Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Ben Dagan | Nr. 70 (04/2017) - Kislev 5778
  • Was will Johann Gudenus in Maly Trostinec?

    VON IRENE BRICKNER (TEXT UND FOTO)

     

    Johann Gudenus ist ein Mann der Rechten, einiges weist darauf hin, dass man auch „der extremen Rechten“ sagen kann. Der Sohn einer 1907 von Kaiser Franz Joseph in den Grafenstand erhobenen Familie ist Mitglied einer deutschnationalen schlagenden Schülerverbindung – der Wiener pennalen Burschenschaft Vandalia. In der FPÖ ist er ein Politiker der ersten Reihe: der 41-jährige Wiener Vizebürgermeister gilt in seiner Partei durchaus als ministrabel.

    Daher würde man, dem politischen Kompass Österreichs folgend, wie er seit Gründung der Zweiten Republik galt, Gudenus nicht auf der Seite einer Initiative vermuten, die sich das Gedenken an bisher fast vergessene Opfer des Völkermords der Nazis an den Juden zur Aufgabe macht. Doch genau das ist das Fall.

    Im heurigen Juni stand Gudenus kurz davor, einen Beschlussantrag für eine „ideelle und finanzielle“ Beteiligung der Bundeshauptstadt am Bau eines Denkmals für die in Maly Trostinec ermordeten rund 13.500 Wiener Juden und Jüdinnen im Wiener Landtag einzubringen. Die Errichtung eines Grabmals mit den eingravierten Namen aller an dem im heutigen Weißrussland liegenden Ort erschossenen und vergasten Menschen wird seit Jahren von der Initiative Malvine der Wiener Mediatorin Waltraud Barton gefordert.

    Der Blauen-Beschlussantrag brachte im Wiener Landtag die Grünen ins Schwitzen. Sie wollten einen Alleingang der FPÖ bei diesem antifaschistisch konnotierten Thema verhindern. In letzter Minute gelang es ihnen, ein Allparteien-Papier auf die Beine zu stellen. In den Wochen davor hatten sich SPÖ und ÖVP bedeckt gehalten.

    „Ich bin kein Klon meines Vaters“

    In seinem Papier unterstützt der Wiener Landtag und Gemeinderat einen Entschließungsantrag des Nationalrats von Oktober 2016, der wiederum die Bundesregierung einstimmig auffordert, in Maly Trostinec für die „Umsetzung und Finanzierung eines würdigen Denkmals“ zu sorgen. Beide Beschlüsse sind bislang folgenlos geblieben. Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) und Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP), in inniger Feindschaft voneinander entzweit, schoben einander wechselseitig die Verantwortung fürs Geldaufbringen zu.

    Auch den FPÖ-Mann Gudenus könnte das Thema Maly Trostinec bald wieder einholen, sei es im bis 2020 bevorstehenden Wiener Wahlkampf oder gar in der Bundesregierung. Vor Redaktionsschluss verhandelte der schlagende Burschenschafter bei den türkisblauen Koalitionsgesprächen das Kapitel Außenpolitik für die FPÖ.

    Umso wichtiger für den künftigen Umgang des offiziellen Österreich mit seiner nationalsozialistischen Vergangenheit ist daher die Frage: Was will Gudenus in Maly Trostinec? Ist sein Engagement pures Kalkül? Oder zeigt sich darin eine Abkehr von der Holocaustverleugnung und dem Antisemitismus, die in weiten Teilen der FPÖ jahrzehntelang vorherrschten, ähnlich wie es in Frankreich Marine Le Pen dem Front National verordnet hat? Oder, anders gefragt: Sind Initiativen wie jene der FPÖ zu Maly Trostinec ein Hinweis, dass diese Partei für Juden und Jüdinnen akzeptabler geworden ist? Vielleicht sogar wählbar?

    „Ich bin kein Klon meines Vaters“, sagt Gudenus in einem Kurier-Artikel vom 8. April 2017. Zusammen mit dem jüdischen Wiener FPÖ-Nationalratsabgeordneten David Lasar und einem Kurier-Redakteur war er nach Weißrussland gereist und hatte am „Tor der Erinnerung“ in Maly Trostinec – einer großen, zweigeteilten Skulptur aus Stein, die ausgemergelte und gefesselte Menschen darstellt – einen Kranz mit rot-weiß-rotem Blumenschmuck und Banderole niedergelegt.

