Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Leitartikel
  • SCHLAGWöRTer: ,
  • ausgabe:  Pamela Rendi-Wagner | Nr. 68 (02/2017) - Tamus 5777
  • Analyse statt Empörung

    Wenn diese Zeilen erscheinen, hat sich die eine Aufregung längst gelegt und wurde von hunderten anderen Ereignissen überlagert. Jeden Tag gibt es einen Grund sich zu erregen, die Welt untergehen zu sehen, den größten vorstellbaren Skandal zu diagnostizieren. Die Aufregung der diversen Blasen ist ebenso allgegenwärtig wie flüchtig. Die ruhige Analyse bleibt auf der Strecke, denn schon muss sich neu erregt werden, geht die Welt aufs Neue unter.

    Die Geschichte ist vermutlich bekannt. Eine Woche vor den jüngsten Wahlen zur österreichischen Hochschülerschaft (ÖH) im Mai informierte der Falter über menschenverachtende Eintragungen einer geschlossenen Facebook-Gruppe von Vertretern der ÖVP-nahen Studentenorganisation AG an der juridischen Fakultät. Es waren Fotos mit grauslichen Kommentaren, die uns da bekannt wurden.

    Ein junger Mann mit Trisomie 21 (Down-Syndrom), der im Wasser schwimmt, wird als „Poseidown“ verspottet. Ein kleines Mädchen im Outfit des „Bund Deutscher Mädel“ wünscht den „Männern und auch Pussys dieser illustren Gruppe“ frohe Ostern. Neben ihr ein Osterkorb mit Nazifahnen und hakenkreuzbemalten Eiern. „Frohe Ostern, Nigga“, schreibt einer drunter. Und schließlich Anne Frank. Sie hat es ihnen besonders angetan. Da sieht man das Foto eines Häufchens Asche und darüber die Aufschrift „Leaked Anne Frank nudes!“, die „Nacktbilder von Anne Frank geleakt!“. Die Kommentare dazu lesen sich ähnlich entsetzlich: „Wenn Anne Frank das erfahren würde, würde sie sich im Grab umdrehen“ – „Du meinst im Aschenbecher umdrehen“, „Ach fuck it: wo ist das verdammte Schornstein-Emoji?“

    Die unmittelbar folgende Aufregung war groß. Die AG forderte den Austritt aller, die sich „an solchen Inhalten beteiligt haben“. Die Junge ÖVP, in der einige der Studentenvertreter aktiv sein sollen, teilte per Twitter mit, dass die Gruppenmitglieder „sofort und einstimmig“ aus der Jungen ÖVP ausgeschlossen worden seien.

    Viele Menschen verlangten in großer und verständlicher Empörung, die Staatsanwaltschaft solle prüfen, ob die Nazi- Buberln Tatbestände des Strafgesetzbuchs verletzt hätten. Man forderte, dass sie vom Studium ausgeschlossen würden und niemals Richter, Staatsanwälte oder Anwälte werden dürften. Zwei, drei Tage lang beherrschte die Causa das Empörungsfeld, dann wurde sie von neuen Aufregern überlagert.

    Alexia Weiss schrieb vierzehn Tage später in der Wiener Zeitung, dass der Skandal ohne Konsequenzen bleiben dürfte. Die AG hatte kaum nennenswerte Verluste bei der ÖH-Wahl erlitten. Zumindest ein Mitglied der Facebook-Gruppe übernahm angeblich sein AG-Mandat, als ob nichts geschehen wäre.

    Die große Empörung hatte stattgefunden, die antifaschistische Blase hatte gezeigt, wie sie einig gegen das Böse zu kämpfen bereit ist. Und dann – nichts.

    Aber es handelt sich mit großer Wahrscheinlichkeit bei den mehr als dreißig Studierenden nicht um einen Ausreißer. Nein, wir müssen doch davon ausgehen, dass hier ein System sichtbar wird. Und mit ihm wird klar, dass die Aufklärung über die Schoa, wie sie heute betrieben wird, nicht mehr funktioniert. Mit hunderten Gedenkvereinen, mit Denkmälern, mit dem Präsentieren hundertjähriger Opfer lässt sich die junge Elite unseres Landes nicht überzeugen.

    Anne Frank, so dachten wir, wäre das große Symbol für erlittenes Leid und Unrecht. Mit ihr würden sich heutige Jugendliche identifizieren. Wer ihr Versteck in Amsterdam besucht, wer ihr Tagebuch gelesen hat, der würde ein für alle Mal davor gefeit sein, Minderheiten töten und zu Asche machen zu wollen.

    Wenn selbst Studierende der Rechtswissenschaften den Massenmord in ihrer Spaß-Ecke abfeiern, dann braucht es einer neuen, einer grundsätzlichen Überlegung. Wir dürfen uns nicht mit der Aufregung über eine singuläre Erscheinung zufriedengeben. Zumindest muss überprüft werden, ob sich nicht eine allgemeine Stimmung breitmacht. Die Generationen wechseln rasch und was heute stimmt, kann morgen völlig anders sein. Vielleicht ist auch für junge Menschen die Zeit der Schoa ein so weit zurückliegendes historisches Ereignis, dass sie keinen Zusammenhang mit ihrem Leben herstellen können.

    Wir brauchen jetzt einen großen gesellschaftlichen Diskurs darüber, wie wir verhindern, dass junge Leute Massenmord lustig finden. Wie kann die Herzensbildung in Zeiten der Vereinzelung und krankhaften Konkurrenz funktionieren? Wirkt emotionale Betroffenheit überhaupt nachhaltig, kann man mit Beispielen aus der Nazi-Zeit jemanden überzeugen? Warum sind zwar durchaus viele Kids imstande, die Wirkungen von Unrechtssystemen zu erkennen und zu verurteilen, andere offensichtlich aber nicht? Was tun wir, damit sich angehende Juristen und andere Jugendliche nicht zu Spießgesellen im Geiste von dumpfen Altnazis und islamistischen Terroristen machen, die wie sie das Judenvernichten toll finden? Klingt hart, ist hart.

    Wenn die Menschenverachtung vieler Mitglieder der AG Jus uns nicht aufrüttelt, uns nicht zeigt, dass grundsätzlicher Handlungsbedarf gegeben ist, dann haben wir die Verantwortung für das Funktionieren unserer demokratischen Gesellschaft aufgegeben. Vor dem „Nie wieder“ muss analysiert werden, wo wir heute stehen und was wir besser machen müssen. Ein Rezept könnte sein, die Förderungen für die unzähligen NGOs, die sich mit Gedenkkultur befassen und in Vereinsmeierei versinken, durch Geld für moderne sozialwissenschaftliche Forschung zu ersetzen, die sich mit der Gegenwart und Zukunft befasst. Die AG Jus ist auch ein Versagen der antifaschistischen Arbeit – irgendwann, lieber früher als zu spät, werden wir das akzeptieren und neue Wege suchen müssen.

    Ihr Peter Menasse, Chefredakteur

    Peter Menasse
    Der NU-Chefredakteur ist selbstständiger Kommunikationsberater und Publizist. Er lebt in Wien und im Burgenland.
    Peter Menasse

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