Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Jüdisches Leben
  • SCHLAGWöRTer: ,
  • ausgabe:  Pamela Rendi-Wagner | Nr. 68 (02/2017) - Tamus 5777
  • Antisemitismus ohne Eifer

    Es gibt Judenfeindlichkeit im heutigen Rechtspopulismus, aber es fehlt ihr die emotionale und die ideologische Grundlage von einst.
    VON ERIC FREY

     

     

    Auch wenn der Aufstieg rechtsnationalistischer Parteien nach ihren Niederlagen in Österreich, den Niederlanden und Frankreich vorerst gestoppt scheint, bereitet die wachsende Anziehungskraft des Rechtspopulismus jüdischen Gemeinden in ganz Europa ebenso große Sorgen wie der grassierende Antisemitismus in der muslimischen Bevölkerung. Zwar versuchen praktisch alle Rechtsparteien in Europa, sich vom Geruch des Judenhasses zu befreien und sich von klar rechtsextremistischen Kräften zu distanzieren. Denn dies gefährdet ihre sogenannte Salonfähigkeit und schadet sowohl im Wahlkampf als auch dem Streben nach allfälligen Regierungsbeteiligungen. So hat Marine Le Pen ihren Vater und Front-National-Gründer Jean-Marie aus der Partei ausgeschlossen, Heinz- Christian Strache fährt nach Israel, trifft sich dort mit radikalen Siedlern und bietet sich österreichischen Juden als Verbündeter im Kampf gegen muslimischen Antisemitismus an. Selbst die rechtsextreme ungarische Jobbik spielt ihren noch stark ausgeprägten Antisemitismus herunter und konzentriert sich auf die Hetze gegen Roma und Muslime. Die niederländische PVV von Geert Wilders sieht sich überhaupt als Verbündete der Juden und des Staates Israel gegen die islamische Gefahr.

    Wie antisemitisch sind Europas Rechtspopulisten?

    Viele Beobachter, auch jüdische, zweifeln allerdings an der Aufrichtigkeit dieser Politik und sehen darin Kosmetik. Aber trifft diese pessimistische – oder auch nur vorsichtige – Einschätzung den Kern dessen, was wir heute in Europa beobachten? „Wie antisemitisch sind Europas Rechtspopulisten?“ ist eine potenzielle Schicksalsfrage für Europas Juden, die seit Jahrzehnten in Sicherheit und Frieden auf dem Kontinent leben, aber alte Bedrohungen am Horizont wieder auftauchen sehen. Sie ist nicht so leicht zu beantworten.

    Historisch ist der europäische Rechtsnationalismus eng mit Antisemitismus verwoben. Die Kräfte, die im 19. Jahrhundert und frühen 20. Jahrhundert das Volk und die Nation zum Angelpunkt eines ganzen ideologischen Gebäudes machten, betrachteten die Juden als bedrohlichen Fremdkörper. Der Faschismus, der noch intensiver Feindbilder einsetzte, wollte auf Antisemitismus auch nicht verzichten. Zwar war keine andere faschistische Bewegung in Europa so radikal antijüdisch wie der Nationalsozialismus, aber auch in Italien, Ungarn, Spanien, Italien und Österreich waren Juden bestenfalls gelitten, dabei aber stets auch Zielscheibe unablässiger Anfeindungen. Regime und Bürger waren dann in den meisten Fällen bereit, den mörderischen „Rassenhass“ des NS-Regimes zu übernehmen. Juden als Vertreter liberaler, linker, weltoffener oder gar avantgardistischer Ideen sowie ihre Rolle als wirtschaftliche Modernisierer gaben dem Antisemitismus im rechten Lager eine wichtige Funktion zur Mobilisierung von Anhängern sowie emotionale Nahrung.

