Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Maschek | Nr. 64 (02/2016) - Siwan 5776
  • “4” – Eine Annäherung an die klassische Musik

    Daniel Kutschinski: ein Cineast, den man häufiger in Konzerten als in Kinos sieht.

    VON KATRIN DIEHL (TEXT) UND KORNELIA WAGNER (FOTO)

    Lockenhaus im Burgenland hat etwa 2000 Einwohner, und es hat eine Burg, die seit Jahrhunderten auf einem Felsriegel trutzt. Ungarn ist einen Steinwurf entfernt, New York sehr weit weg.

    Seit 1981 hat Lockenhaus ein Kammermusikfest, gegründet vom Geiger Gidon Kremer. Jeden Sommer lassen sich exzellente Musiker zehn Tage lang auf Ungewissheit und aufeinander ein. Experimentierfreunde garantieren ein Programm der besonderen Art. Selbst die New York Times nimmt von Lockenhaus Notiz und bewertet das Musikfest als „one of the most refined music festivals“. Seit 2012 liegt die künstlerische Leitung des Kammermusikfests beim Cellisten Nicolas Altstaedt. Er ist fürs Programm zuständig und hat für dieses Jahr entschieden, zwischen Proben, Meisterkursen und Konzerten den Dokumentarfilm 4 zu zeigen, für Altstaedt „der beste Film, den ich je über klassische Musik gesehen habe“. Zur österreichischen Premiere von 4 wird Daniel Kutschinski, Regisseur des Films, anreisen.

    Wahre Kunst

    4 dauert 94 Minuten und gibt die Sicht frei auf das Musikerleben der vier Streicher des meisterhaften französischen Streichquartetts „Quatuor Ébène“. Der unverstellte Blick setzt Vertrauen der Musiker voraus. Kutschinski – und mit ihm der Zuschauer – kommt Menschen wie Musik ganz nahe. Gespannt verfolgt man die leidenschaftlichen Diskussionen um den richtigen Ton, das abenteuerliche Suchen nach Worten, um Musik zu beschreiben. Man lauscht den selbstkritischen Kommentarfetzen hinter der Bühne, während draußen geklatscht und gejubelt wird und die vier gleich wieder hinaus müssen, um sich ein nächstes Mal zu verbeugen. Die Kamera scheint bei 4 weder für die Musiker noch für die Zuschauer vorhanden zu sein. Als „wahre Kunst“ empfindet Nicolas Altstaedt diesen Dokumentarfilm.

    Dass Kutschinski in seinem ersten Langfilm eine Annäherung an klassische Musik und deren Protagonisten gewagt hat, hat mit einer fast lebenslangen Passion zu tun: „Ich bin ein Cineast, den man häufiger in Konzerten als in Kinos sieht.“ Er ist ein Kenner der klassischen Musik, ist ihr nahe von Kindesbeinen an.

    1966 in München geboren, hat Kutschinski an der dortigen Hochschule für Film und Fernsehen studiert. Er hat begonnen, Kurzfilme zu drehen, von denen einige auch auf internationalen Festivals zu sehen waren. Nachdem er sich zusammen mit Wolf Seigel in Physiologus mit der wirkungsreichen, frühchristlichen Textsammlung gleichen Namens befasst hatte, hat er sich auch jüdischen Themen zugewandt, so zum Beispiel in der Erzählung vom Truthahn, einem Film nach einer Geschichte von Rabbi Nachman von Bratslav. In Konzert für Millionen, einer „Variation über ‚Sie mögen ruhen in Frieden‘“, sieht man während etwa fünf Minuten und in genau zwei Bildeinstellungen nichts als zwei Stellen eines Stücks Stoff – die eine durchwirkt mit kostbaren Fäden, die andere zerstört. Zu hören ist das mechanische Klopfen eines erkaltenden Ofens.

    Das Judentum sei Teil seiner Identität, sagt Kutschinski, habe aber nichts mit seinem Glauben zu tun.

    4 hat Ende letzten Jahres bei seiner Weltpremiere auf dem Dokumentarfilmfestival DOCLA in Los Angeles den Hauptpreis als „Best Documentary“ zuerkannt bekommen. Stationen auf europäischen Filmfesten folgten, begleitet von breiter Anerkennung und Begeisterung. 4 steht für das Interesse am Menschen als etwas äußerst Lohnenswertem. Eine Botschaft, die es zu verbreiten gilt.

     

    Das Kammermusikfest Lockenhaus findet von 7. bis 16. Juli 2016 statt.

    Mehr Informationen dazu und zum Film unter www.kammermusikfest.at und www.4-thefilm.com.

    Katrin Diehl

    Katrin Diehl

    ist nach ein paar Semestern an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg nach München an die Deutsche Journalistenschule gewechselt. Seitdem lebt sie dort und ist als freie Journalistin tätig
    Katrin Diehl

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