In Anton Behsels „Verzeichniß aller in der kaiserl. königl. Haupt- und Residenzstadt Wien mit ihren Vorstädten befindlichen Häuser“ von 1829 wird Bernhard Freiherr von Eskeles als Eigentümer angeführt. Im 1827 erschienenen Verzeichnis von Anton Ziegler und Carl Graf Vasquez steht Alexander Graf Nákó als Besitzer. Er hat das barocke Palais im Stile des späten Klassizismus umgestaltet, der Mittelrisalit wurde mit Wappen und Krone des Grafen Nákó versehen. Das Palais blieb bis 1895 im Besitz der Familie Nákó, danach wurde es von den Baumeistern Ignaz Fleischer und Salomon Stein an den Kunsthändler Hugo Othmar Miethke weiterverkauft. In den 1930er-Jahren wurde das Nákó-Palais eine Dependance des Dorotheums, im Jahr 1993 wurde hier das jüdische Museum der Stadt Wien eingerichtet.

    In der nicht weit entfernten Weihburggasse entstand an der Ecke zur Rauhensteingasse zwischen 1840 und 1842 nach Plänen von Ludwig Förster ein erwähnenswertes spätklassizistisches Palais für Ludwig Freiherr von Pereira-Arnstein. Das sogenannte Pereira-Palais wurde im Jahr 1921 von den Gebrüdern Zwieback erworben, die auch das bekannte, gleichnamige Bekleidungsgeschäft besaßen.

    Ida Salamon

    Ida Salamon

    Die NU-Chefin vom Dienst ist in Belgrad geboren, wo sie Ethnologie, Kultur- und Sozialanthropologie studierte. Sie ist im Jüdischen Museum Wien in den Bereichen Sponsoring, Marketing und Veranstaltungsmanagement tätig.
    Ida Salamon

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