    Auch die Blagowtschina besuchte Gudenus an diesem Tag: jenen in der Nähe gelegenen Wald, in dem die Massenerschießungen und Vergasungen der aus Wien deportierten Jüdinnen und Juden sowie zehntausender anderer stattfanden. Dabei wurden sogenannte Gaswagen eingesetzt, in denen die Menschen durch ins Wageninnere geleitete Auspuffgase erstickten. Dies gilt als Vorform des systematischen Vergasens in eigens errichteten Kammern, deren Existenz sein Vater, der 2016 verstorbene John Gudenus, geleugnet hatte. Dafür wurde dieser gerichtlich verurteilt. „Wir waren in dieser Frage nicht einer Meinung“, sagt, laut Kurier, Johann Gudenus über seinen Vater. Sowie, konturlos und seltsam unbestimmt, zu Maly Trostinec: „Es ist unbegreifbar, was hier passiert ist.“ Ein persönliches Gespräch mit ihm für NU, Face to Face oder am Telefon, scheiterte trotz dreimaligen Anlaufs und Bemühungen des Wiener FPÖ-Pressesprechers an Unabkömmlichkeiten auf beiden Seiten.

    Blockiert auf Regierungsebene

    Keinen Kontakt mit Gudenus hatte bisher auch die Grabmals-Projektinitiatorin Barton. Nicht er, sondern Lasar habe sie im heurigen Frühjahr kontaktiert, um sie zu fragen, ob sich die FPÖ bei ihrem Wiener Beschlussantrag auf ihre Aktivitäten berufen könne. „Im Totenbuch von Maly Trostinec steht der Name Lasar sechsmal“, sagt Barton, „ich habe erwidert, dass wir auf privater Ebene in Maly Trostinec also die gleichen Interessen haben“. Die FPÖ- Initiative selbst habe sie aber nicht unterstützen wollen: „Es gibt ja ohnehin den einstimmigen Allparteienantrag des Nationalrats.“ Fest stehe, so Barton: „Gudenus und die FPÖ können sich die Unterstützung für das Grabmal in Maly Trostinec auf die Fahnen heften, weil die Bundesregierung bisher nicht tätig geworden ist.“ Nach dem Nationalrats- Entschließungsantrag „hätte Kanzler Kern als Regierungschef einfach sagen können, wir machen und finanzieren es.“ Bis zur Bildung der neuen Regierung könne Kern das immer noch, betont die Projektinitiatorin. Auch von der Israelitischen Kultusgemeinde würde sie sich „noch mehr ideelle Unterstützung für das Grabmal wünschen. Ein bisschen mehr Druck von dieser Seite würde dem Projekt sicher nützen.“

    Das gegenseitige Misstrauen von SPÖ und ÖVP habe das Projekt auf Regierungsebene blockiert, sodass sie Gudenus und der FPÖ das Feld überlassen hätten, meint auch Richard Meisel, Psychotherapeut aus Wien. Als Quelle der rot-schwarzen Ablehnung vermutet er nicht aufgearbeitete Geschichte, „vor allem bei der ÖVP“. Sie und die SPÖ würden immer wieder auf ihre offene Feindschaft im österreichischen Bürgerkrieg 1934 und den darauffolgenden klerikalfaschistischen Ständestaat zurückgeworfen.

    So gerate die FPÖ in die Rolle eines freier agierenden Dritten, „sogar bei einem Thema wie Maly Trostinec“. Zumal bei den Blauen angesichts der nur wenigen in Österreich lebenden Juden „der Antisemitismus zugunsten der Muslimenablehnung in den Hintergrund geraten ist“, wozu Meisel auch meint: „Ich könnte mir vorstellen, dass es in der FPÖ, was Juden betrifft, zwei verschiedene Realitäten gibt: eine offizielle und eine inoffizielle.“

    Andreas Peham, Rechtsextremismusexperte beim Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (DÖW), vermutet eine weitere Doppelwahrnehmung bei der FPÖ: „Man unterstützt, wenn es sich um ein Denk- oder Mahnmalprojekt im Ausland handelt. Im Inland schaut es anders aus“, sagt er unter Hinweis auf etliche Blauen-Proteste gegen antifaschistische Straßenumbennenungs- und Denkmalpläne in Österreich.

    Im vergangenen Mai fuhr Meisel mit Bartons Initiative Malvine nach Minsk. Ein Onkel und eine Tante von ihm wurden in der Blagowtschina ermordet. Sollte dort auf Mitbetreiben einer möglicherweise in der Regierung befindlichen FPÖ ein Mahnmal für die ermordeten Wiener Jüdinnen und Juden errichtet werden, wäre das angesichts der antisemitischen Traditionen in dieser Partei „eigentlich ein Wahnsinn“, sagt er. Miron Neugasser, ein Musiker aus Wien, der im Frühjahr mitreiste, um seine in Maly Trostinec ermordeten Großeltern zu betrauern, bringt es auf den Punkt: „Sie würden es im Namen des österreichischen Staates tun. Ihnen täte das nicht weh.“

    Irene Brickner

    Irene Brickner

    ist Journalistin und Autorin in Wien und arbeitet für den Standard. Sie ist im Vorstand von Waltraud Bartons Verein Malvine aktiv.
    Irene Brickner

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