Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Rezension
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  • ausgabe:  Ben Dagan | Nr. 70 (04/2017) - Kislev 5778
  • Anne Frank zum Blättern

    75 Jahre nach Erscheinen des „Tagebuchs der Anne Frank“ ist das Werk als Graphic Diary – eine Bildgeschichte dazu – erschienen.
    VON RENÉ WACHTEL

     

    Mit Erlaubnis der Anne Frank Foundation haben sich der Drehbuchautor und Filmemacher Ari Folman und der Illustrator David Polonsky ans Werk gemacht, das Tagebuch als Bildgeschichte darzustellen. Die israelischen Kreativen sind bereits durch ihren Animationsfilm Waltz with Bashir weltbekannt. Dieser Film, eine auf Bildanimation basierende Story über den ersten Libanonkrieg, wurde als bester fremdsprachiger Film für den Oscar nominiert und gewann den Europäischen Filmpreis.

    Schicksal fühlbar machen

    Schon das Titelbild der Bildgeschichte zieht den Betrachter magisch ins Geschehen hinein. Eine selbstbewusste Anne Frank sitzt einem mit Stift gegenüber, im Hintergrund sieht man die verängstigten Mitbewohner im Versteck in Amsterdam, dessen Beengtheit gut sichtbar wird. Wenn man zu blättern beginnt, merkt man schnell, wie intensiv sich die beiden Künstler mit dem Werk beschäftigt haben. Es ist nicht nur ein Umsetzen der Texte in Bilder. Sie kombinieren Originaltexte aus dem Tagebuch mit fiktiven Dialogen. Anschaulich wird dadurch das Leben in dem Hinterhaus dargestellt. Die grafische Umsetzung wendet auch keine bei Graphic Novels sonst üblichen Strukturen an – vielmehr werden immer wieder auch Originalseiten aus dem Tagebuch in reiner Textform abgedruckt. Trotzdem geht die Form der Bildgeschichte nicht verloren. Die Zeichnungen sind klar und nicht überladen und die Farben dem Thema feinfühlig angepasst. Nicht zu düster, aber auch nicht zu grell. Die Zeichnungen sind auch teilweise fiktional, zum Beispiel, wenn Anne Frank sich etwas vorstellt. So wird versucht, ihr Schicksal fühlbar zu machen, was den Künstlern aufs Beste gelungen ist.

    Die Autoren halten sich inhaltlich eng an das Tagebuch und auch an den Zeitraum von Juni 1942 bis August 1944. Das Graphic Diary endet also noch vor der Verhaftung von Anne Frank und ihrer Ermordung im KZ. Gedacht ist das Buch nicht nur für Jugendliche, auch Erwachsene können viel Neues über das kurze Leben und die Gedanken von Anne Frank lernen.

    Das Graphic Diary ist weltweit in mehr als 50 Ländern veröffentlicht worden – 75 Jahre nachdem Anne Frank begann, das Tagebuch zu schreiben und 70 Jahre nach der ersten Veröffentlichung.

    René Wachtel

    René Wachtel

    lebt in Wien und ist Kultusrat für CHAJ-Jüdisches Leben in der IKG.
    René Wachtel

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