    Von diesem Erbe haben sich Europas Rechtsparteien schrittweise distanziert. Heute dienen andere Gruppen als Zielscheibe, vor allem muslimische Einwanderer und Flüchtlinge, doch antijüdische Vorurteile sind in Wähler- und Funktionärskreisen immer noch weit verbreitet. Die Verurteilung von Verbrechen gegen Juden im Zweiten Weltkrieg wirkt oft angelernt und geht ihnen nicht leicht von den Lippen, weil sie damit auch nationale Schuld eingestehen müssen. Auch in den rechtspopulistischen Parteiprogrammen und Reden sind oft Spuren des alten Antisemitismus zu erkennen: Die Attacken auf die Globalisierung und die transnationale Europäische Union spiegeln die alten Vorurteile gegen „heimatlose Gesellen“ wieder, die Anfeindung von Banken und Bankern die Diskreditierung des „jüdischen Finanzkapitals“, und auch die ständige Vermutung von großen internationalen Verschwörungen erinnert an die Protokolle der Weisen von Zion und andere antisemitische Mythen. Und wenn Rechtspolitiker im Namen des Tierschutzes beziehungsweise des Kindeswohls das Verbot von Schächten und Beschneidung verlangen – und Letzteres gar mit der Genitalverstümmelung bei Mädchen gleichsetzen –, dann richtet sich das zwar vor allem gegen Muslime, aber sie nehmen die Einschränkung der religiösen Rechte jüdischer Mitbürger zumindest in Kauf. Und in den Funktionärsriegen sind in den meisten Parteien immer wieder besorgniserregende Querverbindungen zur rechtsextremen Szene zu beobachten, ebenso eine Tendenz zu antisemitischen Ausritten in sozialen Medien.

    Antijüdische Vorurteile aus Gewohnheit

    Dennoch gibt es gute Gründe, die Gefahr nicht überzubewerten. Antisemitische Ressentiments mögen in diesen Kreisen weit verbreitet sein, aber sie sind heute selten intensiv. Der typische Anhänger oder Funktionär einer rechtspopulistischen Partei mag feste Vorstellungen von der vermeintlichen Macht der Juden, ihrem Reichtum oder überzogenen Privilegien haben, aber das beschäftigt ihn nur am Rande. Viel stärker ist die Ablehnung von Einwanderern, Ausländern und vor allem Muslimen. Selbst ultra-orthodoxe Juden rufen trotz ihrer Fremdheit im Aussehen und Auftreten relativ wenige Aggressionen hervor. Was wir heute meist sehen, sind antijüdische Vorurteile aus Gewohnheit, ein Antisemitismus ohne Eifer.

    Das ist ein grundlegender Unterschied gegenüber der Einstellung in den meisten europäischen Ländern im 19. und frühen 20. Jahrhundert bis hinein in die 1960er-Jahre. Für frühere Generationen war Antisemitismus eine treibende emotionale Kraft und oft der Kern der politischen Weltanschauung, in vielen Fällen eine Obsession. Ohne sie wäre die mörderische Dynamik, die Europa in den 1940er-Jahren erfasst hat, nicht möglich gewesen.

    Der zweite große Unterschied zu früher ist das Fehlen einer ideologischen Grundlage für Antisemitismus. Die jahrtausendealte Judenfeindlichkeit des Christentums beruhte auf festen theologischen Vorstellungen von den Juden als Christusmörder und Verräter am wahren Glauben. Keine etablierte Kirche in Europa vertritt heute diese Thesen auch nur annäherungsweise. Genauso war der rassistische Antisemitismus, der im 19. Jahrhundert hochkam und im Nationalsozialismus seinen Höhepunkt erreichte, Teil einer umfassenden Weltanschauung, die Sozialdarwinismus mit Rassentheorien verband. Auch das ist heute Geschichte. Außerhalb einer kleinen ultrarechten Szene sieht niemand in Europa mehr Juden als minderwertige Rasse.

    Die neue Ideologie der Rechtspopulisten beruht auf der Idee eines „Kampfes der Kulturen“ (Copyright Samuel Huntington), in dem der radikale Islam die Demokratie und die westlichen Werte bedroht. Diese werden, einer USamerikanischen Tradition folgend, als „jüdische-christliche Kultur“ bezeichnet und mit Humanismus und Aufklärung in Verbindung gebracht. Auch Strache hat diese Diktion übernommen, so etwa in der Jerusalemer Erklärung von 2010 bei einem gemeinsamen Israel-Besuch mit Wilders und anderen westeuropäischen Rechtspopulisten. Zwar ist der FP-Chef jüdischen Werten in Wahrheit genauso wenig verbunden wie christlichen. Aber indem er den Begriff verwendet, nimmt er dem Antisemitismus in den Reihen seiner Partei jede Legitimität.

    Antisemitismus ist in rechtspopulistischen Parteien und Kreisen latent vorhanden und wird immer wieder hervorbrechen – genauso wie Homophobie und Sexismus. Das gehört kritisiert und verurteilt. Aber anders als früher gibt es für Europas heute wenig Grund, sich davor zu fürchten.

    Eric Frey

    Eric Frey

    ist Redakteur bei der Wiener Tageszeitung "Der Standard", Österreich-Korrespondent der Londoner Wirtschaftszeitung "Financial Times" und der Londoner Wirtschaftszeitung "The Economist" sowie Buchautor.
    Eric Frey

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